# 38|2015: Flucht/Rezensionen

Gundula Ludwig/Brigitte Bargetz/Birgit Sauer (2015): Gouvernementalität und Geschlecht. Politische Theorie im Anschluss an Michel Foucault Frankf.a.M.: campus

bargetz 1.inddBrigitte Bargetz, Gundula Ludwig und Birgit Sauer richten ihr Augenmerk im neu erschienen Sammelband Gouvernementalität und Geschlecht auf die politische Theorie Michel Foucaults und ihre Weiterentwicklung in Bezug auf die Kategorie Geschlecht. Erklärtes Anliegen des Buches ist es, Foucault besonders im Hinblick auf die Verschränkungen von Macht, Staat, Wissen, Subjekt UND Geschlecht zu lesen und somit „Leer- ebenso wie Anschlussstellen aufzuzeigen.“ (15) Besonders relevant sind daher Foucaults sogenannte Vorlesungen zu Gouvernemnetalität aus den Jahren 1978/9, in denen er den Begriff der Gouvernementalität einführt, der ein neues Verständnis von Macht und Herrschaft über das Regieren von Subjekten beschreibt. Im Zentrum stehen Machttechniken und die Art und Weise wie Formen des Regierens einerseits in die Lebensweise der Menschen eingreifen und andererseits von ihnen selbst reproduziert werden.  Der Sammelband besteht aus einem einführenden Kapitel zu Foucault von Bargetz, Ludwig und Sauer und acht Kapiteln zu „Macht, Gouvernementalität, Staat, Wissen, Sicherheit, Subjekt und Bevölkerung, Widerstand und Kritik“ (23) – den wichtigsten Begriffen aus den Gouvernementalitätsvorlesungen.
Mit Gouvernementalität beschreibt Foucault ein Bedingungsgefüge, indem sich Staat und Subjekt gegenseitig konstitutieren. Weiters ergänzt er die bis dato von ihm beschriebenen Formen der Machtausübung, Gesetz und Disziplin, durch das Sicherheitsdispositiv, das eng mit dem Begriff der Gouvernementaltität verbunden ist. Gesetz und Disziplin seien besonders auf ihre Norm bezogen und würden die Subjekte eben danach ausrichten. Das Sicherheitsdispositiv hingegen, fokussiere besonders auf die Sphäre zwischen Norm und ihren Abweichungen und wirke daher indirekt, indem es die Rahmenbedingungen für ein bestimmtes Verhalten der Subjekte vorgibt und etwa den Unterschied zwischen öffentlich und privat bestimmt. Aus geschlechterkritischer Sicht, ist vor allem spannend, dass Regieren aus einer Verquickung von Regierungstechniken mit Techniken des Selbst und damit eng an die Subjektkonsitution geknüpft gedacht wird. Das ist insofern relevant, als „Geschlecht Effekt von machtvollen Konstruktionsprozessen ist“ (15). Foucault selbst hat Geschlecht kaum theoretisiert, was sich für die Autorinnen des Bandes nun umso mehr anbietet.

Bargetz, Ludwig und Sauer möchten Foucault auf drei Ebenen befragen und erweitern: 1) auf der Ebene der „kapitalistische[n] Produktionsweise[, die] auf einer [rassisierten,] heteronormativen vergeschlechtlichten Arbeitsteilung beruht“ (16) und 2) auf Ebene der Subjektkonstitution, als Intersektionalität von Klassismus, Rassismus, Sexismus, Handicapismus und sexueller Orientierung mittels politischer Institutionen und alltäglicher Praxen. 3) Legen die Autorinnen dar, dass feministische politische Theorie immer „Kritik an […] herrschaftlichen Formen von Geschlechter- und Körperwissen“ (18) bedeute, um maskulinistische Verallgemeinerungen zu benennen und unterdrückende, hierarchisierende Wissensordnungen aufzubrechen. So sind moderne Regierungstechniken, die sich als Abwägungen zwischen Freiheit und Sicherheit beschreiben lassen und zugunsten der Sicherheit mittels Unterwerfung der Subjekte, individuelle und kollektive Freiheiten beschneiden, zumeist als patriachal zu identifizieren (siehe Text Meyer). Ähnlich verhalte es sich mit der Idee der Nation, als Konstituens des modernen Nationalstaats, da diese vielfach über biologistische Betrachtungen von Geschlecht und die Körper bzw. Reproduktionsfähigkeiten von Frauen konstruiert werde. Eine solche Herangehensweise erfordere es, den Blick auf das Historisch-Konkrete zu schärfen, so sprechen die Autorinnen auch davon, „dass die Konstitution vergeschlechtlichter Subjekte das Pendant einer jeweils historisch-spezifischen Staatlichkeit“ (22) sei. Bargetz, Ludwig und Sauer unterstreichen damit, dass es sich bei diesem Versuch um eine Theoretisierung von Geschlecht ,vom Staat her‘ handelt, und in weiterer Folge, dass im Moment der Unterwerfung jenes des Widerspruchs und der Subversion impliziert sei (siehe Text Lorey).

Exemplarisch möchte ich nun auf zwei Texte näher eingehen, „Feministische Staatskonzeption als Digestive“ von Birgit Sauer und „Kritik und Widerstand“ von Hanna Meißner. Sauer verbindet Foucaults Gouvernementalitätsbegriff mit feministisch-materialistischen Arbeiten, um diese „subjekttheoretisch“ zu erweitern und den Begriff als „Scharnier“ (92) zwischen den verschiedenen Ansätzen zu benutzen. Sie unterstreicht, dass Foucaults Denken von Staatlichkeit als „Praxis in einem herrschaftlichen Kräftefeld“ (92) für eine feministische Staatstheorie bedeutsam ist. Im Gegenzug gewinne auch Foucaults Staatstheorie von den feministisch-materialistischen Ansätzen das „gesellschaftstheoretische[n] Fundament[s]“ (93). Sauer extrahiert zu diesem Zweck was Foucault im Laufe der Zeit an staatsanalytischen Fragmenten vorlegte, beleuchtet seine Methode, die Genealogie, und diskutiert schließlich „systematische (geschlechts-)blinde Flecken“ (ebd.). Interessant ist dieser Ansatz, weil Foucault sich dezidiert vom Staat als Zentrum einer Konzeption von Macht abwandte, um andere Formen und Mechanismen aufzuspüren, Sauers Text aber wieder in die Sphären der Staatstheorie verweist. Echte Leerstellen aus feministischer Sicht sind laut Sauer „Staatsapparat, Gewalt, Arbeitsteilung und Abhängigkeit“ (108), der Abschnitt dazu ab Seite 108 besonders lesenswert.
Meißner erkundet mit Foucault die Orte einer feministischen Kritik, die sich darauf richtet, das eine Transformation des Subjektes aufgrund des Prozesses der Kritik stattfindet, denn der Mensch stehe niemals still und sei immer im Werden begriffen. Interessant ist dabei die theoretische Ausgangsposition, denn Foucault gehe davon aus, dass ein Denken außerhalb von Machtverhältnissen nicht möglich ist. Kritik müsse deshalb von den Grenzen her kommen bzw. sei eine „»Grenzhaltung«“ (208) einzunehmen, die einerseits auf deren Ziehung hinweist und andererseits ihre mögliche Überschreitung prüft. Meißner versucht dabei bedächtig Vorwürfe der theoretischen Beliebigkeit und der politischen Positionsverweigerung an Foucault abzuwehren und spricht von einer „[p]roduktive[n] Instabilität des Subjekts“ (222). Sie bewegt sich damit in einem reichen Theoriekanon. Es bleibt aber fraglich, inwiefern diese Instabilität nicht von einer Präkarität zeugt, an der mehr Subjekte scheitern, als dass sie in die Lage kommen, das Potential zu entwickeln sich kraft ihrer zu befreien.

Die Beiträge sind größtenteils sehr verständlich geschrieben, besonders das einleitende Kapitel lässt sich Zeit, um das Ziel des Buches und seine Komponenten in gebührender Weise vorzustellen und eine kleine Einführung in Foucaults Theorien und ihre Relevanz für eine politikwissenschaftliche Betrachtung in Bezug auf Geschlecht zu geben. Das kommt den darauf aufbauenden Artikeln sehr zugute. Was ich persönlich an der Foucault-Rezeption insgesamt immer etwas seltsam finde, ist die Tendenz seine theoretischen Arbeiten in keinen größeren erkenntnistheoretischen Zusammenhang zu stellen. Auf der Input-Seite sozusagen, insbesondere was die VorgängerInnen und Einflüsse AUF Foucault betrifft, gibt es meines Erachtens noch viel Raum für weiterführende Ausarbeitungen und historisch-vergleichende Rückschauen.

Melanie Konrad

Heft # 38|2015 als pdf

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