# 38|2015: Flucht/Rezensionen

Karim El-Gawhary/Mathilde Schwabeneder (2015): Auf der Flucht. Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeeres Wien: Kremayr & Scheriau

El-Gawhary_Schwabeneder„Wenn ich kein Kind hätte, würde ich mir das Leben nehmen. Ich muss dafür sorgen, dass mein Kind nicht in die Hände dieser Verbrecher fällt und selbst ein Verbrecher wird und dass mein Sohn später weiß, wer sein Vater war und wer seine Mutter ist“, (69) sagt die Jesidin Amscha nach Verschleppung und Verkauf durch den IS. Erzählungen wie diese sind die Triebkraft des Buches Auf der Flucht – Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeeres der ORF-KorrespondentInnen Mathilde Schwabeneder und Karim El-Gawhary.
Brisanter hätte der Zeitpunkt der Erscheinung nicht sein können; die Medienlandschaft kennt derzeit kaum ein wichtigeres Thema als die Flüchtlingsströme und PolitikerInnen in ganz Europa zeigen sich hetzerisch bis überfordert. Während sich die Debatte um Grenzzäune, Willkommenskultur und Schleppereibekämpfung im Kreis dreht und sich dabei bisweilen rechts überholt, versuchen El-Gawhary und Schwabeneder, den Einzelschicksalen hinter all den Zahlen von Schutzsuchenden innerhalb und außerhalb Europas Grenzen ein Gesicht zu geben. Dies gelingt ihnen durch eine sehr nahe und persönliche Schilderung, die auch vor drastischen Details nicht Halt macht. Abwechselnd schreiben die beiden JournalistInnen die Geschichten von Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Eritrea, dem Sudan, Libyen, Gambia und Nigeria nieder. Dabei sind sie sich bewusst, wie verstörend die Erzählungen von Tod, Vergewaltigung, Hunger, Kälte und Angst auf ihre LeserInnen wirken könnten. Der journalistischen Ohnmacht wird aber auf bemerkenswerte Weise Raum gegeben, ohne dabei moralisierend zu werden. Gerade diese spürbare Unsicherheit, wie viel Verzweiflung noch zumutbar ist, aber doch geschildert werden muss, macht das Buch besonders berührend. So fragt sich El-Gawhary  „ob die Leser oder Leserinnen dieses Buches irgendwann aussteigen, weil sie diese furchtbaren Geschichten einfach nicht mehr aushalten. […] Wo in Gottes Namen soll ich bitte die positiven Fluchtgeschichten finden?“ (73)
Sie werden aber vereinzelt doch gefunden, wenn es etwa einem Vater im Sinjar-Gebirge gelingt, seine Familie vom IS zurückzukaufen oder wenn Tadese, ein junger Eritreer, als einer der wenigen vor Lampedusa aus dem Meer gerettet wird und jetzt nach jahrelanger Verfolgung beginnt, sich in Italien ein normales Leben aufzubauen. An dieser Stelle beleuchtet Schwabeneder auch sehr bewegend, welche Veränderungen diese Erlebnisse im Leben der ItalienerInnen bewirken, welche Traumata auch die HelferInnen durchleben. Sie erzählt etwa, wie Domenico, einem Fischer in Lampedusa, das Meer zum Feind geworden ist. Er leidet unter den Erinnerungen an die Toten, an die Menschen, die ihm durch das entlaufene Dieselöl immer wieder durch die Hände gerutscht waren. Heute fährt er nicht mehr aufs Meer und meidet die Öffentlichkeit. Seit die Flüchtlinge hier stranden, ist die Not näher an Lampedusa herangekommen. Die Flüchtlingskrise hat auch Auswirkungen auf das Leben vor Ort.
Außerdem finden Erklärungen zum Schleppermechanismus im Buch ihren Platz. Anhand von Beispielen erklärt Schwabeneder die Strategien der SchlepperInnen, die Auswirkungen der europäischen Flüchtlingspolitik und die hierarchische Struktur der Menschenhändlerringe und ihre Vernetzungen in die italienische Mafia.
Abschließend findet das Buch Anschluss an die Auswirkungen auf die Diskurse und Strukturen in einer österreichischen Gemeinde. Im oberösterreichischen Großraming schlüpft El-Gawhary in die Rolle des Lokalreporters und zeichnet Streitthemen, in der Gemeinschaft präsente Vorurteile und die allmählichen Wege zu deren Überwindung nach. Er unterstreicht eindrücklich die Banalität der Probleme der österreichischen Integration im Gegensatz zu den zu überwindenden Hindernissen in den Flüchtlingslagern der Nachbarländer und wie diese zwei Welten aufeinanderprallen und letztendlich doch voneinander profitieren, und wie die Gemeinschaft ihre Weltsicht und Werteprioritäten in der Konfrontation mit der anderen Lebenswelt noch einmal überdenkt. Eine Helferin fasst das mit dem Satz „Seit der Ankunft der Flüchtlinge haben die Großraminger kein Tal mehr im Kopf“ (186) treffend zusammen.
Dabei ist das Buch mehr ein menschlicher Appell und ein wenig auch mentale Vorbereitung auf den echten Kontakt mit Schutzsuchenden in Österreich, als dass es detailliert politische und historische Hintergründe vermitteln will. Politikwissenschaftliche Perspektiven stehen im Hintergrund, Ziel des Buches ist es, den Themenkomplex für eine breite LeserInnenschaft ohne Vorkenntnisse des Themas greifbar und verständlich zu behandeln. Für diejenigen, die die Situation außerhalb von persönlichen Einzelschicksalen analysieren und detaillierte politische Hintergründe betrachten wollen, ist Auf der Flucht nicht das Richtige, wer sich einen Überblick über die Situation jenseits von Statistiken machen will, dem sei das Buch empfohlen.

Eva Wackenreuther

Heft # 38|2015 als pdf

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