# 34|2013: Populismus/Interviews

Roman Rafreider im Interview

Rafreider_FotoWas macht man mit einem Studium der Politikwissenschaften? Wir starten mit dieser Ausgabe die neue Interviewreihe „Politikwissenschaft in der Praxis“. Dabei werden wir unter anderem mit Politologen aus Wissenschaft, Journalismus und Diplomatie über ihr Studium und die damit verbundenen Erfahrungen im Berufsleben sprechen.

* Geführt von Dominik Hultsch und Michael Mayerhofer.Bringt ein Studium der Politikwissenschaften überhaupt etwas? Ja, sagt Roman Rafreider, Nachrichtenmoderator der Zib20 und Zib24 beim ORF. Mit ihm sprachen wir über das Spezifikum der Politikwissenschaften, seinen Job beim ORF, was er von der Mindeststudienzeit hält und warum er vom Publizistikstudium abrät.

Politix: Kennst du den Witz: Was fragt ein Politikwissenschaftler mit Job einen Politikwissenschaftler ohne Job?

Rafreider (lacht): Nein

Politix: Darf’s noch eine Apfeltasche [Anm.: von McDonalds] sein?

Rafreider: (Lacht noch mehr)

Politix: Der Witz reflektiert eben den Eindruck, dass man als Absolvent der Politikwissenschaften, abgesehen vom wissenschaftlichen Bereich nichts wird oder einen Job mit mäßiger Bezahlung bekommt. Wie stehst du zu dieser These? Siehst du das ähnlich?

Rafreider: Also ich habe eher den Eindruck, dass das Politikwissenschaft-Studium eher an Eindruck gewonnen hat als es eingebüßt hat. Zu meiner Zeit gab es die Möglichkeit entweder BWL oder Jus zu studieren oder halt etwas ganz anderes wie Medizin. Politikwissenschaft war da nicht gern gesehen. Ich hab da den Eindruck, dass sich das verändert hat. Auch wenn ich das jetzt aus dem Blickfeld eines Journalisten sehe, aber wir holen uns laufend Politologen ins Studio. Dies geschieht viel öfters als früher. Das Feld der Politikberatung spielt meiner Meinung nach eine viel wichtigere Rolle als früher. Es gibt, aus meiner Sicht einerseits viel mehr Jobs für Politikwissenschaftler und andererseits suchen viele Unternehmer nicht mehr nur Jus und BWL Absolventen sondern z. B. Mediziner und auch Politologen, weil diese andere Zugänge zu ihren Wirtschaftsgeflechten haben. Ich habe den Eindruck, dass sich in der Privatwirtschaft so einiges geöffnet hat. Das Problem der Politikwissenschaft ist ja offenbar, dass es zu viele interessiert. Es ist ja auch ein hochspannendes Studium.

Politix: Wieso sollte man sich denn trotz der anscheinend mässigen Berufsaussichten trotzdem für dieses Studium entscheiden?

Rafreider: Mit einem Beginn des Politikwissenschaft Studiums ist ja noch nichts verloren. Es interessiert einem, Zeitung liest man auch gerne, was mache ich daraus? Ein Studium der Politikwissenschaften. Gleich vorweg: Ich würde es wieder studieren. Ich weiß jetzt nicht wie die Pläne heutzutage sind, aber du kannst dir das Politikstudium selbst schnitzen. Also welche Ausrichtung. In Jus machst du halt deine 16 Prüfungen und das war es. Bei Politikwissenschaft studiert jeder in eine andere Richtung. Manche eher in die philosophische, anderer in die internationale Politik. Und ich glaube, das haben die Leute außerhalb, sprich die Unternehmer und so weiter auch schon entdeckt. Weil wenn jemand das Studium der Politikwissenschaft fertig macht, dann hat er sich ja was dabei überlegt. Und hat nicht einfach so seine 16 Jus Prüfungen absolviert. Im besten Fall hat man also schon während des Studiums einen Plan gehabt, was man denn mit diesem anfangen möchte.

Politix: Was können sie denen empfehlen, die gerade das Politikstudium beginnen und was kann man während des Studiums machen, damit man später dann bestmögliche Chancen hat um im Berufsfeld des Journalismus Fuß zu fassen und was empfehlen sie einem Absolventen? Oder sollte man das Studium der Politikwissenschaft erst gar nicht beginnen sondern lieber gleich bei der Zeitung zu schreiben beginnen?

Rafreider: Nein, also ein Studium ist in jedem Fall ratsamer. Ich mein wenn man Politikwissenschaft studiert, macht man dies ja nicht nur wegen der Karriereaussichten. Es geht ja um viel mehr im Studium als den darauffolgenden Job. Ist doch auch eine Horizonterweiterung.

Zur Frage: Ich finde, wenn man unbedingt Journalist werden will sollte man trotzdem vorher den Fachbereich studieren. Man kann ja nebenher bei Medien, sei es Zeitung, Radio oder Fernsehen mitwirken. Es gibt es hier aber keine Universalantwort. Logisch ist es natürlich schon, die ganze Zeit neben dem Studium etwas in jenem Bereich zu machen in dem man später arbeiten will. Für einen Politikstudenten ist die Situation nicht aussichtslos. Man kann halt alles oder nichts daraus machen. Würde ich dieses Interview mit 2 Publizistikstudenten machen, würde die Antwort anders ausfallen. Denn damit kann man weit weniger anfangen. Ein Abschluss eines Studiums ist aber keine Voraussetzung um Journalist zu werden. Für den Journalismus gibt es ja eigentlich keine generelle Ausbildung. Viel wichtiger ist es Erfahrung zu sammeln. Dafür muss man halt erstmals in Redaktionen reinkommen.

Politix: Was halten sie eigentlich von einer Mindeststudienzeit? Es wird ja propagiert, man solle gefälligst in Mindeststudienzeit studieren und nicht unnötig das Studium hinauszögern.

Rafreider: Gar nichts halte ich von dem. Ich finde, dass ein Studium schon länger dauern kann, weil es auch für einem selbst gut ist. Ich habe mich anfangs auch selbst finden müssen und letztendlich mit Politikwissenschaft dann das richtige Studium gewählt. Sprich wenn man es sich leisten kann finde ich es ganz großartig wenn man nicht nur das Ziel hat sein Studium in Mindeststudienzeit zu absolvieren, sondern auch Wert auf Auslandsaufenthalte usw. legt. Es spielt doch heutzutage eine viel größere Rolle wie jemand studiert. Jemand der sein Studium so schnell wie möglich fertig bringt um danach gleich im Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können hat es meiner Meinung nach tendenziell schwieriger als jemand, der während des Studiums schon Praktika   macht und damit Erfahrung sammelt. Deswegen habe ich den Eindruck, dass Spitzenmanager die halt Leute einstellen mehr darauf schauen wie sich jemand entwickelt hat und was jemand aus diesem Studium gemacht hat als früher. So eine oder einen, der sein Politikstudium in Mindeststudienzeit absolviert und sonst nichts gemacht hat, den würde ich ehrlich gesagt nicht einstellen.

Politix: Anderes Thema. Wie beurteilst du eigentlich, dass speziell Jugendliche unter 30 Jahre ihre politische Information vermehrt aus Politik Satire Sendungen wie der „Daily Show“ beziehen?

Rafreider: Das ganze ist halt deswegen interessant weil es lustig ist. Aber deswegen erfährst du nicht mehr über Politik. Mit solchen Sendungen versteht man die Politik jetzt nicht unbedingt besser. Ich bin mir auch nicht sicher ob es stimmt, dass Jugendliche wirklich vermehrt ihre politische Information aus solchen Satire Sendungen beziehen. Solche Shows schauen ja meistens genau jene, die sowieso Zeitungen lesen und die „seriösen“ Nachrichten konsumieren. Alles andere würde für mich absurd sein. Die viel größere Gefahr sehe ich darin, dass zusehends nicht unbedingt hochpolitische Talkshows, Politiker zu einem Interview ins Studio einladen. Das ist für die Politiker dann die perfekte Bühne sich zu präsentieren, weil dort nicht so wahnsinnig kritische Fragen gestellt werden. Man bewegt sich an der Oberfläche, private Fragen dominieren meist das Interview.

Da darf man aber nicht nur die Politiker und die Sendungen kritisieren, sondern auch jene Leute die sich solche Interviews dann letztendlich auch anschauen. Nur die wenigsten schauen sich zum Beispiel eine Parlamentsdebatte an.

Politix: Gibt es eigentlich journalistische Unabhängigkeit?

Rafreider: Nein natürlich nicht. Jeder wird in seinem eigenem Umfeld sozialisiert. Aber das ist doch bitte etwas anderes als wenn man ein Parteibuch unterschreibt. Du hast eine Meinung, du hast einen Standpunkt, bist sozialisiert und politisiert. Das ist ja auch gut so. Gehst ja auch hoffentlich wählen. Aber ein professioneller Journalist muss halt zwischen Privatmeinung und unabhängigen Nachrichten unterscheiden können. Es darf keine Rolle spielen ob man jetzt Politiker interviewt die man weniger gerne mag oder umgekehrt. Ich glaube also sehr stark daran, dass Journalisten tendenziell unabhängig sind und die Abhängigen eher die Ausnahme bilden.

Politix: Wie siehst du die steigende Konkurrenz des ORF?

Rafreider: Finde ich großartig. Dadurch muss sich der ORF ja zunehmend mehr anstrengen um sein Profil weiter zu schärfen. Bei uns, sprich im ORF gab es ja lange keine eigene Werbeabteilung, weil man glaubte das nicht notwendig haben zu müssen. Die österreichischen Fernsehsender wie Puls 4, ATV und Pro Sieben stellen eher eine kleine Konkurrenz dar. Viel größere Konkurrenz kommt da aus Deutschland. Die damalige Zib3 wurde ja erfunden, weil RTL das Nachtjournal aufgesetzt hat und dem ORF dadurch viele Zuschauer wegschnappte.

 

Wordrap:

Politikwissenschaft: Ein Studium das sehr erstrebenswert ist, gemacht und abgeschlossen gehört

Frank Stronach: Gewinn für die österreichische politische Landschaft.

Twitter: Sollte jeder Journalist eigentlich dabei sein.

Guten Abend Österreich: Sehr bemühte Sendung von sehr engagierten Kollegen.

Beppe Grillo: Polit Clown, der eigentlich so übel ist wie sein Kopf.

Sommerloch: Gibt’s eigentlich nicht.

ORF wie Wir: (lacht) immer noch besser als alles bleibt besser (Anm. Red.: ehemaliger ORF Slogan)

Praktikum im Journalismus: Harte Nuss, aber es kommt darauf an was man daraus macht.

Homoehe: Sollte eigentlich in einem Wordrap gar nicht mehr vorkommen müssen, sondern selbstverständlich sein müssen.

 

Heft # 34|2013 als pdf

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