# 36|2014: Sexualität & Geschlecht/Artikel

Das Sexuelle ist politisch. Staatstheoretische Perspektiven auf Sexualitäten.

Sex&Geschlechtvon Gundula Ludwig

„Der Staat greift routinemäßig in sexuelles Verhalten ein, und zwar auf einem Niveau, wie es in keinem anderen gesellschaftlichen Lebensbereich geduldet werden würde“ (Rubin 2003: 53).

Wenngleich Gayle Rubin bereits 1983 in ihrem Aufsatz Sex denken in aller Deutlichkeit das Verhältnis von Staat und Sexualität als macht- und staatstheoretisch bedeutsames Feld herausstellt, sucht man im mainstream der Politikwissenschaft dennoch vergeblich Auseinandersetzungen mit Sexualität und Begehren. Weder finden sich dort Antworten auf Fragen, wie Sexualität politisch reguliert wird, noch auf Fragen, wie Sexualität gesellschaftliche Ordnung, Nation und Staat ermöglicht und legitimiert. Diese Fragen wurden in den letzten Jahren vielmehr ‚von den Rändern‘ der Politikwissenschaft aus, von queeren und postkolonialen Theoretiker_innen, bearbeitet. Diese Arbeiten haben sich mit der Bedeutung von Sexualität für die Konstruktion von Nationen, nationalstaatlicher Zugehörigkeit und citizenship auseinandergesetzt und aufgezeigt, dass Begehren und Sexualität fundamental mit (National-)Staatlichkeit verwoben sind. Einige dieser Einsichten werde ich im ersten Teil des Textes darlegen, ehe ich mich im zweiten Teil mit aktuellen sexuellen Politiken aus staatstheoretischer Perspektive befassen möchte.

Das rassisierende Regieren von Sexualitäten und Bevölkerungen

Ein wichtiger Ausgangspunkt für viele queer-theoretische Arbeiten ist Michel Foucaults Der Wille zum Wissen. Dort weist Foucault die Vorstellung zurück, dass Sexualität ein naturgegebener Trieb sei und zeigt auf, dass ‚Sexualität‘ ein Konstrukt ist, das innerhalb von Macht-Wissens-Formationen hervorgebracht wird und das als solches zu einem überaus wirkmächtigen Element in der Konstitution des modernen abendländischen Subjekts wurde. Foucault verbindet die Herausbildung des Sexualitätsdispositivs mit der Herausbildung einer Machtausübung, die er Bio-Macht nennt. Bio-Macht richtet sich nicht wie die souveräne Macht darauf, „sterben zu machen und leben zu lassen“, sondern darauf, „leben zu machen oder in den Tod zu stoßen“ (Foucault 1983: 134). Bio-Macht zielt also darauf ab, „Kräfte hervorzubringen, wachsen zu lassen und zu ordnen, anstatt sie zu hemmen, zu beugen oder zu vernichten“ (ebd.: 132). Sexualität nimmt deshalb im Bedingungsgefüge der Bio-Macht eine zentrale Rolle ein: Das moderne abendländische Subjekt als sexualisiertes Subjekt ist die Kehrseite einer Macht, „die das Leben in ihre Hand nimmt, um es zu steigern und zu vervielfältigen, um es im einzelnen zu kontrollieren und im gesamten zu regulieren“ (ebd.: 132f.). Denn, indem auf Sexualitäten Einfluss genommen wird, gelingt es auch, die Bevölkerung in einer spezifischen Art zu regieren.

Das Regieren von Sexualität kann somit aus einer gouvernementalitätstheoretischen Perspektive als staatliche Aufgabe gefasst werden. In seinen Vorlesungen am Collège de France in den Jahren 1978 und 1979 zur Gouvernementalität legt Foucault dar, dass der moderne westliche Staat nicht nur in juridischer Weise über Gesetze und Verbote operiert, sondern auch über die „Kunst, die Menschen zu regieren“ (Foucault 1992: 242) und mithin darüber, Subjekte zu bestimmten Verhaltens- und Lebensweisen und damit auch zu bestimmten Formen, zu lieben, zu begehren und Sexualität und Lust zu empfinden und auszuleben, geführt werden. Über das Regieren von Sexualitäten wird mithin immer auch die Bevölkerung regiert. Sexualität gibt Anlass zu „unendlich kleinlichen Überwachungen“, „Kontrollen aller Augenblicke zu äußerst gewissenhaften Raumordnungen“, „endlosen medizinischen oder psychologischen Prüfungen“ sowie „zu umfassenden Maßnahmen, zu statistischen Schätzungen, zu Eingriffen in ganzen Gruppen oder in den gesamten Gesellschaftskörper“ (Foucault 1983: 103). Regulierungen des generativen Verhaltens von Bevölkerungen der ‚eigenen‘ Nationen stellen eine westliche Form der Machtausübung moderner westlicher Staaten dar und Sexualität ist hierfür „Gegenstand und Zielscheibe“ (Foucault 1983: 142).

Zugleich werden über das staatliche Regieren von Sexualität auch rassisierte Hierarchisierungen möglich und legitimiert. Am Ende von Der Wille zum Wissen hebt Foucault hervor, dass die moderne Biopolitik, die sich um das Sexualitätsdispositiv herausbildet, intrinsisch verwoben mit dem ist, was er als „moderne(n), staatliche(n), biologisierende(n) Rassismus“ (Foucault 1983: 144) bezeichnet: Diese sexuellen Politiken der Bevölkerung und der Körper „haben ihre Färbung und ihre Rechtfertigung aus der mythischen Sorge um die Reinheit des Blutes und den Triumph der Rasse empfangen.“ (Ebd.) Foucault verknüpft also die moderne Biopolitik mit staatlichem Rassismus, indem er als eine der zentralen Wirkweisen der Bio-Macht hervorhebt, dass diese zwischen Menschen, die Teil einer optimierbaren Bevölkerung und Menschen, die Teil einer zu minimierenden Bevölkerung sind, differenziert und eine „Zäsur zwischen dem, was leben, und dem, was sterben muß“ (Foucault 1999: 295) einführt. Diese Grenzziehung ist rassisiert. Ann Stoler hat diese Überlegungen aufgegriffen und Foucaults Arbeiten erweitert, indem sie die von ihm beschriebenen Biopolitiken des 19. Jahrhunderts in den Kontext von Imperialismus und Kolonialismus stellt: „Europe’s eighteenth- and nineteenth-century discourses on sexuality, like other cultural, political, or economic assertions, cannot be charted in Europe alone.“ (Stoler 1995: 7) Stoler legt dar, dass das moderne Sexualitätsdispositiv eine entscheidende Rolle in der Herausbildung der europäischen Nationen einnimmt:

„Discourses of sexuality […] have mapped the moral parameters of European nations. These nationalist discourses were predicated on exclusionary cultural principles that […] marked out those whose claims to property rights, citizenship, and public relief were worthy of recognition and whose were not.“ (ebd.: 8)

Stoler zeigt auf, wie die westliche koloniale Konstruktion der ‚primitiven Wilden‘ auch auf Konstruktionen über ,deviante‘ Sexualitäten der Kolonialisierten beruhten. Diskurse über ‚normale‘ und abweichende‘ Sexualität und sexuelle Moral sind insofern konstitutiv in die Produktion von rassisierten ‚Identitäten‘ und von nationalstaatlicher Zugehörigkeit eingeschrieben, als macht- und gewaltvolle Zuschreibungen als Abgrenzungsfigur eine bedeutsame Rolle in der Herausbildung einer modernen bürgerlichen weißen, westlichen Sexualität einnehmen, wobei hier insbesondere über die zugeschriebene Fähigkeit bzw. Unfähigkeit der Selbstdisziplin eine rassisierte Grenzziehung zwischen Europäer_innen und Nicht-Europäer_innen gezogen wird.

Über das Regieren von Sexualität, die Kriminalisierung und Pathologisierung von nicht-heterosexuellen Liebesweisen und die Normalisierung reproduktiver ehelicher Sexualität wird somit eine Doppelbewegung in Gang gesetzt: Einerseits wird auf diese Weise eine westliche Bevölkerungen hervorgebracht, auf die der Nationalstaat bis in die intimsten Details des Alltagslebens der Staatsbürger_innen Zugriff haben kann. Andererseits wird durch die Konstruktion der bürgerlichen westlichen modernen respektablen Sexualität eine nationalistische Grenzziehung zu anderen nicht-westlichen, nicht-modernen Nationen gezogen, deren Bevölkerungen als ‚pervers‘ und sexuell deviant imaginiert werden, was Legitimation für koloniale Herrschaftsausübung, Ausbeutung und Gewalt dient.

  1. Die Neoliberalisierung des rassisierten Sexualitätsdispositivs

Foucault zeichnet in Der Wille zum Wissen zentrale Elemente der Biopolitik nach, wie sie sich ab dem 19. Jahrhundert herausbildet und die bis in die fordistische Gesellschaftsformation hegemonial war. In dieser Ausgestaltung des Sexualitätsdispositivs stellt die der Fortpflanzung dienliche eheliche Sexualität die natürliche Funktion der Sexualität dar, während alle andere Praktiken – Onanie, kindliche Sexualität sowie das breite Feld aller nicht-heterosexuellen ‚Perversionen‘ – zu Abweichungen werden. Mittels Kriminalisierung von gleichgeschlechtlichen und allen anderen ‚devianten‘ Sexualitäten wird diese Grenzziehung auch durch den modernen westlichen Staat gestützt. Allerdings lässt sich staatliche Machtausübung auch hier nicht auf juridische Aspekte reduzieren. Ebenso bedeutsam für das Gelingen staatlicher Biopolitik ist, dass Subjekte zu bestimmten Formen von ‚gesunder‘, ‚normaler‘ Sexualität geführt werden.

Ein Blick auf aktuelle sexuelle Politiken zeigt, dass sich in der Ausgestaltung des Sexualitätsdispositivs in westlichen Nationen in den letzten Jahrzehnten einige Veränderungen konstatieren lassen: Die Kriminalisierung und Pathologisierung von Homosexualität ist einer Integration im Namen von Toleranz und Vielfalt gewichen; ebenso wurde die starre Kopplung von Familie und Heterosexualität durch die Einführung der Verpartnerung und den zunehmenden Möglichkeiten auch für gleichgeschlechtliche Paare, legal abgesicherte Formen von Elternschaft übernehmen zu können, aufgeweicht (vgl. dazu u.a. Engel 2008; Mesquita 2011, Raab 2011).

Diese Veränderungen sind auch Effekte sozialer Kämpfe und haben zweifelsfrei zu einem Zugewinn individueller Freiheit für manche und zu einer zunehmenden Sichtbarkeit mancher gleichgeschlechtlicher Lebensweisen geführt. Zugleich aber gilt es, aus der oben dargelegten staatstheoretischen Perspektive, auch darauf zu fokussieren, wie diese neoliberalen, ‚toleranten‘ sexuellen Politiken mit der Konstruktion von Nationen in einem globalen, rassisierenden, postkolonialen Kontext zu interpretieren sind.

Aktuelle sexuelle Politiken in westlichen Gesellschaften, die sich als offen und tolerant gegenüber lesbischen und schwulen Sexualitäten geben, werden von der politischen Rhetorik begleitet, die diese als Erfüllung der Versprechen einer ‚zivilisierten Moderne‘ rahmen. Diese Verknüpfung von Toleranz gegenüber bestimmten gleichgeschlechtlichen Sexualitäten und Lebensweisen mit dem Entwicklungsgrad der Moderne führt dazu, dass sich auf diese Weise westliche Nationen in ihrer Superiorität bestätigen können. Dadurch werden koloniale Mechanismen der Grenzziehung zwischen jenen Nationen, die ‚modern‘ sind, und den anderen, die nicht oder noch-nicht-ganz modern sind, im Namen der Toleranz gegenüber nicht-heterosexuellen Sexualitäten gezogen. Dem zugrunde liegt die (post-)koloniale Gegenüberstellung zwischen dem Ideal des westlichen, selbstbestimmten, modernen Subjekts, das nun auch seine Sexualität ‚frei‘ und ‚selbstbestimmt‘ auswählt, und jenem imaginierten nicht-westlichen, ‚traditionellen‘, unfreien Subjekt, das in ‚rückständigen‘, heteronormativen Sexualitäten verhaftet ist. Während die anderen, nicht-westlichen Subjekte noch in Traditionen verstrickt sind, haben sich die westlichen Subjekte bereits auch von heterosexuellen Normen ‚befreit‘.

Darüber hinaus werden diese ‚liberalen‘ sexuellen Politiken auch als Grenzziehungen innerhalb des Nationalstaates eingesetzt: Hier wird die Gegenüberstellung eines sexuell fortschrittlichen Westens und eines sexuell traditionellen Anderen in den Nationalstaat hineinverlagert und zur Basis für rassisierende Politiken. Deutlich kam dies beispielsweise in dem Test für muslimische Einwander_innen in den Niederlanden zum Ausdruck: Hier wurde ein Bild zweier küssender Männer gezeigt, um anhand der Reaktion des_der Migrant_innen die ‚Integrationsbereitschaft‘ zu beurteilen.

Auch in Zeiten der „toleranzpluralistischen Integration“ (Engel 2002: 165) von manchen ehemals kriminalisierten Formen von Sexualität, bleibt Sexualität mithin ein machtvolles Konstrukt, über das Subjekte und die Bevölkerung regiert werden. Ebenso bleiben sexuelle Politiken auch in einem neoliberalen Staatsprojekt, das die Toleranz gegenüber bestimmten Formen lesbischer und schwuler Lebensweisen als Inbegriff von Modernität und Demokratie stilisiert, ein Modus rassisierender Grenzziehungen. Diese Verwobenheiten und Kontinuitäten im Wandel gilt es, zum Ausgangspunkt für das Nachdenken über queere politische Praxen heranzuziehen, um das machtvolle Zusammenspiel von Sexualität, ‚race‘ und Staat nachhaltig zu verändern.

*Der hier abgedruckte Aufsatz ist die gekürzte und leicht überarbeitete Version des Textes „Staatstheoretische Perspektiven auf die rassisierende Grammatik des westlichen Sexualitätsdispositivs. Kontinuitäten und Brüche“, erschienen in: Barbara Grubner/Veronika Ott (Hg.) (2014): Sexualität und Geschlecht. Feministische Annäherungen an ein unbehagliches Verhältnis. Königstein/Ts.: Ulrike Helmer Verlag, 87-104.

Gundula Ludwig, Universitätsassistentin am ipw, aktuell Vertretungsprofessorin am Institut für Sozialwissenschaften der HU-Berlin. Arbeitsschwerpunkte: Politische Theorie (v.a. Staats-, Macht- und Demokratietheorien), Feministische Theorie, Queer Theorie, Körpertheorien.

 

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Literatur

Engel, Antke (2002): Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlechter im Fokus queerer Politik der Repräsentation. Frankf.a.M.: Campus.

Engel, Antke (2008): Gefeierte Vielfalt. Umstrittene Heterogenität. Befriedete Provokation. Sexuelle Lebensformen in spätmodernen Gesellschaften. In: Rainer Bartel et al. (Hg.): Heteronormativität und Homosexualitäten. Innsbruck/Wien/Bozen: Studienverlag, 43-63.

Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. Frankf.a.M.: Suhrkamp.

Foucault, Michel (1992): Was ist Kritik. Berlin: Merve.

Foucault, Michel (1999): Vorlesung vom 17. März 1976. In: In Verteidigung der Gesellschaft. Frankf.a.M.: Suhrkamp, 276-305.

Mesquita, Sushila (2011): Ban Marriage! Ambivalenzen der Normalisierung aus queer-feministischer Perspektive. Wien: Zaglossus.

Raab, Heike (2011): Sexuelle Politiken. Die Diskurse zum Lebenspartnerschaftsgesetz. Frankf.a.M.: Campus.

Rubin, Gayle (2003): Sex denken; Anmerkungen zu einer radikalen Theorie der sexuellen Politik. In: Andreas Kraß (Hg.): Queer denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies). Frankf.a.M.: Suhrkamp, 31-79.

Stoler, Ann Laura (1995): Race and the Education of Desire. Foucault’s History of Sexuality and the colonial order of things. Durham/London: Duke University Press.

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