# 38|2015: Flucht/Reportage

H wie Heimat, Ö wie Österreich. Reportage: Deutschunterricht in Saalfelden

von Eva Wackenreuther

Saalfelden_Kirche_Winter

Saalfeldens Kirche im Winter von Guntram Hufler

 


Wie auf einer Perlenkette aufgefädelt sitzen die 17 jungen Männer hinter ihren Schulbänken. Ihr Blick ist gesenkt, einige lächeln schüchtern. Man kann nur erahnen, was ihnen widerfahren sein muss, dass sie solchen Respekt vor ihren zwei harmlos aussehenden Lehrerinnen haben. Die Lehrerinnen sind eine Freiwillige aus dem Ort und ich. Eigentlich dachten wir, wir seien nervöser, schließlich haben wir noch keine Vorstellung davon, wie wir diesen Unterricht eigentlich aufziehen wollen und wem wir da gleich Vokabeln beibringen werden.

Die Schüler, die hier wie Taferlklassler auf die erste Deutschstunde warten, sind ein Teil der Asylbewerber, großteils Iraker und Syrer, die während der Sommerferien im Internatsgebäude des Gymnasiums von Saalfelden im Salzburger Pinzgau untergebracht sind. Im September beginnt dann wieder die Schule und sie müssen weg, wahrscheinlich getrennt voneinander. Wohin, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Bis dahin verbringen sie fünf Wochen in den Räumen, in denen normalerweise Zehn- bis Achtzehnjährige ihren Alltag verbringen. Die Freude über die gut ausgestattete Unterkunft mit Zweibettzimmern, Aufenthaltsraum und Fußballplatz ist riesig, kamen die meisten doch direkt aus Traiskirchen, wo sie schon Tage bis Wochen im Freien übernachten mussten. Am ersten Wochenende ruhen sich einige in ihren Zimmern aus, der Rest lernt sich beim Fußballspielen besser kennen. Alle haben ihre Handys bei sich, fotografieren und chatten rund um die Uhr. Der Internatsleiter ist da, der Vizebürgermeister ist vor Ort und eine Reporterin schießt Fotos der Flüchtlinge beim Schach spielen.

Kontaktmöglichkeit

Erfahren habe ich wie viele andere davon erst wenige Tage vor der Ankunft der Flüchtlinge. Die angegebene Zahl schwankte, ebenso wie das Meinungsbild der Kommentare unter der Facebookankündigung. Von 50 bis 200 Flüchtlingen war die Rede, die Zahl der Kommentare lag bei über 200. Hier spiegelte sich auf konzentrierte Weise wider, was man sonst beim Einkaufen, in der Bar oder auf der Post hören konnte. Das Gesprächsthema spaltet die SaalfeldnerInnen, kein grau ist möglich, es gibt nur für oder gegen die Flüchtlinge, schwarz oder weiß. „Jetzt haben die da sogar Geld um einkaufen zu gehen. Acht Stück waren gerade da, acht Stück!“, sagte eine Kassiererin, ein Kunde empörte sich jedoch sofort über ihren Tonfall. Vor Ort gewesen ist bisher kaum jemand, eine Meinung haben aber alle. Auch die Schule und das Rote Kreuz, das für die Organisation zuständig ist, sind sich dieser Ambivalenzen bewusst und zu Anfang noch unsicher, ob und wie man öffentlich auftreten soll. Ein Spendenaufruf? Eher ja. Ein Willkommensfest für alle? Doch lieber nur für die Flüchtlinge und die HelferInnen, man will sich nicht den negativen Reaktionen aussetzen. Die lokale Zeitung entschließt sich, die rassistischsten Kommentare abzudrucken: „Mia deafn uns nid zrugdrängen lossn von denen, des is unsa Heimat, de soin si gfälligst wieda hoamschleichn do wos heakeman!“, schreibt jemand. Zumindest darüber, dass solche Äußerungen gar nicht gehen, scheinen sich die SaalfeldnerInnen dann aber doch einig.

Ein paar von ihnen haben sich sogar schon zum improvisierten Helfen zusammengefunden: Viele haben beim Roten Kreuz angerufen, Unmengen Kleidung vorbeigebracht oder sind einfach nur zum Internat gekommen, um sich selbst ein Bild zu machen. Auch an Deutschunterricht war von mehreren kleinen Gruppen gedacht worden und nach einigen Telefonaten und Mails waren zwei Tage später 15 Freiwillige gefunden, die die nächsten Wochen täglich mit Deutschunterricht verbringen würden. Dazu aufgerufen hat man lieber nicht öffentlich, das Engagement war aber auch so erfreulich hoch. Von da an wurden Einteilungslisten hin- und hergeschickt, Hausübungsbeispiele ausgetauscht und Vokabelkärtchen gebastelt. Der Aufenthaltsraum wurde mit Bildern und Wörtern von Lebensmitteln, Alltagsgegenständen und Sportarten übersät, in geschwungener Schrift überall die arabische Übersetzung.Die Herangehensweisen der DeutschlehrerInnenteams war ähnlich bunt gemischt. Manche setzten darauf, alle umgangssprachlichen Begrüßungsfloskeln zu vermitteln, um es den Flüchtlingen zu ermöglichen, schnellen Kontakt zu knüpfen, andere lehrten nur die Sie-Form, um für Behördengespräche gewappnet zu sein. Zum Glück tauschten die Schüler auch zwischen den verschiedenen Unterrichtsgruppen ihr Wissen aus.

So ähnlich lief auch der Unterricht ab. Auch wenn sich die Flüchtlinge selbst ihren ‚Schulklassen‘ zuordneten, so wurde doch darauf geachtet, in jeder Gruppe einen englischsprachigen Übersetzer dabeizuhaben, der dann kurze Übungsanweisungen in lange, gestisch untermalte Erklärungen übersetzte. Das funktionierte besser als gedacht, bald waren alle ein eingespieltes Team. Die Stimmung lockerte sich schnell, es wurde gemeinsam darüber gelacht, dass die syrische Aussprache des Wortes zwar richtig, aber die irakische noch richtiger sei und über mehr als nur Grammatikformen gesprochen.

Zwei Welten

Manchmal wurde das heitere Lernen aber ganz unvermittelt unterbrochen, wenn die verschiedenen Lebenswelten von LehrerInnen und Schülern aufeinanderprallten. Besonders betroffen gemacht hat mich, als ich – als bloßen Übungssatz zu den eben gelernten Familienvokabeln gedacht – einen meiner Schüler fragte: „Wie viele Brüder hast du?“ und die Antwort nur ein stockendes „You mean all brothers or just the ones alive?“ war.

Oder aber, wenn ein etwa 40-jähriger Mann in zu unterwürfigem Ton darum bat, zum Telefonieren das Klassenzimmer verlassen zu dürfen, seine Familie habe erstmals seit zwei Wochen wieder Internet und er sei so froh zu hören, dass sie am Leben seien. 15 Minuten später kam ein Mann wieder herein, dem man wirklich ansah, wie groß der Stein war, der im gerade vom Herzen gefallen war.

Auch für die anderen Flüchtlinge waren die Smartphones ein elementarer Bestandteil ihres Lebens. Keine Klasse von 13-Jährigen könnte es mit ihnen in puncto Handynutzung aufnehmen. Permanentes Vibrieren und ein kleiner Kampf um die Steckdosen waren die Folge, der Kontakt mit der Heimat ja nur über Social Media möglich. Plötzlich war auch mein Facebook-Newsfeed voll mit den kommentierten Bildern von FreundInnen von FreundInnen, die gerade ein Foto von der sicheren Ankunft am griechischen Festland hochgeladen hatten. Auf einmal waren da Aufnahmen von Schwimmwesten und Schutthaufen Teil der sonst so einseitig schönen Onlineselbstdarstellungswelt.

Aber darum ging es für die Neosaalfeldner nicht, anders als für die Einheimischen war ihr Smartphone wirklich der einzige Draht zur Familie, die regelmäßig Fotos und Videos aus ihrem Alltag schickten. So wurden mir auch immer wieder Bilder von Kindern, Brüdern, Freundinnen und Verwandten gezeigt, denen ihrerseits Unmengen an Fotos vom Deutschunterricht, der Stadt und dem Internat gesendet wurden.

Es ist erstaunlich, wie sich ein Menschenleben in den Bilderordner eines Handys zwängen lässt. Neben den Familienfotos bekam ich auch immer wieder stolz Fotos ihrer ehemaligen Häuser, Autos und Unternehmen zu sehen. Die meisten waren zuvor in Handwerksberufen tätig gewesen oder hatten kleine Läden geführt. Aber auch Informatikspezialisten und ein Neurochirurg waren dabei; in manchen Medien wurden zu dieser Zeit teilweise hämisch Falschinformationen über den vermeintlich niedrigen Bildungsgrad der Geflüchteten verbreitet. Immer wieder ging auch die Mär um, dass die Smartphones von der Regierung bereitgestellt würden. Auf seinem selbstverständlich selbst erworbenen Handy scrollte etwa Ali aus Mossul minutenlang nach unten, um wirklich alle seine Diplome und Zertifikate zu zeigen. Dutzende an Auszeichnungen, Zusatzkursen, ein Universitätsabschluss, alles in Österreich vorerst von wenig Wert.Neben ihrer Funktion als Kontaktmittel waren die Smartphones auch auf dem Weg bis nach Österreich von großer Bedeutung. In einer Stunde ‚Landeskunde‘ erklärten wir Ländernamen, Städte, Bundesländer. Dabei fiel auf, dass viele wenig Ahnung hatten, wo genau sie jetzt eigentlich waren, es schien auch nicht von besonderer Bedeutung für sie zu sein; Saalfelden ist für die meisten nicht die Endstation ihrer Reise. Auch auf ihrem Weg haben sie der GPS-Funktion und den Hinweisen befreundeter Flüchtlinge vertraut.

Trotzdem haben sie eine eindeutige Meinung zu den meisten Ländern, aufbauend auf Berichten aus dem Bekanntenkreis, wie Flüchtlinge dort von Behörden und Zivilgesellschaft behandelt wurden. Wir versuchten in unserer Unterrichtsstunde an Orte anzuknüpfen, die sie vermutlich kannten, um ihnen ein Gefühl für die geographische Lage zu geben. Ich zeichnete Wien, Salzburg, München, Saalfelden, Traiskirchen in die Karte ein. „Eva, please, we don’t want to remember Traiskirchen“ war die eindringliche Reaktion.

In Momenten wie diesen wurde einem deutlich bewusst, wie unterschiedlich die Welten sind, in denen wir leben und wie ungerecht die Chancenverteilung doch ist. Dass diese Menschen doch all die Schrecken erlebt haben, die manche mit dem Wort ‚Wirtschaftsflüchtling‘ einfach vom Tisch wischen wollen. Dass sich die meisten vermutlich gerade sehr anstrengen müssen, um interessiert und dankbar wirkend, Erklärungen zu Adjektiven zu folgen. Dass wir uns in Österreich viel zu wenig glücklich schätzen, dass wir so viele Entscheidungen in unserem Leben selbst treffen können.

Paragraphendickicht

Entscheidungen, die die Schutzsuchenden und auch das Rot Kreuz vor Ort sicherlich anders getroffen hätten, wenn sie die Wahl gehabt hätten, betrafen die Verpflegungsmodalität. Das Internat verfügt naturgemäß über einen Speisesaal samt großer Küche. Willen zum Kochen von Seiten der Flüchtlinge war da, sogar Nahrungsmittelspenden wurden abgegeben. Einzig die Erlaubnis, die Küche zu benutzen, wurde von einer Hygienevorschrift verweigert. Deshalb erhielten sie für Mittag- und Abendessen einen Gutschein für das zwei Kilometer entfernte Supermarktrestaurant. Daher spazierte die Truppe zweimal täglich ins Einkaufszentrum der Stadt und aß dort. Am Sonntag, wenn diese Möglichkeit nicht zur Verfügung stand, wurde das Essen sogar aus der 15 Kilometer entfernten Krankenhausküche angeliefert.

Einerseits gut, das Internat liegt etwas abgelegen und im Stadtzentrum konnten die Neuankömmlinge durch ihr geübtes „Hallo! Wie geht es Ihnen?“ freundlich lächelnd so manches Eis brechen. Andererseits fragten sich viele Einheimische, ob den Flüchtlingen das Essen im Internat nicht gut genug sei, ob sie so viel Geld übrig hätten. Auf die absurde Idee, dass sie gar nicht von der Internatsküche versorgt werden, kommen verständlicherweise die wenigsten.

Trotzdem verbesserte sich die Stimmung zugunsten der Flüchtlinge mit jedem Tag, da sich die Ängste mancher BürgerInnen nicht bewahrheiteten. Und so entschlossen sich Stadtgemeinde und Kunsthaus gegen Ende ihres Aufenthaltes in Saalfelden doch noch ein Willkommensfest für die Geflüchteten zu organisieren. Es gibt sicherlich noch kulturelle Unterschiede zu überwinden, etwa wenn nach dem Namen der Eltern gefragt, die Schutzsuchenden aus dem arabischen Raum nur den Namen des Vaters nennen, gefragt nach dem der Mutter hingegen peinlich berührt wegschauen und eine Antwort vermeiden. Den Namen der Mutter oder der Schwester zu nennen ist in manchen Regionen ein Tabu. Oder etwa wenn die beim Willkommensfest auftretenden Alphornbläser mit einer an Furcht grenzenden Verwunderung bestaunt werden. Wenn man aber daran denkt, mit welchem ehrlichen Bemühen alle versucht haben, sich anzupassen und sich ‚richtig‘ zu verhalten, scheint auch das schaffbar. Als sich am Beginn des Festes alle Internatsbewohner in einer ordentlichen Reihe aufgestellt hatten und fast jeder jedeN SaalfeldenerIn einzeln begrüßte, ist klar, dass ein gemeinsamer Weg gefunden werden kann und wird.

Zukunftsmusik

Wie sich dieser Weg genau gestalten wird, bleibt ärgerlicherweise bis zuletzt unklar, zum Leidwesen aller. Zu Schulanfang mussten die Flüchtlinge das Internat nämlich wieder verlassen, das war seit ihrer Ankunft bekannt; wohin die Reise für sie weiter gehen würde allerdings nicht. Das Rote Kreuz und die Freiwilligen bemühten sich um eine Aufteilung nach den Wünschen der Flüchtlinge. Die Kapazitäten der nächsten Quartiere waren ungefähr bekannt, allerdings nicht, wer wo hin müsse. Es wurde insistiert, dass es auch für die Freiwilligen der nächsten Unterkunft einfacher wäre, wenn pro Flüchtlingsgruppe ein Englischsprecher dabei wäre. Es wird darauf hingewiesen, dass die Unterbringung nach Nationalitäten Konflikte vermeiden könnte. Doch alles umsonst – die Zuständigen sind nicht erreichbar oder beharrten darauf, dass die Verteilung nach den bürokratischen Kriterien ihrer Erstregistrierung zu erfolgen hat. Ein Freiwilliger des Roten Kreuzes fasst seine Bemühungen so zusammen: „Es ist, als würde ich in einer Telefonzelle anrufen.“ Und so erfolgte die Bekanntgabe der neuen Quartiere an einem Freitag, Abreise dann am Montag, was kaum Möglichkeiten für Vorbereitungen irgendeiner Art gab.

Selten habe ich in einem Raum eine solche Anspannung erlebt, wie im Speisesaal des Internats kurz vor Bekanntgabe der neuen Wohnorte – Totenstille und schneidende Luft. Das Fenster zu öffnen wagte niemand, alle Augen waren auf den Koordinator des Roten Kreuzes gerichtet, der soeben die Daten geschickt bekommen hatte. Die HelferInnen schienen beinahe genauso nervös wie ihre Schützlinge, die gemeinsame Zeit war doch näher gegangen als man geglaubt hatte. Einer als Deutschlehrerin Engagierten, riss in diesem Moment die Geduld. „Die hol’ ich zurück!“, entschloss sie sich damals kurzerhand. Bis heute hat sie es tatsächlich geschafft, acht der ehemaligen Saalfeldener Flüchtlinge wieder hier unterzubringen; Sie ist ständig auf der Suche nach weiteren Wohnungen.

Nach der Verkündung waren manche erleichtert, anderen stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Besonders Ziad (Name von der Redaktion geändert), ein 19-jähriger Iraker, war am Boden zerstört. Normalerweise quirlig und frech, hatte er noch am nächsten Tag rot geweinte Augen. Die anderen erzählten davon, dass Ziad Panikattacken bekäme, wenn er allein sei und gerade er wurde durch die Tücken der Bürokratie von seinen neuen Freunden getrennt in eine andere Stadt geschickt. Nach einigen Bitten des Roten Kreuzes konnte Ziad ein paar Tage später doch noch nach Wagrain umziehen, wo die meisten der Saalfeldener Flüchtlinge heute in einer zur Zeit nicht genutzten, abgelegenen Jugendherberge untergebracht sind. Dort habe ich sie zum Opferfest nochmals besucht, gemeinsam gegessen und gelacht. Von den sehr engagierten Freiwilligen vor Ort haben sie schon das Wort ‚Gugelhupf‘ gelernt.

Auch wenn die Organisation nach Ende der Sommerferien schwieriger ist, haben die WagrainerInnen einen wöchentlich stattfindenden Deutschkurs organisiert und Freundschaften mit den Flüchtlingen geknüpft. Ich bin zuversichtlich, dass Österreich für sie eine Heimat werden wird.

Heft #38|2015 als .pdf


Eva Wackenreuther ist Studentin am ipw und Mitglied der Redaktion.

 

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