# 37|2015: Freiheiten, Öffentlichkeiten/Rezensionen

Andrea Komlosy (2014): Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert. Wien: Promedia

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Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Globalisierung und (Neo-)Liberalisierung haben das Umfeld, in dem Menschen weltweit arbeiten, nachhaltig geprägt. Doch wie genau ist dieser Prozess in einem größeren historischen Kontext verortet? Wie lässt sich der Wandel der Arbeit in ihrer Gesamtheit untersuchen, ohne sich auf bestimmte Arbeitsformen, Zeitalter oder Weltgegenden zu beschränken?
Die Historikerin Andrea Komlosy legt eine vielschichtige Darstellung der Geschichte der Arbeit vor. Im ersten Teil des Bandes beschäftigt sie sich vor allem mit den Dimensionen des Arbeitsbegriffs sowohl aus historischer wie auch aus geographisch vergleichender Perspektive. Dazu analysiert sie seine Genealogie und vergleicht die unterschiedlichen Wörter in einer Auswahl von europäischen und der chinesischen Sprache. Danach entwickelt sie ein umfangreiches Instrumentarium an Kategorien, mit deren Hilfe sich das Wesen der Arbeit und seine historische Entwicklung erforschen lässt.
Im zweiten Teil unternimmt Komlosy den Versuch einer Analyse der geschichtlichen Entwicklung von Arbeit. Sie wählt für ihre Forschung einen weiten Horizont und beschäftigt sich mit dem Phänomen Arbeit in seiner Entwicklung seit dem 13. Jahrhundert. Anhand von fünf Zeitschnitten (1250, 1500, 1700, 1800, 1900 und 2010) untersucht sie vor dem Hintergrund ökonomischer und wirtschaftlicher Entwicklungen unterschiedliche Formen von Arbeit und das Zusammenwirken von Arbeitsverhältnissen zum jeweiligen Zeitpunkt der historischen Entwicklung.
Den Hintergrund ihrer globalhistorischen Herangehensweise bildet die Konzeption der menschlichen Gesellschaft als Weltsystem. Mit diesem Zugang lassen sich wesentliche Veränderungen von gesellschaftlichen Zusammenhängen erfassen, ohne dabei die Wechselwirkung zwischen Mikro- und Makro-Ebene aus den Augen zu verlieren.
Wie Komlosy selbst einräumt, gelingt es in diesem Buch in der empirischen Analyse nicht immer, eine eurozentristische Perspektive gänzlich zu überwinden. In jedem Zeitschnitt geht die Autorin von Europa aus und verzichtet aus Platzgründen häufig auf eine systematische Analyse außereuropäischer Kontexte. So greift etwa die Analyse der Arbeitsformen in Amerika oder China an manchen Stellen etwas kurz. Eine eingehendere Untersuchung hätte jedoch den Rahmen des vorliegenden Bandes gesprengt und ist Stoff für tiefergehende vergleichende Analysen. Auch eine Beschränkung des Datenmaterials macht eine vollständige Erhebung der Arbeitsformen vorerst nicht möglich. Die Menge an Kategorien und diskutierten historischen Begebenheiten machen das Buch an manchen Stellen etwas unübersichtlich, die Lektüre ermutigt aber zu einer systematischen Anwendung der vorgeschlagenen Instrumente. Wünschenswert wäre auch eine systematischere Verknüpfung der beiden Teile des Bandes, denn gesellschaftliche Wirklichkeit wird wesentlich auch sprachlich konstruiert. Eine eingehendere Diskussion der historischen Begriffe von Arbeit vor dem Hintergrund globalhistorischer Entwicklungen kann in diesem Buch nur teilweise vorgenommen werden. Hier sind auch die jeweiligen Regionalwissenschaften gefordert.
Der Lektüre dieses Buches tut dies jedoch keinen Abbruch. Durch die eingehende Analyse der Weltwirtschaft als Ganzes gewinnt die vorliegende Studie an Wert. Auch wenn der Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen jeweils der (mittel-)europäische Raum bildet, so blickt die Autorin gleichzeitig nach Asien und Amerika. Der Vergleich und die Verknüpfung mit weltweiten Entwicklungen ist für ihre Herangehensweise fundamental und hilft Komlosy in ihrem Ansatz, eine eurozentristische Perspektive zu vermeiden.
Mit diesem Buch legt Komlosy eine umfassende aber dennoch übersichtliche und leicht lesbare Darstellung der Gesamtzusammenhänge der globalen Arbeitsverhältnisse in ihrer historischen Entwicklung vor. Außerdem entwickelt sie eine Vielzahl von Kategorien, anhand derer sich Arbeitsformen analysieren lassen. Vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen rund um Fragen des Dienstrechtes für Lehrer*innen und Ärzt*innen, globale Arbeitsverhältnisse und den gesellschaftlichen Wert von Arbeit abseits der Lohnarbeit, leistet dieser Band auch einen bedeutenden deutschsprachigen Beitrag zu einer größeren gesellschaftlichen Debatte. Er stellt dabei den Arbeitsbegriff der Politik der vergangenen Jahrzehnte in Frage und trägt auch zu einer breiten internationalen Auseinandersetzung um die Geschichte von Arbeit bei.
Dieses Buch richtet sich an Interessierte ebenso wie an Studierende und Wissenschafter*innen unterschiedlicher Fachrichtungen, sei aber auch Aktivist*innen und Politiker*innen ans Herz gelegt. Es bietet ein nützliches Instrumentarium und eine Perspektive sowohl für die Praxis als auch für die Wissenschaft. Eine seiner wesentlichen Leistung ist die Darstellung der Arbeit in ihrer ganzen Vielfalt. Eine Erweiterung und reflexive Verwendung des Arbeitsbegriffes kann einen wichtigen Beitrag zu einer offeneren Diskussion um gesellschaftliche Entwicklung leisten.

Thomas Immervoll

Heft # 37|2015 als pdf

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