# 37|2015: Freiheiten, Öffentlichkeiten/Rezensionen

Thomas Waitz (2014): Bilder des Verkehrs. Repräsentationspolitiken der Gegenwart. Bielefeld: transcript

Rez_Bilder-des-VerkehrsVerkehr ist einer jener Begriffe, die in der Umgangssprache inflationär gebraucht werden und das, was mit ihm angesprochen wird, ist eines jener komplexen Bedeutungsfelder, die sehr ausgefranst sind, sich mit vielen anderen Ideen und Begriffen überlappen und je nach Kontext der Begriffsverwendung sehr verschieden akzentuiert werden – zumal sich vielerlei historische Umstände und kulturelle Diskurse in ihn eingeschrieben haben. Die Idee des Verkehrs überschneidet sich so etwa mit Phänomenen wie dem der Stadt, der Urbanisierung, der Masse, der Moderne, Modernität oder des Modernismus sowie der Postmoderne; sie taucht auf in Fragen zu Formen zwischenmenschlicher Interaktion, Zweckrationalität, Anonymität aber auch in Fragen zu Globalisierung oder Umweltpolitik; sie reicht ferner hinein in ganz unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen wie etwa Transport- und Technikgeschichte, Ingenieurswesen, Siedlungsgeographie, aber auch Kommunikationstheorie und Soziologie. Diese so vielfältigen Eigenschaften des Verkehrsbegriffs eint doch ein bestimmtes, spezifisch modernes Konzept von Verkehr als „die Vorstellung rationaler, marktförmig geordneter, sachlicher Austauschbeziehungen“ (208). Die vorliegende Forschung von Thomas Waitz wendet sich einer Reihe impliziter und expliziter Verhandlungen von Variationen dieser Verkehrsidee in wissenschaftlichen, literarischen, photographischen und filmischen Texten zu. Hierzu führt Waitz den Begriff der ,Verräumlichung‘ ein, der sodann drei exemplarische Topoi, Kreisverkehr, Flughafen und Peripherie als vielschichtige Komplexe denken lässt: als „Gewebe materieller Bedingungen und physischer Strukturen, symbolischer und sozialer Praxen, die etwas als Raum erscheinen lassen, plausibilisieren und handhabbar machen“ (17). Dabei wird das jeweilige Auftauchen der Idee des Verkehrs in Kulturtheorie und Kunst mit Michel Foucault als eine kulturelle Methode der Problematisierung argumentiert: In den Darstellungsweisen von Motiven des Verkehrs werden also immer auch allgemeine gesellschaftliche Strukturen (etwa verschiedene Typen von Verhaltenskonformität in politischen Systemen) und immer auch alltagsweltliche Konzepte (wie z.B. Geselligkeit, Selbstsicherheit) problematisiert.

Ähnlich wie in den Visual Culture Studies verfolgt eine solche kulturwissenschaftliche Ausrichtung der Medienwissenschaft diskurs- und machtanalytische Anliegen und überführt Bilder nicht einfach konventionell-kunsttheoretisch als symbolische Widerspiegelungen von Zuständen, sondern als reaktive und aktive Effekte von Repräsentationspolitiken (vgl. 9f.). Gemäß dieser Prämisse richtet sich der Fokus des Autors nicht nur auf den Symbolgehalt von Bildern, sondern ebenso auf die Umgangsweisen mit den Bildern und die Haltungen zu den Bildern, also auf das Medienhandeln und dessen Sich-Einfügen in normative Strukturen. So fragt der Autor beispielsweise nach dem Zusammenhag zwischen (erstens) einer bestimmten photographischen Stilistik, welche den Flughafen als einen generischen Ort trister Anonymität und subjektiver Verlusterfahrung behauptet, (zweitens) einem ähnlichen Klagegestus in Bezug auf den Flughafen in der Kulturtheorie und (drittens) einer bestimmten gesellschaftlichen Elite von Intellektuellen, welche die Präferenz für die entsprechenden Repräsentationspolitiken teilt und die nämlichen Photobände als ,Coffee Table Books‘ auf ihren Tischen in ihrem Zuhause situiert (vgl. 80f.). Der Autor verdeutlicht daran, wie nahe die in der Kulturtheorie viel besprochene Erfahrung von Subjektschwund und eine gleichzeitige intellektuelle, männlich codierte Praxis der Subjektermächtigung tatsächlich beieinander liegen können und, kaum erkannt, den Archetyp Flaneur in den ‚Global Citys‘ aktiviert haben. Die Gegenstände des Verkehrs werden dabei aber keineswegs nur in Erzeugnissen der künstlerischen Avantgarden gefunden. Vielmehr kontrastiert der Autor gewissenhaft die unterschiedlichen Spielarten der Problematisierung Verkehr: Am Beispiel der französischen Romantic Comedy Jetlag – oder: Wo die Liebe hinfliegt (Danièle Thompson) wird so etwa genau ein Parallelentwurf zur kulturpessimistischen Interpretation des ,Nicht-Orts‘ (Marc Augé) deutlich, in welchem das Gesicht des Verkehrsraumes von einer Seite portraitiert wird, die ihn als offenen Möglichkeitsraum zeigt, dem ein Befreiungsverspechen innewohnt (vgl. 124–132).
Einen besonderen Stellenwert in der Besprechung der jeweiligen Beispiele bekommt der Bezug des Verkehrs zu seinem eigenen, kulturell ‚modernen‘ Entstehungshintergrund. Unter anderem in Anschluss an Bruno Latour wird Modernität als Konzept vorgestellt, das sich durch die Bildung von extremen Oppositionen und die Entstehung von Ambivalenzen und Paradoxien auszeichnet – sowie durch den ständigen Versuch Ordnung herzustellen und Effizienz und Zweckdienlichkeit stets noch steigern zu wollen. Der Verkehr wird dabei als intrinsisches Pendant von Modernität dargestellt, da er ihre Prinzipien (sie umsetzend und wiederholend) performativ bestätigt und ihn ebenfalls die anhaltende Befindlichkeit einer noch zu optimierenden, nie abgeschlossenen Ordnungsleistung unruhig hält (vgl. 11f.). Der Autor zeigt sodann auf, wie gerade Motive des Verkehrs, die in einem sozusagen metonymischen Verhältnis zur Moderne stehen, verschiedene Grade der Reflexion über Letztere wiedergeben. Während Robert Musils Schilderung eines Verkehrsunfalls in Der Mann ohne Eigenschaften modern ist, weil sie noch mit modernen, sachlichen Mitteln einen Vorfall im Verkehr zu notieren und zu sortieren sucht, wird schon am Beispiel von Jacques Tatis Film Playtime eine erste Reflexionsstufe betreten, eine ironisierend ,modernistische‘ Rückschau auf Moderne betrieben (vgl. 29–36). Was Zygmunt Bauman als die Privatisierung von Ambivalenz beschreibt, zeigt sich in Tatis absurdem Kreisverkehr, der sich um seiner selbst willen dreht, darum Bescheid wissend, dass die Postmoderne die unlösbaren Ordnungsaufgaben und das tägliche Scheitern an unumstößlichen Ambivalenzerfahrungen vom Staat an das Individuum überantwortet hat. Verkehr wird in diesem Zusammenhang zur symptomatischen Denkfigur, die von der Polizeilichkeit der Ampel hin zur Gouvernementalität des Kreisverkehrs staatspolitische Variationen von Macht historisch als jeweils passend umgesetztes Äquivalent ausführt (vgl. 58–63). So wird auch darauf verwiesen, dass es bereits in den 1920ern einen soziologischen Diskurs gab, der ein zeitgenössisches Unbehagen mit einer sich wandelnden Gesellschaft konkret mit Verkehrsmetaphern besprochen hat (vgl. Antagonismus ,Gemeinschaft vs. Gesellschaft‘, 49ff).

Der Frage nach der aktuellen Lage der Moderne, also der populären Frage nach ihrem Scheitern oder ihrem Ende wird in einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Gegensatzpaar Zentrum-Peripherie Rechnung getragen. Nicht im Sinne einer Affirmation von Ausrufungen neuer Epochen, sondern aufgrund von diskursiven Prozessen, die sich derzeit rund um das Konzept der Peripherie häufen. Der Autor diskutiert an Beispielen wie dem Dokumentarfilm Durchfahrtsland (Alexandra Sell) oder dem gegenwärtigen siedlungsgeographischen Theorem der ‚Zwischenstadt‘ (Sieverts) den Wandel der Verräumlichung. Peripherie – der Ort, an dem aus moderner Perspektive etwas nicht gelungen ist, etwas nicht modern geworden ist oder nicht modern werden will – eine Bewertung und eine Demarkation gegenüber der Stadt und dem Zentrum, die allerdings in die Krise geraten sei (vgl. 148–203).
Der Autor schließt, mit einem zusammenfassenden Herausstreichen der kritischen Produktivität von Verkehr als Denkfigur. Die der Logik des Verkehrs innewohnende Ambivalenz verhindere, dass Bilder des Verkehrs gerinnen und ausschließlich intellektuelle und hegemoniale Bezugnahmen auf sie zulassen. Vielmehr privilegiere die Figur des Verkehrs stets divergierende Lesarten ihrer selbst, denn sie lasse stets die Widersprüche innerhalb ihrer Verräumlichungen sichtbar und bleibe immer Effekt der Gleichzeitigkeit von verschiedenen und oft gegensätzlichen Repräsentationspolitiken der Gegenwart.

Stefan Schweigler

Heft # 37|2015 als pdf

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s