# 36|2014: Sexualität & Geschlecht/Rezensionen

Kathrin Glösel, Natascha Strobl, Julian Bruns (2014): Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa. Münster: Unrast Verlag

die_idisSonntag am Wiener Stephansplatz, eine Gruppe schwarz Vermummter tritt auf, zwei von ihnen zücken die Messer und stellen eine Köpfung des ,Islamischen Staates‘ nach. Anschließend werden die entsetzten ZuseherInnen über ,Masseneinwanderung‘, ,Islamisierung‘ und die damit verbundene Terrorgefahr belehrt. Es sind aktionistische Methoden wie diese, mit der die neue rechte Jugendbewegung ,die Identitären‘ versucht, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und gleichzeitig ihr Anliegen, die Angst vor dem Islam zu schüren, voranzutreiben. In die gleiche Richtung gehen ihre Internetauftritte. Gespickt mit Symboliken der Popkultur versuchen die Identitären neue Zielgruppen möglichst niederschwellig anzusprechen, indem offen rassistische Ausgrenzungen vermieden werden und stattdessen auf Begriffe wie ,Identität‘ oder ,Ethnopluralismus‘ verwiesen wird.

Es ist daher dringend an der Zeit die Identitären auch endlich politikwissenschaftlich in den Blick zu nehmen. Anfang dieses Jahres ist zu diesem Zweck im Unrast Verlag das Buch Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten von Julian Bruns, Natascha Strobl und Kathrin Glösel erschienen. Alle drei AutorInnen sind seit Jahren in antifaschistischen Bündnissen aktiv und können dadurch ihre praktische Erfahrung im Umgang rechten Gruppierungen mit ihrem wissenschaftlichen Hintergrundwissen verbinden. In ihrem Handbuch analysieren Bruns/Strobl/Glösel die Ideologie der Identitären und bieten einen kurzen Überblick über den Umfang der einzelnen nationalen Gruppen, ihre Vernetzungen im rechtskonservativ bis rechtsextremen politischen und publizistischen Umfeld, sowie ihre Strategien und Vorgehensweisen.
Bruns/Strobl/Glösel definieren Rechtsextremismus als Ideologie, in deren Zentrum die homogene ,Volksgemeinschaft‘ steht, von dieser als ,fremd‘ kategorisierte Personen ausgrenzt, Antimarxismus, Antiliberalismus und Antipluralismus betreibt sowie die Demokratie als formal egalitäre, partizipative Herrschaftsform ablehnt. Die AutorInnen beanstanden, dass die sogenannte ‚Extremismustheorie‘ ideologische Unterschiede, Grundannahmen und Auswirkungen von Links- und Rechtsextremismus auf eine Ebene stellt, Rechtsextremismus dadurch banalisiert und vermeintlich linksextreme Aktionen, die sich gegen Rechtsextremismus wenden, kriminalisiert. Bruns/Strobl/Glösel kritisieren ebenso zu starre Definitionen der Neuen Rechten, weil darin die Neue Rechte im Rechtsextremismus verortet wird und lediglich ,Kontakte‘ zu bürgerlichen Kreisen thematisiert bzw. behauptet werden. Stattdessen fällt ihre Definition der Neuen Rechte im Buch flexibler aus. Sie umfasse Personen, Medien und Gruppen, die sich gegen die Ideen von 1968, gegen Marxismus und politischen Liberalismus wenden und durch stark wertkonservatives bis rechtsextremes Gedankengut teilen. Bruns/Strobl/Glösel sehen die Neue Rechte daher als eigene ideologische Strömung, die sich einerseits von der offen rassistischen, antisemitischen ,Alten Rechten‘ und andererseits von reaktionärem und liberalem Bürgertum abgrenzt. Dieser Neuen Rechten werden schließlich auch die Identitären zugeordnet, denn eine plumpe Kategorisierung als bloße ,Neonazi-Gruppe‘ greife laut den AutorInnen zu kurz und verkenne Breitenwirksamkeit und Attraktivitätspotential.
Das Handbuch ist in vier Abschnitte unterteilt. Der erste Teil fasst die Geschichte der Neuen Rechten kurz zusammen und beschreibt Ideologie und AkteurInnen der sogenannten ,Konservativen Revolution‘, das theoretische Fundament der Neuen Rechten. Der zweite Teil umfasst einen kurzen Überblick zu den Ländergruppen der Identitären-Bewegung in Europa, wobei der Schwerpunkt auf Italien und Frankreich, den Ursprungsländern, sowie auf Deutschland und Österreich liegt. Außerdem beschäftigt sich der zweite Teil mit dem politischen und publizistischen Umfeld im deutschsprachigen Raum. Dadurch entsteht ein detailliertes Bild, auf welche Medien, Think-Tanks und Zentren die Identitären zurückgreifen können. Im letzten Teil kommen die AutorInnen zum Schluss, dass die Innovation der Identitären und ihrer Vorbilder (bspw. Casa Pond in Italien) lediglich darin besteht, sich als ,Jugendbewegung‘ zu in Szene zu setzen, bestimmte genuin linke Aktionsformen wie Besetzungen oder Flashmobs und popkulturelle Elemente zu verwenden. Durch Vernetzungen, gleiche Themenwahl und inhaltlicher Überschneidungen weisen sie nach, dass die dahinterliegende Ideologie eigentlich ein alter Hut der Neuen Rechten darstellt. Neben dieser ‚Dechiffrierung‘ beschreiben die AutorInnen am Ende des Handbuches noch weitere mögliche Gegenstrategien im Umgang mit den Identitären.

Berücksichtigt man Aktualität und Unabgeschlossenheit ihres Forschungsthemas, ist es den AutorInnen sehr gut gelungen erste Erkenntnisse über Ideologie, Aufbau, Methoden und Strategien der Identitären zu sammeln. Oft wird der/dem geneigten Leser/Leserin allerdings angesichts des Umfanges und der Vernetzung von Personen, Parteien und Einheiten aber ganz schön schwindlig, weshalb ein Personen- bzw. Institutionenregister am Ende des Buches äußerst hilfreich gewesen wäre. Darüber hinaus kann ein kurzes Handbuch selbstverständlich nicht detailliert auf das politische Umfeld der einzelnen Länder eingehen und jeden Begriff erschöpfend behandeln. Es wird aber durchaus der eigene Anspruch erfüllt, nachvollziehbar und in einfacher Sprache zu argumentieren, warum die Identitären den aktivistischen Flügel der Neuen Rechten darstellen, inwiefern sie je nach Land mit bestehenden rechtskonservativen bis rechtsextremen Parteien, Medien und Think-Tanks zusammenarbeiten und welche Strategien gegen die Methoden der neuen ,hippen, konservativen Rechten‘ sinnvoll wären. Zusammenfassend kann das Handbuch daher uneingeschränkt allen Menschen empfohlen werden, die sich schnell und dennoch eingehend über die Identitären informieren und Gegenstrategien andenken möchten.

Dominik Hultsch

Heft # 36|2014 als pdf

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