# 36|2014: Sexualität & Geschlecht/Artikel

Prekäres Gedenken. Anmerkungen zur lesbisch-schwulen Gedächtnispolitik in Bezug auf den Nationalsozialismus

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Mauthausen am 09.12.1984: 1. Gedenkstein für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus.

von Gudrun Hauer

 
Erinnerungs-, Gedächtnis- und Trauerarbeit bezogen auf die Jahre der NS-Herrschaft bedeuten heute in einem starken Ausmaß öffentliche Erinnerungs- und Trauerarbeit – und implizieren zwangsläufig und sehr gewollt die Besetzung öffentlicher Räume. Gedenktage, Feiern als Ereignisse, Gedenksteine, Mahnmäler etc. sind in diesem Zusammenhang auch als symbolische Zeichen zu sehen: Sie visualisieren und symbolisieren Fakten, Ereignisse, Gefühle, aber auch Interpretationen und Bewertungen des Vergangenen in jeweils sehr heterogenen Sichtweisen des aktuell Gegenwärtigen; sie sind zugleich abhängig von politischen wie wissenschaftlichen Diskursen wie auch von beteiligten AkteurInnen und/oder SprecherInnen und daher veränderbar; in ihnen wird die Vergangenheit immer neu erschaffen, Geschichte und Historizität erweisen sich somit als wandelbare Prozesse. Wie andere politische Akteurinnen und Akteure auch setzen Lesben und Schwule Zeichen in öffentlichen Räumen – sie besetzen sie und machen Homosexuelles und Homosexualitäten, lesbisches wie schwules Begehren sichtbar. Diese visibility (Sichtbarkeit) kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Im Kontext von Erinnerungs-, Gedächtnis- und Trauerarbeit zum Nationalsozialismus dominieren die Teilhabe an Gedenkfeiern, somit an Ritualen, und weiters steinerne Monumente, die Sehen und Be-Greifen oder wie in Amsterdam auch das Be-Gehen, Be-Treten ermöglichen.

Augenfällig und vermutlich nicht zufällig ist: Zumindest im geografischen Raum Europa sind die wichtigsten ständigen Zeichen der Sichtbarkeit von Lesben und Schwulen in öffentlichen Räumen, die durch ihre Gestaltung den Anspruch auf Dauer und somit auf das Beharren, auf ein Festhalten des Versteinerns der historischen Interpretation erheben, Gedenksteine, Mahnmäler, die an die Verfolgung und Vernichtung von Homosexuellen während der NS-Zeit erinnern – Homosexuelle werden somit im Kontext der Öffentlichkeit als Opfer präsentiert.
Erinnerung und Gedenken an sowie Trauer über die Opfer des Nationalsozialismus setzen Wissen, Informationen, im weitesten Sinne Gedächtnis voraus. Differenzierende Sichtweisen und vor allem die Anerkennung des unterschiedlichen Umgangs des NS-Staates mit weiblicher und männlicher Homosexualität sind allerdings unerlässlich; Lebens-, Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrungen beider Geschlechter, im weiteren Sinne beider Homosexualitäten dürfen nicht gleichgesetzt werden.
Vieles von dem, was wir heute über Lesben und Schwule während der NS-Zeit, über die Homosexualitätspolitik des NS-Staates wissen, wurde von Lesben und Schwulen selbst erforscht. Anders als bei den meisten anderen Opfergruppen sind – mit wenigen Ausnahmen – Erinnern und somit Gedächtnis stellvertretend festgehalten und werden stellvertretend weitertradiert – nicht durch die während der NS-Zeit direkt Betroffenen selbst. Dies geschieht weitgehend durch Kollektive, also durch die Lesben- und Schwulenbewegung selbst. Diese Form der Aneignung von Geschichte und somit von Gedächtnis stellt zugleich auch eine spezifische Form der Bildung von Identität für die Lesben- und Schwulenbewegung als soziale Gruppe dar. Dies hat aber auch zur kurzfristigen Etablierung eines bestimmten historischen Mythos beigetragen, des Mythos vom ,Homocaust‘, der längst durch intensive Forschungsarbeiten obsolet geworden ist. Wie wir heute wissen, können wir nicht länger die Behauptung aufrechterhalten, dass alle homosexuellen Männer während der NS-Zeit zwingend von tödlicher Verfolgung bedroht waren und, dass die Homosexualitätspolitik des NS-Staates auf die physische Vernichtung aller homosexuellen Individuen abzielte. Hier stellt sich somit die Frage nach der politischen Funktion der Beibehaltung des ,schwulen Opfermythos‘ sowie zugleich die nach der Etablierung eines neuen ,lesbischen Opfermythos‘.

Die Kritik von Lesben(gruppen) an der ästhetisch-politischen Gestaltung des Berliner Homomahnmals vor einigen Jahren verweist somit auf einen grundsätzlichen politischen Konflikt, denn wir Lesben sind in Bezug auf die Besetzung öffentlicher Räume doppelt marginalisiert: als Frauen und zugleich als homosexuelle Frauen. Auch hier handelt es sich um das offensive Einfordern der bislang verweigerten Sichtbarkeit des lesbischen Begehrens, der visibility. Die ausschließliche Konzentration auf homosexuelle Männer als Opfer grenzt somit dezidiert und explizit homosexuelle Frauen und lesbisches Begehren aus und ist daher als eine Form von Lesbendiskriminierung zu charakterisieren.
Jedoch sind in diesem Zusammenhang folgende Fragen zu stellen: Dürfen Sichtbarkeit oder die Forderung nach Sichtbarkeit historische Fakten negieren? Darf (Zeit-)Geschichte aus gegenwärtiger Sicht derart verzerrt und verfälscht werden, um sie widerspruchslos in bestimmte politische Weltbilder einfügen zu können? Hier handelt es sich meines Erachtens um die Etablierung eines bestimmten – neuen – historischen Mythos, der bislang tradierte Mythen und Geschichtsbilder ersetzen soll.
So legitim die lesbische Forderung nach Sichtbarkeit ist, so prekär erweist sie sich gerade in diesem Kontext: Gerade das Festhalten an Zeichen und Symbolen, die uns als Opfer präsentieren und repräsentieren, drückt meines Erachtens ein tiefverwurzeltes Dilemma betreffend unsere politischen Identitäten aus. So einschneidend und zerstörerisch die Erfahrungen des Nationalsozialismus für Individuen und für bestimmte politische Bewegungen in Europa waren, so stimmt es mehr als befremdlich, dass wir in diesem geografischen Raum keine Zeichen, Formen und Rituale entwickelt haben, die an erfolgreichen politischen Widerstand erinnern und diesen feiern.
In diesem Sinne geht es auch nicht um einen Wettbewerb, um eine Konkurrenz zwischen verschiedenen ,Opfer‘-Gruppen, sondern um Anerkennung – als selbstbewusste und selbstbestimmte politische Akteurinnen und Akteure, auch und gerade in öffentlichen Räumen. Hier gilt es, das Terrain des Politischen zurückzuerobern oder sich überhaupt erst anzueignen. Von schwulen Diskursteilnehmern ist hier sehr wohl auch Verzicht gefordert: auf die Ausübung männlicher Privilegien aufgrund des Status des Mann-Seins – auch und gerade in der öffentlichen Sphäre.

Gudrun Hauer († 04.11.2015) war Lehrbeautragte am ipw und hat als Erste in Österreich über Homosexualität & Nationalsozialismus geforscht und publiziert.

 

Heft # 36|2014 als pdf

 

Zum Weiterlesen:

Eschebach, Insa (Hg.) (2012): Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus. Berlin: Metropol.

Schwartz, Michael (Hg.) (2014): Homosexuelle im Nationalsozialismus. Neue Forschungsperspektiven zu Lebenssituationen von lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen 1933 bis 1945. München: Oldenbourg.

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