# 35|2014: Religion & Staat/Rezensionen

Rob Nixon (2011): Slow Violence and the Environmentalism of the Poor Cambridge, Mass.: Harvard University Press

Rez_Slow-ViolenceRob Nixon kontextualisiert die Sorgenkinder der umweltpolitischen Debatten der letzten Jahrzehnte in einem theoretischen Gebäude aus dem Stoff aktueller geistes- und kulturwissenschaftlicher Ansätze zu Gewalt und Literatur. Er versucht dabei ein Brücke von literarischen Texten zur environmental philosophy bzw. environmental political theory und human-ökologischen Überlegungen zu schlagen.
Zu diesem Zweck führt Nixon erstens den Begriff Slow Violence ein, den er zum Begriff der strukturellen Gewalt bei Johan Galtung durch eine Herangehensweise abgrenzt, die von dispersen Auswirkungen bestimmter Handlungen in Raum und Zeit ausgeht (environmental injustice). Konzepte von Gewalt, als z.B. einem aus einer bestimmten Situation entspringenden ephemeren Akt, sind für die Konzeptualisierung von netzförmigen, amorphen, langwierigen oder exponentiell sich ausbreitenden negativen Effekten in einem globalen Maßstab nicht ausreichend, so Nixon. Die Opfer von Slow Violence sind „the casualties most likely not to be seen, not be counted.“ (13) Zweitens arbeitet sich Nixon mithilfe postkolonialer Theorien an einer Kritik des neoliberalen globalen Wirtschaftens und der Fixiertheit der Medienberichterstattung auf den ,schnellen Spaß‘ ab. Damit wird auch die Position des Schreibenden deutlich abgesteckt: Nixon’s Perspektive ist zwar eine globale aber zunächst durchaus USA-fixierte, die sich dem Anprangern der üblen Machenschaften multinationaler Konzerne in Form von„global crimes of environmental racism“ (59) verschrieben hat. Da sich die Visualisierbarkeit und Übersetzbarkeit der Langzeiteffekte der Slow Violence so schwierig gestaltet, setzt Nixon drittens auf den Einsatz aller nur denkbaren ästhetischen Mittel durch „writer-activists“ (15).
Nixon analysiert zu allererst Animal’s People von Indra Sinha, einen fiktionalen Roman, der zum Hintergrund die Konsequenzen des Desasters von Bhopal hat und der sich mit sehr dunkler Tinte um eine Anklage der gravierenden politischen Versäumnisse bemüht. Nixon vergleicht durch die Besprechung hindurch Bhopal mit mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, den Folgen des Einsatzes von DDT in der Landwirtschaft sowie von des sog. Agent Orange im Zuge des Vietnam-Kriegs.
In Kapitel zwei setzt sich Nixon anhand des Romans Cities of Salt von Abdelrahman Munif mit der Abhängigkeit des vorherrschenden Wirtschaftssystems von fossilen Energieträgern auseinander. Er zeichnet Munifs Kritik der internationalen Machtstrukturen nach, die sich auf folgende Formel herunterbrechen lässt: „As a rule of thumb, the greater a state’s reliance on a single mineral resource, the greater the chances that state is undemocratic, militaristic, corruption riddled and governed without transparency or accountability.“ (69-70)
In Kapitel drei bespricht Nixon weiters den Kampf Ken Saro-Wiwas und der Ogoni in Nigeria gegen u.a. Royal Dutch Shell und das Abacha-Regime in den 1990ern als Abhandlung zum Fall ,Micro-Minorität‘ vs. transnationaler Erdöl-Konzern vor dem Hintergrund einer diktatorisch geführten Gesellschaft. Saro-Wiwa, vor allem als versierter Schriftsteller und Meinungsmacher bekannt, wurde 1995 für den Widerstand gegen die Zerstörung des Niger-Deltas zum Tode verurteilt und hingerichtet.
In Kapitel vier präsentiert Nixon das „rival narrative of national security“ (129) des Green Belt Movement in Kenia als Anliegen, die Bedrohung eines Territoriums in Form von „environmental assaults“ (131) zu formulieren. Zu diesem Zweck beschäftigt sich Nixon mit Wangari Maathais „intersektional environmentalism“ (138) bestehend aus ihrem Zugang zu Gender-Politik, dem konzeptiven Prozess zur Sichtbarmachung der Verbindung von Armut und Umweltzerstörung („The Theatre of the Tree“ {132}) und den Demokratiebestrebungen bzw. den Widerstand gegen das Regime unter Daniel arap Moi.
Kapitel fünf setzt sich anhand der Handlungsstränge ,Megadamm‘ und ,Atomtestgebiet‘ mit Enteignungen, Zwangsumsiedlungen und der Vertreibung von „surplus people“ sowie ihrer Konstruktion durch „imaginative expulsion“ (151) auseinander. Besprochen werden u.a. Texte von Rebecca Solnit, Arundhati Roy und Edward Abbey, deren Werke eine Schnittmenge im Bereich von Paradoxien nationaler Einheit, technologischen ,Fortschritts‘ und Dominanz auf internationaler Ebene aufweisen.
In Kapitel sechs werden Narrative zu ,Megafauna, Rassismus und Tourismus‘ anhand des Safari-Tourismus in Südafrika erörtert. Die Bedeutung der Mythen von Exklusivität, Reichtum, Wildnis, Nation, Hautfarbe und Männlichkeit werden mit Texten von Njabulo Ndebele, James Baldwin und Nadine Gordimer aufgeworfen.
„What is a war casualty?“ (200) In Kapitel sieben wirft Nixon ein kritisches Licht auf die Polemik des ,sauberen‘ Krieges und die langfristigen oder besser unabsehbaren Konsequenzen zeitgenössischer Kriegsführung anhand von depleted Uranium (DU) munition, Cluster-Bomben und Landminen. Nixon gerät schließlich an eine Grenze, wenn er danach fragt was es bedeutet Kriegsopfer zu zählen, wenn die radioaktive Verseuchung durch DUs (mit einer Halbwertszeit von 4,51 Mrd. Jahren), weder zwischen FreundIn oder FeindIn unterscheidet noch in ihrer zeitlichen und räumlichen Ausdehnung kontrollierbar und quasi unumkehrbar ist. Das Kapitel bringt m.E. weiters am klarsten zu Papier was Nixon mit seinem Begriff ,Slow Violence‘ beschreiben will.
Das letzte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit den Wissenschaften und den Scheuklappen von gleichermaßen Environmental und Postcolonial Studies, die Nixon durch sein Buch hindurch versucht zu versöhnen. Er kontrastiert dabei die jeweiligen Stärken und Schwächen der Disziplinen und fordert mehr Interdisziplinarität und gegenseitiges Interesse.

Slow Violence and the Environmentalism of the Poor ist eine literaturwissenschaftliche Kriegserklärung an die politische Kurzschlusshandlung und ein Plädoyer für das Denken in komplexen Zusammenhängen. Die Stärken des Buches liegen zunächst in seiner glaubhaften globalen Ausrichtung und dem analytischen Wert des Slow Violence Konzeptes für das Verständnis negativer Effekte in Ökosystemen und Gesellschaften. Der Aufruf die Mittel ästhetischer Repräsentationen zum Zwecke politischer Mobilisierung auszuschöpfen kann ambivalent betrachtet werden, und bleibt auch seltsam deskriptiv, wenn auch sprachlich sehr attraktiv verpackt. Das Buch ist thematisch sehr gut strukturiert und sprachlich hervorragend gewoben, lässt aber eine tiefer gehende Konzeptualisierung und theoretische Verortung des Slow Violence Konzepts vermissen. Letztlich stellt sich doch die Frage, ob Nixon nicht den Gewaltbegriff überdehnt und damit seine analytische Brauchbarkeit ins Nirvana schickt. Zusätzlich ist zu bemängeln, dass er eine umfassende Auseinandersetzung mit vorhandenen Konzepten zu Macht und Gewalt schuldig bleibt (vor allem etwa Michael Watts Silent Violence, 1983), aber Slow Violence als Kontrastprogramm argumentiert. Das Konzept bleibt daher skizzenhaft.
Wer aber etwas über gut recherchierte Literatur zu environmentally engaged wirter-activism wissen will und jede Menge Fallbeispiele aus virtuosen Federn präsentiert haben möchte, tut auf jeden Fall gut daran Nixons Buch zu lesen; auch trotz und wegen pretty advanced English.

Melanie Konrad

Heft # 35|2014 als pdf

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