# 38|2015: Flucht/Rezensionen

Wendy Brown (2015): Die schleichende Revolution. Wie der Neoliberalismus die Demokratie zerstört
. Frankf.a.M.: Suhrkamp

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© 2016 Suhrkamp Verlag AG

Was ist Neoliberalismus? Wie wirkt sich die Neoliberalisierung auf Gesellschaften aus? Wie unterminiert die neoliberale Rationalität die liberale Demokratie? Ausgehend von den Analysen Michel Foucaults entwickelt die amerikanische Politikwissenschafterin Wendy Brown Konzepte, mithilfe derer sie die systematische Zerstörung der Demokratie (welcher Spielart auch immer) durch den Neoliberalismus erfassen kann.

Der Neoliberalismus ist eine normative Wahrheit, die sich in heutigen Gesellschaften immer mehr durchsetzt. Seine Erscheinungsformen werden, da sie nur als Werkzeuge fungieren, oft nicht als neoliberal wahrgenommen. Der Neoliberalismus ist „nicht selbst ein Herrschaftsinstrument, sondern vielmehr die Bedingung der Möglichkeit und Legitimität ihrer Instrumente“ (142). Die Eigenschaften des homo oeconomicus ließen sich „innerhalb seines eigenen Bezugsrahmens nicht erkennen“ (125), so Brown. Dabei ist er nicht neutral und unideologisch, er ermöglicht schließlich die Legitimation neuer Herrschaftsformen. Entscheidend sei dabei nicht, wer die treibenden Kräfte hinter dem Aufstieg des Neoliberalismus sind, denn der „grundlegende Wandel der staatlichen Zwecke und Legitimität ist wichtiger als die Frage, welche Politiker, Konzerne und Banken genau miteinander verbandelt sind“ (178). In ihrem Buch verfolgt Brown das Ziel „nachzuzeichnen, wie der Aufstieg der neoliberalen Rationalität das Ideal, die Vorstellungswelt und das politische Projekt der Demokratie gefährdet“ (242). Zu diesem Zweck lehnt sie sich stark an Foucaults Vorlesungen zur Geburt der Biopolitik an, geht aber über diese hinaus und bezieht systematisch die Ideen anderer Theoretiker_innen in ihre Überlegungen mit ein.

Foucaults Analyse ist trotz ihrer Weitsichtigkeit für Brown nicht ausreichend, um den Neoliberalismus in seiner heutigen Form analysieren zu können. Die Ausmaße, die dieser gegenwärtig erreicht, waren zu Foucaults Zeiten noch nicht absehbar. Außerdem war das theoretische Fundament einiger seiner Begriffe nicht ausreichend entwickelt. Das Buch beinhaltet eine fundamentale Kritik des Neoliberalismus. Brown zeigt, warum er demokratiefeindliche und trotz seines neutralen Auftretens normative Elemente mit sich bringt. Sie grenzt ihn vom klassischen liberalen Projekt ab, das sich dadurch auszeichnete, dass dem homo oeconomicus immer noch ein Rest des homo politicus beiseite steht. Letzterer verschwindet erst durch die Entwicklung einer neoliberalen Logik.

Eine Debatte über Ziele und Grundlagen von Demokratie und Gesellschaft sei nun nicht mehr möglich.
 Am Beispiel des Irak verdeutlicht Brown die Folgen dieser Entwicklung. So zerstörte die amerikanische Nachkriegsverwaltung die traditionelle irakische Landwirtschaft und machte sie von amerikanischen Agrarkonzernen abhängig. Der Neoliberalismus führt sowohl zum Verlust individueller wie auch gesellschaftlicher Souveränität und Freiheit. Freiheit besteht nach Rousseau, „wenn wir uns mit anderen zusammenschließen, um die Bedingungen festzusetzen, aufgrund deren wir zusammenleben“ (110). Für Vertreter_innen der liberalen Demokratie sichern seit Locke „die Souveränität des Volkes und die des Individuums einander ab“ (128).

Brown legt ein engagiertes und aufwühlendes Buch vor, das sich vehement gegen die hemmungslose Ausbreitung der neoliberalen Rationalität richtet. Basierend auf einer sorgfältigen Analyse vorliegender Theorien des Neoliberalismus bietet sie eine leicht lesbare, aber sorgfältige Kritik des Neoliberalismus. Am Ende des Buches versucht Brown einen Ausweg aus der Krise der Demokratie anzudeuten. Dies bleibt jedoch Stoff für weitere Bücher; die Perspektive für einen Kampf gegen die Ideologie des Neoliberalismus bleibt die Autorin schuldig.

In Zeiten, in denen alle Bereiche der Gesellschaft – vom Gesundheitssystem über Universitäten, Entwicklungshilfeprogramme bis hin zum Sexualleben jedes Einzelnen – zunehmend einer neoliberalen Rationalität unterworfen werden, ist Die schleichende Revolution von Wendy Brown ein wichtiges Buch. Möge es als Inspiration zur Entwicklung alternativer Konzepte zum Neoliberalismus dienen!

Thomas Immervoll

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