# 39|2016: Mobilität/Artikel

Todesmärsche im Kontext der national- sozialistischen ,Endphasenverbrechen‘

 

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Gedenkstätte des Todesmarsches ungarischer Juden und Jüdinnen, Fürstenfeld, Südoststeiermark, 20.06.2015. Foto: Christian Bruckner

von Walter Manoschek


Todesmärsche sind die restriktivste Form von Mobilität im NS-System. Sie sind ausschließlich fremdbestimmt, widersetzen, etwa durch Flucht, bedeutete den Tod. Wer zu schwach, zu krank oder zu erschöpft war, um die Todesmärsche mitzumachen, wurde erschossen. Jegliche Form der Immobilität war gleichzusetzen mit Tod.

Die Endphase des Zweiten Weltkrieges bedeutet auch die Endphase der nationalsozialistischen Verbrechen, die nunmehr zum überwiegenden Teil auf dem Territorium des Großdeutschen Reiches stattfanden (1). Der Terror, der vom NS-Regime sechs Jahre lang nach außen getragen worden war, kam nun zurück ins Großdeutsche Reich. Trotz der aussichtslosen militärischen Lage hielt das Morden bis zum letzten Tag an.

Die Befehlsstrukturen in der Endphase waren zum Teil andere als zuvor, der Kreis der Täter und Täterinnen erweiterte sich um Akteursgruppen, die bislang nicht direkt am Holocaust beteiligt waren (Volkssturm, HJ, Gendarmerie, ZivilistInnen). Ebenso wurde der Kreis der Opfer größer. Er wurde neben den bisherigen Gruppen von rassisch, politisch, religiös usw. Verfolgten nunmehr auch auf ,Gemeinschaftsschädlinge‘, ,Minderwertige‘ und ,Asoziale‘ – also auf jene, die zu inneren Feinden abgestempelt wurden – ausgedehnt. Es handelt sich um eine weitgehend eigenständige Periode in der Geschichte der NS-Gesellschaft sowie des NS-Regimes mit spezifischen Strukturen, situativen Zwängen und eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Nun starben die Opfer nicht mehr in den Vergasungsanlagen oder durch die Exekutionskommandos der Einsatzgruppen und der Polizeiregimenter, sondern wurden bei der Räumung der Lager und auf Todesmärschen erschossen, verhungerten in den KZs oder gingen an Seuchen zugrunde. Die Periode der Endphasenverbrechen zählt damit zu den mörderischsten der NS-Herrschaft. Sie ist eng verbunden mit der Evakuierung der jüdischen und nicht-jüdischen Häftlinge aus den Konzentrations- und Arbeitslagern aus dem Osten auf großdeutsches Gebiet und erstreckte sich von April 1944 bis zum Tag der Kapitulation Nazi-Deutschlands am 08. Mai 1945.

Es war jene Periode, in der die Nazis als Vernichtungstechnik die Todesmärsche anwandten. Durch den militärischen Rückzug der Wehrmacht mussten die KZs und Vernichtungslager aufgegeben werden, wodurch sich auch die Massenvernichtungstechniken änderten. Ab September 1944 standen alle Vergasungsanlagen im Osten still, sodass ab diesem Zeitpunkt Vergasungen nur mehr in begrenztem Rahmen stattfanden. Bis dahin waren Todesmärsche nur eine Technik des Terrors und der Vernichtung unter vielen und in der Regel nicht die gängigste. Die Zahlen belegen, dass diese Methode in der letzten Regimephase zu einer enormen Mortalitätsrate führte. Die Anzahl der Opfer dürfte bei etwa 250.000 liegen, also 35 Prozent aller Häftlinge, die sich Anfang Januar 1945 noch im KZ-System befanden. Selbst für NS-Verhältnisse war dieser Prozentsatz exorbitant.

Die Todesmärsche lassen sich in drei Phasen untergliedern. Die erste Phase begann im Frühjahr 1944 mit dem Beginn des Rückzugs und den Evakuierungen in Ostpolen und den baltischen Gebieten; die zweite im Januar 1945 mit der Räumung der großen Lager in Polen, während die dritte Phase im März 1945 mit den Räumungen jener KZ und anderer Lager begann, die sich auf großdeutschem Boden befanden. Diese Phase hielt bis zum Kriegsende an. Die Todesmärsche der jüdischen Bevölkerung Ungarns zur Zwangsarbeit an der österreichisch-ungarischen Grenze fanden ebenfalls in diesem Zeitraum statt, erfolgten allerdings nach einem eigenen Muster.

Im Unterschied zu anderen Todesmärschen handelte es sich bei den Deportierten ausschließlich um Jüdinnen und Juden. Die Frage, ob diese Lagerauflösungen und Todesmärsche das letzte Kapitel des Holocaust an der ungarisch-jüdischen Bevölkerung markieren, lässt sich daher eindeutig mit ja beantworten. Der Ablauf selbst unterteilt sich in zwei Etappen: Die erste erfolgte von Oktober 1944 bis Januar 1945, als ein großer Teil der Budapester Jüdinnen, Juden und „Arbeitsdienstler“ in Fußmärschen an die ungarisch-österreichische Grenze getrieben wurde; die zweite Etappe begann Ende März 1945 mit den Todesmärschen aus den Lagern an der österreichisch-ungarischen Grenze nach Mauthausen und Gunskirchen.

Je näher es dem Kriegsende entgegenging desto größer wurden die eigenen Entscheidungs- und Handlungsspielräume der regionalen und lokalen Entscheidungs- träger, die sie abhängig von ihrer eigenen Interpretation der sicherheitspolitischen Lage und abhängig von ihren jeweiligen subjektiven Befindlichkeiten und Interessen nutzten. Die verworrene Situation insbesondere der letzten Kriegsmonate war gekennzeichnet durch Chaos und in Auflösung begriffene Strukturen, wobei sich die Entscheidungsebenen mehr und mehr dezentralisierten.

Klar dürfte nur die prinzipielle Absicht der obersten, national-sozialistischen Führungsschicht gewesen sein, die InsassInnen der Konzentrations- und Arbeitslager nicht in die Hände des Feindes fallen zu lassen, wobei die Motivation von der Beseitigung von Zeugen der Massenvernichtung und Kriegsverbrechen bis zur Sicherstellung von Geiseln im Hinblick auf etwaige Verhandlungen mit den Westmächten reichte. Fest steht, dass über die Räumung der Lager nicht lokal entschieden wurde, sondern die oberste Führungsebene dies anordnete: Die Entscheidung darüber fiel in den höchsten Rängen und war allem Anschein nach Hitlers eigene, sicher aber Himmlers (Blatmann 1998: 1068). Da Himmlers Politik in diesem Punkt inkonsequent war, lässt sich nicht eindeutig feststellen, welche Faktoren für die Entscheidung über Evakuierungen ausschlaggebend waren.

Das handlungsleitende Prinzip war es, die KZ- und Lagerhäftlinge nicht in die Hände des Feindes fallen zu lassen. Ob die Opfer dabei überlebten, oder nicht, war sekundär. Um dieses Ziel zu erreichen, gab es unterschiedliche Optionen. Eine davon war die Ermordung vor Ort. Davon waren insbesondere Personengruppen betroffen, die krank oder nicht mehr transport- und arbeitsfähig waren. Der weitaus überwiegende Teil der Betroffenen jedoch wurde aus den Lagern im Osten zu Fuß oder per Bahn ins Reichsinnere evakuiert um dort in den KZ und Rüstungsfirmen Sklavenarbeit zu verrichten. Dass diese Transporte und Märsche unter Bedingungen stattfanden, die zu einer hohen Todesrate bei den Evakuierten führten, macht deutlich, dass auch im letzten Kriegsjahr ein schonender Umgang mit den ZwangsarbeiterInnen kein ökonomisches Gebot war.

Auch hier folgte die Behandlung der Opfer dem rassistischen Primat. Während es etwa bei der Evakuierung des im Elsaß liegenden Lagers Natzweiler-Struthof, in dem sich überwiegend westeuropäische Gefangene aufhielten, im Herbst 1944 zu keinen Massenerschießungen kam, war die Auflösung der Lager im Osten, in denen mehrheitlich Jüdinnen, Juden und OsteuropäerInnen gefangen waren, durchgehend von Massentötungen begleitet. Bei jüdischen Inhaftierten wurde der Aspekt der Wirtschaftlichkeit in aller Regel nur selten berücksichtigt.

Die Organisation der Todesmärsche nach Mauthausen und Gunskirchen

Die ungarisch-jüdischen ZwangsarbeiterInnen beim Südostwallbau – einer gigantomanischen Anlage aus Panzergräben, Bunkern und Schützenlöchern, die entlang der österreichisch-ungarischen Grenze verlief und zum Ziel hatte, die Rote Armee zu stoppen – besaßen keinen privilegierten Status. Sie waren ausschließlich ArbeitssklavInnen ohne politischen Wert. Für jene, die zum Schutzwallbau vorgesehen waren, aber bei ihrem Eintreffen bereits zu schwach oder zu krank waren, um diese harte Arbeit zu verrichten, wurden zwei sogenannte ,Erholungslager‘ eingerichtet. Das eine befand sich in Werkhallen im Ort Lichtenwörth. Bis zum Jahresende 1944 kamen in mehreren Transporten 2.500 Personen, bis auf 100 Männer nur Frauen, in Lichtenwörth an. Bis Ende März starben 288 InsassInnen, teils an Typhus, vor allem aber an Hunger.

Noch schlimmere Zustände herrschten im Erholungslager Felixdorf. Anfang 1945 wurde es in einer schwer bombenbeschädigten Mühle eingerichtet, die nicht einmal über Fensterscheiben verfügte. Die InsassInnen – fast ausschließlich Männer – waren Anfang Jänner eingetroffen. Sie setzten sich aus 2.700 Kranken aus mehreren Lagern des Südostwalls zusammen, von denen 68 bereits bei ihrer Ankunft tot waren. Etwa 600 Arbeitsfähige wurden zur Zwangsarbeit in Betrieben eingesetzt. Als das Lager nach vier Monaten, Anfang April 1945, befreit wurde, waren nur mehr 75 bis 80 InsassInnen am Leben. Die übrigen waren zum Großteil an Typhus gestorben.

Als sich die Rote Armee dem Südostwall näherte, begannen Ende März 1945 die Transporte der ungarisch-jüdischen ArbeiterInnen, die bis dahin am Südostwall Zwangsarbeit verrichteten in das KZ Mauthausen. Die SchanzarbeiterInnen im Gau Niederdonau und im Abschnitt Ödenburg hatten nur kürzere Strecken zu Fuß zurückzulegen, bevor sie per Bahn oder per Schiff donauaufwärts nach Mauthausen gebracht wurden. Die Evakuierung aus diesem Gebiet erfolgte deshalb so rasch, weil damit gerechnet wurde, dass die Rote Armee zuerst durch das nördliche Burgenland und Niederösterreich nach Wien und erst danach durch die Steiermark nach Graz vorstoßen würde. Da die Bahnverbindungen in diesem Raum noch funktionierten und ausreichend Züge zur Verfügung standen, gelangten viele tausende ZwangsarbeiterInnen auf diesen Wegen nach Mauthausen.

Die im Gau Steiermark schanzenden Jüdinnen und Juden hingegen mussten die gesamte Strecke vom Südostwall bis in das KZ Mauthausen in Fußmärschen zurücklegen. Obwohl die Rote Armee Ende März 1945 bereits bis wenige Kilometer an die österreichisch-ungarische Grenze vorgedrungen war, zeigte sich, dass die nationalsozialistischen Organisationsstrukturen in diesem Fall nach wie vor bestens funktionierten. Die Deportation der jüdischen SchanzarbeiterInnen war schon von langer Hand geplant und die nötigen Vorkehrungen waren getroffen worden.

Am 28. März 1945 traf Heinrich Himmler mit Mitgliedern des Aussenkommandos des Sonder- und Einsatzkommandos von Eichmann sowie mit den Gauleitern von Wien (Baldur von Schirach), Niederdonau (Hugo Jury), Steiermark (Sigfried Uiberreither), Oberdonau (August Eigruber) und dem Kommandanten des KZ Mauthausen (Franz Ziereis) in Wien zusammen. Bei diesem Treffen erteilte Himmler den Befehl, sämtliche in Österreich stationierte ungarisch-jüdische ZwangsarbeiterInnen nach Mauthausen zu deportieren. Die Gefangenen sollten unter möglichster Schonung ihres Lebens und nach Möglichkeit per Bahn, LKW oder Schiff in das Lager verbracht werden. Der Befehl liegt nicht in schriftlicher Form vor. Die übereinstimmenden Aussagen von Schirach, Uiberreither und Ziereis nach dem Krieg deuten darauf hin, dass dieser ,Schonungsbefehl‘ Himmlers tatsächlich existierte.

Der Befehl Himmlers bedeutete nicht den Startschuss für die Evakuierungen, sondern sollte nur die Rahmenbedingungen, unter denen sie stattfinden sollten, abstecken. Denn die ersten Lager wurden bereits ab 22. März im östlichsten Teil des Südostwalls, im ungarischen Abschnitt Köszeg/Güns geräumt und die ZwangsarbeiterInnen auf verschiedene Lager auf österreichischer Seite aufgeteilt. Die etwa 200 nicht mehr Arbeits- und Marschfähigen wurden per Bahn nach Burg und von dort aus weiter ins burgenländische Rechnitz transportiert, wo sie in der Nacht vom 24. auf den 25. März von der lokalen Nazi-Prominenz erschossen wurden.

Zu diesem Zeitpunkt ergingen ,Geheime Dienstanweisungen‘ an die steirischen Abschnitte, die den Abzug der SchanzarbeiterInnen auf österreichischer Seite regelten. Von diesen schriftlichen Dienstanweisungen ist nur eine einzige von der Kreisleitung Fürstenfeld vom 22. März 1945 erhalten geblieben. In der Anweisung betreffend ,Rückführung der Jüdinnen und Juden aus dem Stellungsbau im Falle eines Alarmes‘ werden detailliert die Modalitäten der Evakuierung der SchanzarbeiterInnen aus dem Kreis Fürstenfeld festgelegt, die im Alarmfall in Kraft treten sollten. Ebenso werden darin die verantwortlichen Abschnittsführer benannt und als Begleitkommandos die „auswärtigen und kreiseigenen Führungskräfte, soweit sie nicht im Volkssturm Dienst machen müssen“, eingeteilt. Diese Anweisung erhielten die Organe der Kreisleitung, die betroffenen Ortsgruppenleiter und Unterabschnittsführer des Stellungsbaus.

Tatsächlich trat der Alarmfall eine Woche später, am 29. März, ein. Exakt nach Plan wurden die SchanzarbeiterInnen aus diesem Kreis auf den dafür vorgesehenen Marschrouten und Evakuierungsetappen zu den vereinbarten Sammelpunkten gebracht. Rekonstruiert man die Märsche aus den einzelnen Unterabschnitten zu den Sammellagern, so wird auch hier ersichtlich, dass sie einem genauen Zeitplan folgten und die Deportierten an den vorher festgelegten Zielorten eintrafen. Der erste Sammelpunkt für die Transporte aus dem Kreis Oberwart, in dem auch Deutsch Schützen lag, war Hartberg. Ein erster Transport aus Rechnitz war bereits am 28. März Richtung Hartberg aufgebrochen – bereits einen Tag später stießen sowjetische Truppen in der Nähe von Rechnitz erstmals auf österreichisches Gebiet vor. Am 29. März begann der Marsch der SchanzarbeiterInnen aus Schachendorf nach Hartberg. Auch Schandorf und Burg verließen die jüdischen SchanzarbeiterInnen am 29. März Richtung Hartberg. Die Begleitmannschaften aus dem Kreis Oberwart wurden von Angehörigen des Volkssturm, der SS und der OT (Organisation Todt), also NS-Organisationen, die gerade vor Ort stationiert waren, gestellt. In Hartberg löste der lokale Volkssturm die Wachmannschaften aus den Lagern ab.

Nun wurden die tausend jüdischen SchanzarbeiterInnen auf mehrere Transporte aufgeteilt, die auf verschiedenen Routen Richtung Mauthausen weitermarschierten. Bereits auf dieser ersten Etappe zu den Sammelpunkten kam es vereinzelt zu Erschießungen von nicht mehr marschfähigen Gefangenen. Doch waren zu diesem Zeitpunkt die meisten SchanzarbeiterInnen noch in einer halbwegs guten gesundheitlichen Verfassung. Denn jene, die zu schwach oder zu krank waren, den Marsch überhaupt in Angriff zu nehmen, waren in den Lagern zurück gelassen und von nachkommenden Waffen-SS-Einheiten liquidiert worden. Diese Vorgangsweise war am Südostwall, aber auch während der Todesmärsche durch die Steiermark durchaus üblich: Die Ermordung ganzer Gruppen von Jüdinnen und Juden wurde der Waffen-SS übertragen.

Von organisatorischem Chaos und gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen findet sich hier keine Spur. Auch von der oftmals für die Kriegsendphase pauschal konstatierte völlig aus den Fugen geratene Gesellschaft, in der sich traditionelle Formen gesellschaftlicher Integration und sozialer Kontrolle aufgelöst und sich der NS-Staat von den letzten Bindungen an rechtsstaatlichen Normen verabschiedet hätte, kann in diesem Fall keine Rede sein.

Vielmehr wiesen die Lagerräumungen entlang des Südostwalls große Ähnlichkeiten mit jenen Befehlen auf, die im System der Konzentrationslager in Polen im Herbst 1944 gegeben wurden. Obwohl es zwischen den in Polen für die Evakuierung verantwortlichen höheren SS- und Polizeiführern und den Verantwortlichen der Südostwalllager keine administrativen Verbindungen gab, glichen sich die Muster der Lagerräumungen. Vor dem Hintergrund des von Himmler vorgegebenen sicherheitspolitischen Rahmens – kein Häftling durfte in die Hände des Feindes fallen – und den Anweisungen, dass die Evakuierungen geordnet zu vollziehen seien, war der Handlungsspielraum de facto eng definiert: Wo keine Transportmittel zur Verfügung standen, wurden die nicht Marschfähigen zurück gelassen und sofort oder wenig später liquidiert, die übrigen nach Mauthausen getrieben.

Angesichts dessen, dass keine Anstalten gemacht wurden, die Marschfähigkeit durch ausreichende Nahrung und Unterbringung zu erhalten, stieg auf den Märschen die Todesrate exorbitant an. Diese Evakuierungen dauerten nur wenige Wochen, gehörten aber zu den mörderischsten überhaupt.

Am Beispiel dieser Todesmärsche wird eine gewisse historische Konstante besonders deutlich: Dem Nachdenken über das Einsperren und das In-die-Immobilität-gezwungen-Werden von Häftlingen kommt in wissenschaftlicher Forschung zumeist eine größere Bedeutung zu, als dem Nachdenken darüber und dem Berücksichtigen davon, dass in KZs Inhaftierte zugleich immer auch zur Mobilität fähig sein müssen und jederzeit zu Versetzungen oder anderen Migrationen gezwungen werden können.

Häftlinge werden in den Augen derer, von denen sie gefangen genommen werden, nie als immobile oder statische Entität begriffen, wie es die Denkfigur eines Käfigs, Gefängnisses, Ghettos oder Lagers gemeinläufig nahe legt, oder wie es der Begriff der ,InsassInnen‘ akzentuiert. Stattdessen, werden Häftlinge in Geschichte und Gegenwart sowohl an Orten festgehalten und immobil gemacht, als auch jederzeit auf plötzliche ,Reisen‘ geschickt.

Kranken, traumatisierten, überarbeiteten und unterernährten Inhaftierten werden jedoch durch Versetzungen oder durch einen plötzlich erzwungenen Marsch Kräfte abverlangt, die sie kaum bis nicht mehr aufbringen können. Die Todesmärsche mahnen in besonders trauriger und eindringlicher Weise, dass Formen von erzwungener Häftlingsmigration für Gesellschaft, Politik und Forschung stärker zum Thema werden sollten.


Walter Manoschek ist außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien mit Schwerpunkt Nationalsozialismusforschung und Erinnerungspolitik. Weitere Informationen unter: porem.univie.ac.at


Heft #39/2016 als .pdf

Anmerkungen:
(1) Bei diesem Text handelt es sich um ergänzte Auszüge aus der von Walter Manoschek verfassten Monographie Dann bin ich ja ein Mörder! Adolfs Storms und das Massaker an Juden in Deutsch Schützen, Wallstein Verlag 2015.

Bibliographie:
Blatman, Daniel (1998): Die Todesmärsche. Entscheidungsträger, Mörder und Opfer. In: Ulrich Herbert/Karin Orth/Christoph Dieckmann (Hg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur. Band 2, Göttingen: Fischer.

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