# 38|2015: Flucht/Bericht/Reportage

Die Stadt in der Stadt. Reportage: Wie der Hauptbahnhof zum Symbol der Wiener Hilfsbereitschaft wurde

Wien_Hauptbahnhof_Eingang_Wiedner_Gürtel

Der Eingang Wiedner Gürtel / Südtiroler Platz des Wiener Hauptbahnhofs von Jacke Rużyczka.

von Rami Ali


Nach einem abendlichen Friseurgang saß ich im Auto und fuhr Richtung Hauptbahnhof zum Late-Night-Milch-Shoppen. Mit einem Knopfdruck schaltete ich den Motor aus und stieg aus dem Car-Sharing-Auto. „Geiles Teil“, dachte ich mir, während ich zum Auto zurückblickte und mich fragte, ob ich auch mal so ein Prachtstück besitzen würde. Die Zeit im Auge bewahrend – schließlich sperrte der Laden schon um 23:00 Uhr zu – eilte ich zum Kühlschrank. Ich ging zur Kassa, wo ein Mann, vermutlich einige Jahre älter als ich, gerade dabei war Babysachen, wie Windeln, Brei und Milchpulver zu kaufen. Während ich wartete, bis ich drankam, begann ich zuzuhören.

Der Mann redete schon eine Weile mit dem Kassier, der ihm erklärte, dass das Pulver vielleicht nicht so geeignet sei. ,Ein junger Vater‘, dachte ich mir, schaute den Kassier verständnisvoll an und nickte ihm zu, um zu signalisieren, dass er sich nicht zu beeilen brauchte. Solange er noch da war, würde ich meine Sachen ja noch bekommen. Ich hörte wieder hin. „Na, ned deshalb, aber die san von wo anders her, vielleicht gibt’s des bei erna ned ge, ned dassas ned vertrogen“, sprach der Kassier besorgt zum Mann. Dieser, sichtlich dankbar, fragte sodann, was er denn sonst nehmen sollte. Währenddessen wurde mir klar, dass die Waren wohl nicht für die Kinder des Mannes gedacht waren. „Von wo anders her“ – wen meinte er? Hinter mir stellten sich schon die nächsten Leute an. „Von wo kommen die denn?“, fragte der Kassier jetzt in Richtung des Mannes. „Aus Syrien“, erwiderte dieser.

Ein Wort schoss mir durch den Kopf: Flüchtlinge. Aber hier bei uns? Bis dato hatte ich noch von Übergriffen an der mazedonischen Grenze gehört und von großen Flüchtlingsströmen in anderen Ländern. Richtig fassen konnte ich das Ganze nicht. Wie denn auch? Es betraf uns in Österreich ja nicht, und ein mitleidbekundendes Like auf Facebook bewirkt ja auch schon einiges. Die Tatsache, dass ich sie nicht sehen konnte, machte die Sache zu einem abstrakten Geschehen ,da draußen‘ für mich. Klar, ich konnte mich – nicht zuletzt auf Grund des ähnlichen kulturellen Backgrounds und der Religion – wohl besser in syrische oder irakische Flüchtlinge hineinversetzen als andere, aber getan habe ich das nicht wirklich, zumindest sollte mir das am Abend dieses Tages klar werden. Ich ging nach wie vor jeden Tag meinen alltäglichen Beschäftigungen nach – von der Flüchtlingskatastrophe hörte ich höchstens in den 24-Uhr-Nachrichten oder las einige Artikel und Berichte dazu.

Der Mann ging, wie empfohlen, zurück zum Schrank mit Babynahrung und tauschte zwei Päckchen gegen einige andere aus. Er kehrte zur Kassa zurück und dann fing der Kassier wieder an: „San die jetzt hier, ist des für sie?“, fragt er. „Ja, oben, Bahnsteig 10/11“, erwiderte der Mann. Jetzt bekundete auch ich mein Interesse: „Sorry, ich hab nur ein wenig mitgehört, bringst du das zu Flüchtlingen?“, fragte ich, um ins Gespräch zu kommen. „Ja, die haben gesagt, die brauchen das, es kommt gleich ein Zug mit einigen Flüchtlingen“, erwiderte er. „Vorwiegend Syrer oder?“, fragte ich. „Ja“, antwortete er. „Braucht ihr vielleicht einen Dolmetscher? Ich kann Arabisch“ fragte ich ihn. Er sei sich nicht sicher, da er nur ein Helfer sei, aber er glaube, dass man bestimmt arabischsprachige Dolmetscher braucht. Gut, ich sollte also dolmetschen. Keine Sekunde hatte ich darüber nachgedacht, dass es eigentlich schon ziemlich spät war. Die Option jetzt nach Hause zu gehen, existierte nicht mehr.Der Typ, der hinter mir an der Kassa stand, fragte uns, ob die Windeln und Nahrung für Flüchtlinge wären. Wir erwiderten mit Ja. Auch er zögerte nicht lange: „Darf ich noch was drauflegen?“, fragte er,, der gerade dabei war, Alkohol zu kaufen. „Klar“, sagte ich, „aber Vodka kommt glaub ich nicht gut“, fügte ich dann lachend hinzu. „Nein, nein“, erwiderte er, während er sich auf den Weg machte, Babynahrung zu holen und diese dann bezahlte. Wie aus dem Nichts musste ich lächeln. Hatte da soeben ein Wildfremder seine Hilfe angeboten und dann tatsächlich gehandelt? In Wien?

Dabei war der doch aus ganz anderen Gründen hier, ver- mutlich um den Tank für eine lange Nacht zu füllen. Lange Nacht – das war wohl das Stichwort. Ich ging nochmal zum Kühlschrank, schnappte mir sämtliche vorhandene koffeinhaltige Getränke, denn auch ich wusste, es würde eine lange Nacht werden.

Thomas, so hieß der Mann, der gerade die Babynahrung gekauft hatte. Wir teilten uns die Einkaufssackerl und machten uns auf den Weg. Smalltalk. Wir redeten über Alter, Studium, Job. Aber so ganz war ich nicht dabei. Nur, dass er Informatik studierte, hatte ich noch vernommen. Ich konnte mir das alles einfach nicht vorstellen. Was für Leute würde ich jetzt sehen? Würden sie mit mir reden? Wie verängstigt würden sie sein? Gab es Kinder? Waren es viele? Die letzte Frage habe ich dann tatsächlich laut gefragt. „Naja, so 60, 70 sind es bestimmt“, antwortete Thomas gelassen. „Bis zum Ende des Gleises und dann einfach runter“, fügte er hinzu, während wir uns langsam der Stiege näherten. Unten angekommen blieb ich erst mal stehen. Diagonal rechts ein Essensstand. Neben mir saßen ein paar Leute am Boden und aßen. Diagonal links Betten, einige lagen schon darauf. Daneben eine provisorisch eingerichtete „Ticketstation“ die auch Informationen, auf Arabisch Maa’loomat, ausgab.

Ich fühle sogar jetzt noch, wenn ich versuche, meine Eindrücke und Gefühle zu diesem Zeitpunkt zu beschreiben, dieselbe Verwirrung wie damals, als ich zum ersten Mal da unten stand. „Rami, kommst du?“ unterbrach Thomas mich in meinen Gedankengängen, während er mich zu sich herwinkte. Er brachte mich zur Zentrale. Eine große Halle, die zu einer Organisationszentrale und gleichzeitig zu einer Schlafstelle umfunktioniert worden war. Ich schaute mich um. Etwa 20 bis 30 Betten standen nebeneinander, auch hier lagen schon einige. Rechts die Social-Media-Ecke:. „Hier starten wir die Aufrufe nach allem was wir gerade benötigen, Kleidung, Lebensmittel, Alltagsgegenstände“.. Da sprach mich plötzlich jemand an: „Super, dass du hier bist, freut mich wirklich, wir haben gar keine Dolmetscher da.“ Ich nickte, immer noch in Gedanken. Wer waren diese Leute? Wieder blickte ich um mich. Einige der Flüchtlinge schliefen bereits. Ich schaute in ihre Gesichter. Ich wünschte, ich hätte sie nach ihrem Namen fragen können. In Gedanken malte ich mir aus, wie wohl ihre Reise gewesen sein musste, was sie wohl erlebt hatten.

Ich wandte mich einem netten Kerl zu, der übrigens Michael hieß, und fragte ihn, was ich tun konnte. Freundlich verwies er mich auf das Klebeband und einen Edding-Stift, ich solle mir doch meinen Namen auf meine Brust kleben. Jetzt schaute auch der Social-Media-Mensch auf. Ein freundliches Gesicht blickte mich an und er streckte mir die Hand entgegen: „Hallo Rami – Oliver. Freut mich unendlich, dass du da bist, toll!“ Er nahm das Walkie-Talkie in die Hand und funkte: „Haben jetzt einen Arabischdolmetscher.“ „Super, den können wir gut gebrauchen“, hallte es zurück. Oliver und Michael nahmen mich beide mit und wiesen mich erst mal ein. Fragen, die mich eigentlich interessiert hätten, wie etwa „Wer seid ihr eigentlich?“, schienen in diesem Moment völlig irrelevant zu sein. Ich wurde empfangen wie ein Familienmitglied, welches jahrelang auf Reisen war. Familie. Das sollte in den nächsten Tagen und Wochen noch ein zentraler Begriff sein.

Mir wurde alles gezeigt, Essens- und Kleidungsstation (die sich in der Multifunktionshalle hinter einem Vorhang befand). Ich hatte innerhalb kürzester Zeit eine Ansprechperson für alles, was ich, beziehungsweise die Neuankömmlinge, brauchen würden. Und so fing ich an herumzuschwirren und führte Smalltalk auf Arabisch, worüber sich die Menschen sichtlich freuten. Wir redeten über unsere Herkunftsländer, ihre Hoffnungen und Ängste. Immer wieder kam die Frage auf, wer wir denn überhaupt seien. Ja wer waren wir? Wir waren jene, die die Aufgaben unserer Regierung übernommen hatten. Unaufgefordert. Aber das sagte ich natürlich nicht. Ich antwortete stets: „Ganz normale Menschen wie ihr, wir machen das freiwillig.“ „Möge Allah euch belohnen, wirklich,“ antwortete Reda, ehe alle in der Gruppe nickten.

Immer wieder ging ich auf Menschen zu und fragte ob sie denn irgendetwas brauchen würden. Einige Familien wurden mit Autos hergebracht. Vereinzelt kamen Leute mit den Zügen an. Ich war ständig in Bewegung. Mal um Essen zu bringen, mal um die Neuankömmlinge mit Decken und einem Schlafplatz zu versorgen, und mal um zu übersetzen. „Dolmetscher auf Bahnsteig 9“, hallte es aus den Walkie-Talkies. Ich eilte hoch. Ehe ich erfahren konnte worum es ging, hallte es wieder „Dolmetscher bitte in die Zentrale“. Gut, teilen konnte ich mich nicht. Es war mittlerweile kurz nach 23 Uhr. Ich merkte relativ rasch, dass ich den Anforderungen alleine nicht mehr nachkommen konnte. DolmetscherInnen, so sollte ich die nächsten Tage lernen, sind ein begehrtes Gut. Also zückte ich mein Handy und rief zwei Kollegen aus unserer Jugendorganisation an, die eine 15-Minuten-Autofahrt entfernt wohnten: „Salam, bin am Hauptbahnhof, sind doch einige Leute da und ich hab’ gehört, dass gleich noch ein Zug mit Flüchtlingen kommt. Nimm Amr mit und komm bitte her, brauchen arabischsprachige Leute.“ Mit einem knappen „Ok!“ beendete er das Gespräch. Als ich denen in der Zentrale mitteilte, dass zwei Freunde von mir am Weg wären, machten sie fast Luftsprünge.

Diese fröhliche Stimmung wurde jedoch durch eine ernste Durchsage unterbrochen. Ein Typ, österreichischer Phänotyp, Irokese, Jacke und Hose mit vernietet, tiefsitzender Hose und den klassischen Doc Martens Schuhen kam mit dem Walkie-Talkie in der Hand in die Zentrale und sprach mit erschöpfter Stimme: „Leute, 23:45 kommt der letzte Zug für heute, angeblich mit einigen Flüchtlingen drinnen.“ Darauf folgte eine filmreife Szene: Wir schauten uns kurz an. Ein Augenblick später wussten wir alle, was zu tun war. Die einen packten Lebensmittel in einen Einkaufswagen und brachten ihn hoch. Die anderen suchten Decken und Kleidung zusammen und liefen ebenso hoch.

Ich eilte nach hinten in die Kleidungsausgabe und fragte, ob sie denn irgendwas brauchen würden. „Bitte ganz dringend, Männerschuhe und Männerunterwäsche, wir haben nichts mehr.“ Ich nickte, rannte wieder raus und rief der Social-Media Ecke zu: „Bitte Männerschuhe und Männerunterwäsche ausschreiben.“ Die Frage danach, woher ich denn jetzt die Sachen herkriegen sollte, stellte sich für mich nicht. Ich wusste, dass ich nach Hause gehen und einfach meine Sachen mitnehmen würde. Nur leider hatte ich nicht so viel Zeit bis zur Ankunft des Zuges. Ich eilte aus dem Hauptbahnhof. Draußen stand das Car-Sharing-Auto, ich hüpfte hinein, fuhr wie ein Wilder im Regen nach Hause und parkte so falsch, wie man nur parken kann, aber das war mir egal. Zum Glück wohnte ich nur wenige Autominuten vom Hauptbahnhof entfernt.

Auf dem Weg die Stiegen hinauf rief ich meinen Vater an, falls er irgendwelche Schuhe oder Unterwäsche hätte, so solle er die bitte rauslegen. Oben angekommen holte ich mir zwei große Sackerl, in eines packte ich einfach acht paar Schuhe von mir und zwei von meinem Vater. Ins andere kam meine Unterwäsche vom Wäscheständer, wahllos. Draußen regnete es immer heftiger. Ich nahm unseren Autoschlüssel, borgte mir die Regenjacke meines Vaters aus, lief mit den zwei Sackerln zu unserem Auto und fuhr wieder zurück zum Hauptbahnhof. Der Parkplatz war weg, also parkte ich auf dem Polizeiparkplatz und hinterließ eine freundliche Notiz: „Bin für Flüchtlinge übersetzen, komme spätestens um 4, bitte um Nachsicht“. Ich nahm die Sachen aus dem Auto und rannte zurück zur Zentrale. Auf dem Weg hin musste ich über das Bahnhofsgelände, wo jetzt auch DolmetscherInnen gebraucht wurden. Da standen schon einige in Erwartung der Neuankömmlinge da. Mit Päckchen, Lebensmittel, Decken und einem freundlichen Lächeln. So als würden sie auf ihre Verwandten warten, voller Vorfreude. Und da drüben standen auch schon meine zwei Kollegen. Sie waren in der Zwischenzeit angekommen. „Schön, euch zu sehen Jungs“, rief ich ihnen beim Vorbeilaufen zu. Ich brachte die Sachen in die Zentrale und ging dann, wie alle anderen, hoch.

23:48 Uhr, der Zug fuhr ein, blieb stehen, kaum jemand kam raus. Enttäuschung machte sich breit. „Wo sind sie?“, fragte eine Freiwillige. In diesem Moment kamen drei etwa 30-jährige Männer aus einem Wagon. Sie erklärten mir, dass sie weiterfahren möchten. Sie hätten sich vor den ungarischen Behörden stundenlang versteckt. Er drehte sich um und zeigte auf seinen Rücken, wo ich noch die Rückstände von Heu oder Stroh erkennen konnte. Alle liefen auf die Jungs zu, boten ihnen zu essen und zu trinken an und wünschten ihnen eine gute Weiterfahrt. Zu dieser Zeit hatten die ungarischen Behörden den Flüchtlingen die Weiterreise verboten. Wir wussten also, es würden vereinzelt welche bei uns ankommen, etwa jene die es weggeschafft hatten, vielleicht aber auch eine größere Gruppe. Es hätte alles möglich sein können.

Diese Ungewissheit prägte auch unsere nächsten Wochen. Oft hieß es, es würde ein Zug mit 300 Flüchtlingen kommen und dann kam aber doch niemand. Dann plötzlich, unangekündigt, standen wir vor 200 bis 300 Neuankömmlingen, die allesamt versorgt werden mussten. Dies machte die Organisation nicht unbedingt einfacher. Demnach verlangte die Situation nach einem unheimlich flexiblen Team und damit einhergehender Leistung. Und diese war uns durch die unbeschreibliche Unterstützung freiwilliger HelferInnen gesichert. Über soziale Netzwerke deponierten wir alles, was gerade benötigt wurde. Nach nicht einmal einer Stunde mussten wir bereits die Leute darum bitten, vom einst dringend benötigten Gegenstand nichts mehr vorbeizubringen. Mit der Zeit waren wir so gut vernetzt, dass wir uns einfach blind auf die Hilfsbereitschaft anderer verlassen konnten. Ganz egal was gebraucht wurde. Wenn wir nach etwas fragten, so kam uns nie auch nur für eine Minute der Gedanke, dass wir es vielleicht nicht bekommen würden.

Am Hauptbahnhof ging ich gemeinsam mit meinen Kollegen und neu gewonnen Freunden zurück in die Zentrale. Wir verteilten uns wieder, unterhielten uns mit den Neuankömmlingen, halfen bei der Essenausgabe mit. Es war nun einige Zeit vergangen, ohne dass neue Schutzsuchende ankamen. Ich war schon relativ müde, was man mir auch anmerkte, versuchte mich aber mit Gesprächen wach zu halten. Immer wieder verlor ich mich in Gedanken, zu dem, was hier eigentlich gerade passierte und irgendwie wurde ich immer wieder unterbrochen. Diesmal von einer kreischenden Stimme: „Oh mein Gott, Leute, wisst ihr wie viel wir schon an Spenden gesammelt haben?“. Wird nicht viel sein, dachte ich mir, 300, 400 Euro vielleicht. Die Spenden sammelten wir, um den Neuankömmlingen Tickets für die Weiterfahrt kaufen zu können. „Zwölftausend Euro!“, rief sie, während sie im Stand auf und ab sprang.

Sämtliche Kinnladen fielen in diesem Moment herunter, ehe sich unsere Lippen zu einem breitgezogenen Grinsen formten. Ehe ich mich versah, lagen wir uns in den Armen. „Geeeil!“, „Scheiße, wie geil ist das denn!“, „Fett“, so der ungefähre Tenor der Gruppe. Nachdem wir uns beruhigt hatten, setzten wir uns wieder hin. Was war all das? Fremde Leute die sich umarmten und sich über Spenden von Fremden freuten, die anderen Fremden zu Gute kamen. Fremde Leute die sich gegenseitig anlächelten. Was war es, das es vermochte, zwischen Leuten, die sich noch nie zuvor gesehen hatten, ein solches Band zu flechten?

Immer noch in Gedanken, ließ ich meine Telefonnummer da und sagte der Schichtleiterin, dass meine Kollegen noch da bleiben würden, aber auch nicht mehr lange. In wenigen Stunden mussten wir nämlich arbeiten gehen. Ich versicherte ihr, dass ich in relativ kurzer Zeit viele arabisch und farsisprechende Menschen mobilisieren könnte, was sie sichtlich sehr freute. In den darauffolgenden Tagen rief sie mich mehrmals an und sandte mir etliche SMS. Kurzerhand wurde ich zur Ansprechperson für Dolmetschangelegenheiten. Ich startete mehrere Aufrufe in Freundeskreisen und in diversen Gruppen, wodurch sich ein gewisses Gefühl für die Lage am Hauptbahnhof etablieren konnte. Immer mehr Leute fanden ihren Weg hin, organisierten sich selbst und nahmen Freunde mit, sodass Manuela mich nicht mehr anrufen musste. An diesem Tag jedoch, am Heimweg, dachte ich intensiv über das Erlebte, über die Leute dort, die Bedeutung von Zuneigung und Liebe und am meisten über mich selbst nach. Ich hatte ein unheimlich schlechtes Gewissen überhaupt gegangen zu sein, aber ich konnte in diesem Zustand einfach nicht mehr produktiv sein und es kam auch niemand an, sonst hätte mich das wach gehalten.

Ich ging also zurück zum Auto, welches ich zuvor am Parkplatz der Polizei abgestellt hatte. Es stand noch da. Kein Strafzettel, nichts. Wieder so eine Geste: Wien, bist du es? Ich stieg ein und fuhr nach Hause. In wenigen Stunden musste ich schon zur Arbeit. Ich konnte nicht aufhören, über all das Erlebte zu reflektieren. Der Mann an der Supermarktkassa, der sich spontan dazu entschloss, zu helfen; die freundliche Begrüßung und Aufnahme in die Familie der HelferInnen; die zufriedenen Gesichter und die etlichen „Danke“; sowie die Polizei, die mein Auto nicht abgeschleppt hatte; und infolgedessen dann auch über mich.

All meine Probleme schienen angesichts dessen, was ich gesehen hatte irrelevant, meine Bedürfnisse übertrieben. Ich konnte nach Hause gehen, mich in meine Decke kuscheln, und einfach einschlafen. Über die nächste Mahlzeit musste ich mir keine Gedanken machen. Ich musste mir keine Sorgen darüber machen, wie es meiner Familie wohl im Heimatland geht. So wurde dieser eine Tag nicht nur eine Reise zu und mit anderen Menschen, die ich zuvor noch nie getroffen hatte, sondern auch eine Reise zu mir selbst, die es mich lehrte, wie winzig klein meine Probleme doch im Vergleich zu anderen tatsächlichen Miseren sind.

In den nächsten Tagen zog es mich fast täglich zum Hauptbahnhof. Habe ich es mal aus beruflichen Gründen nicht geschafft hinzufahren, so war das nicht nur mit einem schlechten Gewissen gegenüber den dortigen HelferInnen und den Neuankömmlingen verbunden, sondern auch mit diversen Entzugserscheinungen. Die Dankbarkeit, die einem dort entgegengebracht wurde, ob von den HelferInnen oder den Neuankömmlingen, die vielen Momente, die man mit Menschen unterschiedlicher Herkunft geteilt hat – es war diese unbeschreibliche Atmosphäre der Wertschätzung, des gegenseitigen Respekts und der bedingungslosen Zuneigung, das Gefühl der Zugehörigkeit zu etwas Großem. Man rannte, lachte, weinte zusammen und gab aufeinander Acht. Deshalb konnte ich gar nicht anders, als Tag für Tag hinzugehen, anzupacken, mitzumachen. Und es erfüllte mich jedes einzelne Mal mit Stolz.

Nicht nur weil die ,Familie‘ immer größer wurde, sondern auch weil die Strukturen sich entwickelten. War etwa am ersten Tag nur einer in der Social-Media-Ecke tätig, so wurde in den nächsten Tagen fast ein Social-Media-Raum daraus, mit etwa acht Leuten, die allesamt mit ihren Laptops dasaßen. Neue Betten wurden hergeholt. Auf dem Gang draußen entstanden zwei komplett neue Kleiderstationen und vor dem Eingang ein neues überdachtes Zelt, ebenso für Kleidung und Alltagsgegenstände. Und gab es vor wenigen Tagen lediglich Medizinschrank in der Zentrale, so konnten wir nun eine ganze Station am Gang aufweisen, die sogar blicksicher abgetrennt war. Drinnen herrschte reger Betrieb: praktische Ärzte, Zahnärzte, Krankenschwestern und Psychologen waren allesamt vertreten und konnten auf eine große Auswahl von Medikamente zurückgreifen. Schon am zweiten Tag war der gesamte Katastrophenzug der Wiener Rettung samt SanitäterInnen vor dem Hauptbahnhof stationiert und versorgte die Leute.

Betrachtet man das Ganze von außen so entsteht der Eindruck einer „Mini-City“. Was diese Stadt ausmachte war aber gar nicht die Struktur, die es dort gab, es waren die Menschen. Man möge mich nicht falsch verstehen, Wien ist eine wundervolle Stadt, mit vielen Möglichkeiten, und wir können uns vermutlich auch sehr glücklich schätzen, hier leben zu dürfen; aber die Menschen sind es, die eine Stadt erst lebenswert machen. Bei all den negativen Erfahrungen, die ich und zahlreiche FreundInnen schon hier gemacht haben – von Ausgrenzung bis hin zu körperlichen, rassistisch motivierten Übergriffen –, manifestierte sich doch ein gewisses Bild der Wiener Stadtbevölkerung in unseren Köpfen. Der typische Wiener Grant wurde eigentlich unbewusst zum Hauptcharakteristikum erklärt. Verschärft wurde dieses Bild natürlich von diversen Hasspostings im Internet.

Dieses Konstrukt, welches natürlich auf einer Verallgemeinerung beruhte, wurde in den Tagen und Nächten am Wiener Hauptbahnhof zerschmettert. Ich sah ganze Familien, die einen Tag ,im Zeichen der Flüchtlinge‘ verbrachten. Kinder und Minderjährige, die einen Karton trugen, der fast die Hälfte ihrer Körpergröße ausmachte. Ältere Damen und Herren, die sich mit der einen Hand auf ihre Gehhilfe stützten, und mit der anderen Hand den Einkauf für uns trugen. Nie werde ich diese Augenblicke vergessen, wo mir so warm ums Herz wurde und mich einfach der Stolz so dermaßen erfüllte, dass ich Fendrichs „I am from Austria“ lautstark singen wollte. Oder diese Momente, wo man auf dem Weg zum Hauptbahnhof andere Menschen mit Sack und Pack traf, die sich ebenso auf dem Weg hin befanden und man sich ansah, anlächelte und zunickte. Es war genau das, genau dieses Gefühl des WIR, das Gefühl, dass wir unheimlich viel bewegen konnten, wenn wir wollten, die Gewissheit, dass wir alle an diesem Ort waren, um schutzsuchenden Menschen auch nur ein kleines bisschen Hoffnung zu schenken. Dieses WIR, diese Erinnerungen, diese Momente, sie waren es, die mich Tag für Tag mit hunderten anderen zum Hauptbahnhof getragen haben und sie sind es, die dafür verantwortlich waren, dass ich mich in dieser Stadt nie wohler gefühlt habe.

Heft #38|2015 als .pdf


 

Rami Ali studierte Politikwissenschaft an der Uni Wien, macht seinen Master in Islamwissenschaften & arabischer Sprache und arbeitet am Institut für islamische Studien sowie als Fortbildungstrainer für die Beratungsstelle Radikalisierung des BMFJ.

 

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