# 36|2014: Sexualität & Geschlecht/Artikel

,Sexuelle Vielfalt‘ aus Perspektive der Queerversity

von Antke Engel

Der Begriff sexuelle Vielfalt (sexual diversity) scheint gut geeignet, politische Perspektiven zu bündeln, die den Alleinvertretungsanspruch der Heterosexualität in Frage stellen möchten, ohne ihrerseits zu umreißen, was oder was nicht dem Feld der Sexualität zugehöre. In diesem Sinne entspricht er queerer Politik, die sich durch eine Verschiebung von Identitätspolitik, welche Forderungen im Namen von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen (LGBTI) erhebt, zur Dekonstruktion von Normalitätsregimen auszeichnet. Dennoch wird sexuelle Vielfalt, als deskriptiver wie als normativer Begriff, von Seiten der Queer Theory mit Skepsis betrachtet. Allzu anschlussfähig ist er an neoliberale Diskurse, die ein entpolitisiertes Feiern ,bunter Vielfalt‘ betreiben, um Differenz als kulturellem Kapital nutzbar zu machen. Dies widerspricht einem herrschaftskritischen Verständnis queerer Theorie und Politik, das soziale Unterschiede als Bedingung und Effekt gesellschaftlicher Macht und Herrschaft analysiert. In diesem Sinne ist zudem kritisch zu fragen, ob der Begriff sexuelle Vielfalt eine isolierte Betrachtung von Sexualität befördert oder dem Anspruch gerecht wird, das Ineinandergreifen von Heterosexualität als Norm und rigider Zweigeschlechtlichkeit im komplexen Zusammenspiel mit weiteren sozialen Differenzkonstruktionen zu fassen (vgl. Dietze/Haschemi/Michaelis 2007; Hartmann et al. 2007).

Inwiefern also kann der Begriff der sexuellen Vielfalt solch interdependente und womöglich widersprüchliche Zusammenhänge fassen, statt schlicht der Auflistung sexueller Identitäten, Praxen oder Beziehungen zu dienen? Diesbezüglich schlage ich vor, die „sexuelle Vielfalt“ mit dem Konzept „Queerversity“ (GKompZ 2010; Engel 2013) zu verknüpfen, das auf einen wertschätzenden Umgang mit Differenz und unhintergehbarer, nie gänzlich verständlicher Andersheit der_des Anderen abzielt, jedoch auch betont, dass Verschiedenheit immer auch durch gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse bedingt ist (2).

Das Sexuelle in der sexuellen Vielfalt

Das Sexuelle, welches im Begriff ,sexueller Vielfalt‘ aufgerufen ist, bringt unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten mit sich, die keineswegs ein widerspruchsfreies Ganzes bilden. So denken die einen beim Sexuellen an sexuelle Orientierung (im Sinne hetero-, homo- oder bisexueller Partner_innenwahl oder einer spezifischen Ausrichtung des Begehrens). Andere assoziieren unterschiedliche Beziehungsformen (z.B. ein lesbisches Paar, das auf Reproduktion und Familiengründung aus ist; ein heterosexuelles Ehepaar als Teil einer WG; eine polyamore Konstellation von drei, vier, fünf Liebenden). Hierbei sind für manche sexuelle Orientierung und/oder Beziehungsformen auf Begehren gegründet. Andere halten Liebe (als Institution oder als Gefühl) für entscheidend. Wieder andere betonen soziale Normen, Gewohnheiten oder pragmatische Überlegungen als Grundlage sexuellen Lebens (z.B. die Entscheidung für die heterosexuelle Ehe auf Grund der Steuervorteile des Ehegattensplitting; homosexuelle Orientierung qua Verfügbarkeit gleichgeschlechtlicher Partner_innen in geschlechter-segregierten Institutionen wie Gefängnissen; die Moral der Kirche als strukturierendes Moment der Sexualität). Das Sexuelle verweist jedoch keineswegs immer auf Beziehungsgefüge (Relationalität), sondern kann auch individualisiert im Sinne von Selbstverständnissen gedacht werden. Selbstverständnisse wiederum treten für die einen in Form von Identitäten auf, für andere verdichtet sich das Selbstverständnis in bestimmten Praxen oder Lebensphasen (z.B. Asexualität als geschlechtliche Identität; die sich wandelnde Geschlechtlichkeit im Verlauf eines transsexuellen Transitionsprozesses; das sexuelle Selbstverständnis zur Zeit der Schwangerschaft; BDSM-Praxis).
Die genannten Beispiele zeigen an, dass sexuelle Vielfalt sowohl sexuelle als auch geschlechtliche Dimensionen umfasst. Entsprechend spielt im politischen Aktivismus die Reihung lesbisch, schwul/gay, bisexuell, transgender, intersexuell, queer (verdichtet im Kürzel lgbtiq) eine wichtige Rolle. Doch wie lässt sich argumentieren, dass eine geschlechtliche Identität als Transgender*- oder als Intersex*-Person, die nichts über die jeweiligen sexuellen Vorlieben oder Praxen aussagt, gleichermaßen als Aspekt sexueller Vielfalt fungiert wie ein Selbstverständnis als schwul, das zugleich auf eine sexuelle Orientierung oder Ausrichtung des Begehrens verweist? Vielleicht, insofern in einem ,Selbstverständnis‘ Geschlecht und Sexualität nicht als voneinander getrennt, sondern – sei es in der Fantasie, im Körperbild oder im Körpererleben – verbunden erfahren werden? Mit dem Begriff der KörperSubjektivität (vgl. Engel 2002: 17) betone ich, dass Subjektivität körperliches Erleben ist, und der Körper unweigerlich subjektiv erfahren wird. In diesem Sinne verbindet sich Sexualität mit Geschlechtlichkeit. Zugleich fließen in die Sexualität aber auch alle weiteren Faktoren ein, die unser körperlich-subjektives Erleben bestimmen: sozial zugeschriebene Rassisierungen und Ethnisierungen, körperliche, geistige und emotionale Befähigungen, Gesundheit, soziale, ökonomische, kulturelle und religiöse Kontexte des je eigenen Lebens.

Die Vielfalt sexueller Fantasien und Praxen

Doch auch im engeren Sinne von sexuellen Praxen oder Akten kann unter sexueller Vielfalt ein ganzes Spektrum an Aktivitäten verstanden werden: von auf Zeugung ausgerichteter Penetration über die Kunst erotischen Küssens zum Analverkehr, von BDSM-Szenarien über Fetischismus zum Rimming. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt – oder eben doch? Die sexuellen Praxen verknüpfen sich auf vielfältige Weise mit den Körpern ebenso wie mit Wünschen und Ängsten, Fantasien und Begehren, aber auch mit Regeln und Normen, Erwartungen und Verboten. Die Zusammenhänge zwischen Körper, Begehren, Fantasie und Norm unterliegen weder sozialen Automatismen noch notwendigen Regeln. Körperliches Lustempfinden kann aus dem Akt, der Bewegung, der Berührung oder Begegnung entstehen; der Körper kann aber auch in und durch die Fantasie Lust empfinden. In diesem Sinne bedeutet das Verbot einer Praxis oder der Verzicht auf eine solche, z.B. pädophile Praxis, nicht notwendig die Verweigerung eines entsprechenden Begehrens. Denn das Begehren, in dem sich sexuelle Fantasie und körperliches Lustempfinden verbinden, kann Befriedung durch Praxen finden, in denen Fantasien ausagiert werden, ohne dass Macht ausgenützt, Herrschaft ausgeübt oder Gewaltakte vollzogen werden. Dennoch stellt sich die Frage, ob ein auf sexueller Asymmetrie, Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt gründendes Begehren die Grenze sexueller Vielfalt darstellt. Oder ist sexuelle Gewalt, solange sie phantasiert wird oder als Fantasie Teil konsensueller Praxis ist, kein Problem? Auch dann nicht, wenn sie veröffentlicht wird?
Es zeigt sich, dass sexuelle Vielfalt ein komplexer und changierender Begriff ist, und nicht frei von normativen und ethischen Implikationen. Er lässt sich weder auf eine einzige Bedeutung reduzieren noch durch ein Set von Elementen abschließend definieren. Vielmehr gilt es in der pädagogischen wie der politischen Praxis aktiv mit Vieldeutigkeit umzugehen, statt kunstvoll, künstlich, pseudo-wissenschaftlich oder rechtlich eine verallgemeinerte Ordnung zu schaffen. Räume des Sprechens und des Schweigens sowie der nicht-sprachlichen Ausdrucksformen politisch zu wollen, sozio-kulturell zu fördern und persönlich zu erproben, scheint mir queer-politisch erstrebenswert. Denn solche Räume ermöglichen es, sich nicht an Normalitätsvorstellungen, sondern an den Wünschen und Ängsten der Einzelnen – in ihrer jeweiligen Besonderheit – zu orientieren, zugleich aber ethische und politische Aushandlungen um Werte und Macht zu führen (vgl. Engel 2011, 2012).
Des Weiteren lässt sich durchaus auch der Begriff der Vielfalt problematisieren. Allzu häufig geht Vielfalt mit der Vorstellung multikultureller Buntheit einher, die jedoch Unterschiede schlicht nebeneinander stellt, ohne deren Verwobenheit und Überlappung zu bedenken. Vor allem aber wird die Entstehung von Differenzen durch soziale Ungleichheitsverhältnisse und strukturelle Herrschaft außer Acht gelassen. Hingegen geht es mir, wenn ich den Begriff der Vielfalt verwende, explizit darum, eine konflikthafte und machtgesättigte Heterogenität wahrzunehmen. Mit dieser Sicht widerspreche ich auch einer neoliberalen Funktionalisierung von Unterschiedlichkeit, der ,Differenz als kulturelles Kapital‘ gilt; ein Kapital, das entweder als spezialisierte Arbeitskraft oder als spezialisierte Konsument_in ausgebeutet werden kann (3). Wenn in diesem Zusammenhang von diversity/Diversität/Vielfalt die Rede ist, wird der Umgang mit systematischen Ungleichheitsbeziehungen dem individuellen Handeln überantwortet, statt sozial und gesellschaftlich den Abbau von normativen Zurichtungen, Ausschlüssen und Hierarchien zu fordern und fördern. Der von mir zusammen mit einigen Kolleg_innen für die Politikberatung entworfene Begriff Queerversity ist aus der Kritik an diversity-Konzepten entstanden, die Vielfalt umarmen, ohne die darin angelegten Machtdifferenzen und Konfliktpotenziale zu problematisieren (vgl. GenderKompetenzZentrum 2010; Engel 2013). Hierbei spielen gerade bezogen auf Sexualität neben strukturellen Herrschaftsverhältnissen auch die unterschiedlichen Formen von Gewalt eine entscheidende Rolle.

Gewalt machtdynamisch kontern: Macht – Herrschaft – Gewalt

Die Auseinandersetzung mit Gewalt ist ein zentraler Aspekt von Sexualpolitiken. Hierbei gilt es sowohl im engeren Sinne sexuelle oder sexualisierte Gewalt in Betracht zu ziehen als auch Formen symbolischer, epistemischer und normativer Gewalt, welche mittels Sprache sowie Wissens- und Wahrheitsregimen bzw. sozio-historischer Normalitätsvorstellungen und Gewohnheiten bestimmte geschlechtlich-sexuelle Existenzweisen ausschließen, entwerten oder normieren. Der Begriff sexuelle Gewalt bezieht sich auf den Einsatz von physischem oder psychischem Zwang in der sexuellen Kommunikation oder Praxis, um z.B. durch Nötigung oder Vergewaltigung Zustimmung zu einem sexuellen Akt zu erringen, Ablehnung zu untergraben oder Gegenwehr zu brechen. Der Begriff der sexualisierten Gewalt lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass alle möglichen Formen der Gewalt, z.B. Mobbing oder Erpressung oder Mord, durch sexuelle Verobjektivierung oder Erniedrigung der Gewaltadressat_innen forciert werden können. Hinsichtlich des Konzepts normativer Gewalt, das Samuel Chambers und Terrell Carver als Judith Butlers herausragenden Beitrag zur Politikwissenschaft verstehen, heben die beiden Autoren hervor, dass bereits die Prozesse der Subjektkonstituierung als von gewaltsamen Zurichtungen und Ausschlüssen durchdrungen anzusehen seien (4). Gewalt wirkt also nicht unbedingt auf eine ausgebildete KörperSubjektivität ein, sondern kann darin bestehen, dass bestimmte geschlechtliche oder sexuelle Selbstverständnisse, Begehrensformen oder Praxen als undenkbar (nicht-intelligibel) verworfen werden (vgl. Butler 2005, 2009; Chambers/Carver 2008).

Meine These wäre, dass all diese Verschaltungen von Sexualität und Gewalt damit einhergehen, dass die Handlungsmächtigkeit mindestens einer der beteiligten Personen temporär oder dauerhaft untergraben wird, dass Gewalt jedoch auch darüber gekontert werden kann, dass Handlungsmächtigkeit wieder hergestellt bzw. zurück gewonnen und die fixierenden Gewalt- in dynamische Machtverhältnisse übersetzt werden. Ich berufe mich mit dieser doppelten These auf Michel Foucaults Unterscheidung von Macht und Gewalt, die im Hinblick auf Sexualität ausnehmend nützlich erscheint: „Ein Gewaltverhältnis wirkt auf einen Körper, wirkt auf Dinge ein: es zwingt, beugt, bricht, es zerstört: es schließt alle Möglichkeiten aus […] und stößt es auf einen Widerstand, bleibt ihm keine andere Wahl. als diesen niederzuzwingen. Ein Machtverhältnis hingegen [heißt], daß der ‚andere‘ (auf den es einwirkt) als Subjekt des Handelns bis zuletzt anerkannt und erhalten bleibt und sich vor dem Machtverhältnis ein ganzes Feld von möglichen Antworten, Reaktionen, Wirkungen, Erfindungen eröffnet.“ (Foucault 1987: 254)
Das aber bedeutet: Machtkonstellationen stehen emanzipativen, sexualitätspositiven oder sexuell selbstbestimmten Praxen, Kulturen und Politiken keineswegs im Wege. Problematisch wird es lediglich dann, wenn sich Macht als Herrschaft verfestigt, also strukturelle oder institutionell legitimierte Hierarchien und Ungleichheitsverhältnisse die Machtdynamiken kanalisieren oder blockieren, sowie dann, wenn Gewalt die Macht- oder Herrschaftsverhältnisse dominiert. Demnach kann Macht, Machtungleichheit oder auch Machtmissbrauch bedeuten; doch nähert sie sich in diesen Fällen den Dimensionen von Herrschaft oder Gewalt an. Versteht man Macht hingegen mit Foucault als Machtdynamik (1983: 109-124, 161-173), so bedeutet dies, dass auch unter ungleichen Voraussetzungen alle an einem durch Macht (nicht durch Herrschaft oder Gewalt) geprägten sozialen Kontext Beteiligten über Handlungs- oder zumindest Wirkungsmächtigkeit verfügen.
Zugleich gilt es jedoch aufmerksam dafür zu werden, wo Gewalt in Form symbolischer, epistemischer oder normativer Gewalt auftritt, wo also Kommunikations- und Beziehungsformen sowie Alltagspraxen durch heteronormative, körpernormative, klassistische, rassistische und antisemitische Selbstverständnisse und ,Normalitäten‘ geprägt sind. Die Erfahrungen derjenigen beispielsweise, die in den vergangenen Jahren begonnen haben als Intersex*-Personen zu sprechen und öffentliche Aufmerksamkeit für ihre persönlichen Erfahrungen zu gewinnen, waren über Jahrzehnte im Nachkriegsdeutschland in eine namenlose, nicht-sprechbare Existenz verbannt. Die normative Gewalt einer rigiden Zwei-Geschlechter-Ordnung hat zumeist selbst in ihren Familien die Tabuisierung ihrer geschlechtlichen Besonderheiten bewirkt.
Zugleich ist das Erringen von Benennbarkeit und öffentlicher Aufmerksamkeit eine prekäre Angelegenheit und garantiert keineswegs, der Gewalt zu entkommen. Denn symbolische Gewalt tritt häufig in Form von Klassifikationen auf und normative Gewalt sortiert diese Klassifikationen nach dem Raster normal/anormal, organisiert Zugehörigkeit und Ausschluss bzw. legitimiert Disziplinierung, Kriminalisierung oder Pathologisierung. Zwischen Benennung und Selbstbenennung bestehen also ein radikaler Unterschied ebenso wie fließende Übergänge, so dass jeder Name, der öffentliche Sprechbarkeit ermöglicht, zugleich darauf hin befragt werden muss, inwiefern er als Eigenname Einzigartigkeit ausdrücken kann und inwiefern er als Kategorie verallgemeinert und unterwirft.

Queerversity

Entgegen normativer Gewalt zielt Queerversity als analytisch-kritische Kategorie, politische Strategie und ethische Haltung darauf ab, eine Enthierarchisierung von Verschiedenheit voranzutreiben und die Logik von Norm und Abweichung zu unterminieren. Statt Differenz als anderes der Identität zu definieren, fasst Queerversity Differenzen als dynamische Prozesse der Differenzierung oder als fortdauerndes Werden. Damit schafft das Konzept Raum nicht nur für Vielfalt, sondern für interne Vielfältigkeit (Multiplizität), Uneindeutigkeit (Ambiguität) und undefinierte Andersheit.
Undefinierte Andersheit bedeutet, dass sich innerhalb (anerkannter ebenso wie diffamierter) Formen von Identität und Differenz immer auch Unterschiede und Besonderheiten entfalten, die sich der Benennung entziehen oder der Regulierung widersetzen. Wenn der Begriff Queerversity undefinierter Differenz Anerkennung verleihen möchte, geht dies mit Irritationen und Unterbrechungen gängiger Normalitätsvorstellungen einher. Ganz gezielt wird Vielfalt als konflikthafte Heterogenität verstanden, so dass sich Queerversity als Einführen der Differenz des Differenten in die Diversität bezeichnen ließe.

Eine Orientierung an Queerversity lässt Macht- und Herrschaftsanalysen oder den Umgang mit Gewalt keineswegs obsolet werden. Doch zum einen können Grenzziehungen nicht länger als die einzig problematische Form sozialer Differenzierung angesehen werden. Vielmehr gilt es, sich auch den komplexen und zugleich subtilen Dynamiken der Normalisierung und Prekarisierung zu stellen. Zum anderen fragt sich, was es heißt, den Umgang mit Ungleichheit und Hierarchien nicht der Eigenverantwortung Einzelner aufzubürden, sondern partnerschaftliche, kollektive und politische Formen der Umarbeitung von sexueller Macht und Herrschaft zu entwickeln. Queerversity zielt explizit darauf ab, Machtkonflikte transparent und bearbeitbar zu machen, um Hierarchien abzubauen und sexuelle und Geschlechtergerechtigkeit (sexual justice) zu befördern. Diesbezüglich gilt es anzuerkennen, dass Unterschiedlichkeit immer mehr und anderes ist, als definierte, klassifizierbare und regulierbare Positionen von Identität und Differenz.

* Dieser Text beruht auf einem Vortrag, den ich am 2013 auf Einladung der pro familia auf deren Fachtagung Sexuelle Kulturen – sexuelle Bildung in Institutionen gehalten habe. Eine Langversion ist verfügbar unter: http://www.profamilia.de/fachpersonal/veranstaltungen-und-projekte/fachtagungen-pro-familia-bundesverband/sexuelle-kulturen-sexuelle-bildung-in-institutionen.html

Antke Engel ist promovierte Philosophin, Queer-Theoretikerin und freiberuflich in Wissenschaft und Kulturproduktion tätig. Sie leitet das ,Institut für Queer Theory‘ in Berlin (www.queer-institut.de). Neben zahlreichen Aufsätzen hat sie zwei Monographien publiziert Wider die Eindeutigkeit (2002) und Bilder von Sexualität und Ökonomie (2009).

Anmerkungen:
(1) In diesem Text wird der Unterstrich (gender gap) in Substantiven (z.B. die Partner_in) und Pronomen (z.B. der_die oder de_) verwendet, um in die binäre Geschlechterunterscheidung ein Zögern einzuführen, das darauf hinweist, dass sich nicht alle Menschen als entweder weiblich oder männliche identifizieren können oder wollen. Das Sternchen* (Asterisk) wird verwendet, um eine Denaturalisierung zu signalisieren (vgl. Hermann 2003; Baumgartinger 2008).
(2) Zur Verwobenheit von (queerer) Sexualität und (neoliberaler) Ökonomie und der damit verbundenen Vorstellung von sexueller Diversität als kulturellem Kapital (vgl. Engel 2009). Ich ordne symbolische und epistemische Gewalt hier als Ausdrucksformen normativer Gewalt ein, wobei zu bedenken wäre, ob und wie sie auch im Kontext sexueller und sexualisierter Gewalt zum Einsatz kommen.
(3) Ich ordne symbolische und epistemische Gewalt hier als Ausdrucksformen normativer Gewalt ein, wobei zu bedenken wäre, ob und wie sie auch im Kontext sexueller und sexualisierter Gewalt zum Einsatz kommen.
(4) Ich ordne symbolische und epistemische Gewalt hier als Ausdrucksformen normativer Gewalt ein, wobei zu bedenken wäre, ob und wie sie auch im Kontext sexueller und sexualisierter Gewalt zum Einsatz kommen.

 

Heft # 36|2014 als pdf

 

Literatur:

Baumgartinger, Persson Perry (2008): Lieb[schtean] Les[schtean], [schtean] du das gerade liest… Von Emanzipation und Pathologisierung, Ermächtigung und Sprachveränderungen. In: Liminalis. Zeitschrift für geschlechtliche Emanzipation 2008/02, 24-39.

Butler, Judith (2005): Gefährdetes Leben. Politische Essays. Frankf.a.M.: Suhrkamp.

Butler, Judith (2009): Außer sich. Über die Grenzen sexueller Autonomie. In: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Frankf.a.M.: Suhrkamp, 35-69.

Chambers, Samuel/Terrell Carver (2008): Judith Butler and Political Theory. Troubling Politics. London: Routledge.

Dietze, Gabriele/Elahe Haschemi Yekani/Beatrice Michaelis (2007): Checks and Balances. Zum Verhältnis von Intersektionalität und Queer Theory. In: Katharina Walgenbach et al. (Hg.): Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen: Budrich, 107-139.

Engel, Antke (2013): Lust auf Komplexität. Gleichstellung, Antidiskriminierung und die Strategie des Queerversity. In: Feministische Studien 1, 39-45.

Engel, Antke (2012): Spielräume sexualisierter Gewalt. Queeres Begehren im Spannungsfeld von staatlicher Regulierung und sexueller Subversion des Staates. In: Helga Haberler/Katharina Hajek/Gundula Ludwig/Sara Paloni (Hg.): Que(e)r zum Staat, Heteronormativitätskritische Perspektiven auf Staat, Macht und Gesellschaft. Berlin: Querverlag, 188-207.

Engel, Antke (2009): Bilder von Sexualität und Ökonomie. Queere kulturelle Politiken im Neoliberalismus. Bielefeld: transcript.

Engel, Antke (2002): Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation. Frankf.a.M.: Campus.

Foucault, Michel (1987): Das Subjekt und die Macht [1983]. In: Hubert L. Dreyfus/Paul Rabinow (Hg.): Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. übers.v. Claus Rath/Ulrich Raulff. Weinheim: Beltz Athenäum, 243-291.

Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. I. Frankf.a.M.: Suhrkamp.

GenderKompetenzZentrum (2012): Genderkompetenz und Queerversity. http://www.genderkompetenz.info/genderkompetenz-2003-2010/genderkompetenz-und-queerversity, (Zugriff: 22.11.2014).

Hartmann, Jutta/Christian Klesse/Peter Wagenknecht/Bettina Fritsche/K. Hackmann (Hg) (2007): Heteronormativität. Empirische Studien zu Heterosexualität als gesellschaftlichem Machtverhältnis. Wiesbaden: VS.

Herrmann, Steffen Kitty (2003): Performing the Gap. Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung. In: arranca! 28/Aneignung I, 22-26.

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