#39|2016: Mobilität/Interviews

„mo.ë bleibt“ – Interview mit Alisa Beck, Réka Kutas, Mimie Maggale und Marie-Christin Rissinger

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Yppenplatz, Wien, 08.04.2016. Foto: Gerd Valchars

Das mo.ë, das die Räumlichkeiten die der Kunst- und Kulturverein pica pica in der Thelemangasse 4 im 17. Wiener Gemeindebezirk seit Jänner 2010 bespielt und verwaltet, muss um seinen Fortbestand bangen und kämpft seit einiger Zeit gegen die Pläne einer Immobilienfirma, den Raum der Öffentlichkeit zu verschließen und in Luxuslofts umzuwandeln.

Alisa Beck, Réka Kutas, Mimie Maggale und Marie-Christin Rissinger aus dem Leitungsteam des mo.ë im Gespräch zu den Themen Raumpolitik und Widerstand in der Stadt, der Bedeutung ihres Standortes für die freie Wiener KünstlerInnen-Szene und Gentrifizierungsprozesse auf lokaler und überregionaler Ebene.

Wir haben gehört, Ihr müsst nun für den Erhalt Eurer Räumlichkeiten kämpfen. Worum geht es da genau?
>>Mimie: Das mo.ë gibt es nun schon fast seit fünfeinhalb Jahren und als es gegründet wurde, gab es einen anderen Eigentümer. 2013 hat der Eigentümer gewechselt. Wir sind nun mit der Immobilienfirma Vestwerk in einem Mietrechtsstreit, weil sie uns den Vertrag nicht verlängern will, wir aber weiterhin die Räumlichkeiten nutzen möchten.

>>Marie-Christin: Hier geht es natürlich auch ganz konkret um die Rolle von KünstlerInnen in Gentrifizierungsprozessen. Wie den Leuten, die in Wien leben, bekannt ist, ist das Brunnenviertel seit Jahren Schauplatz solcher Prozesse. Da sagen wir einfach, wir möchten einerseits nicht als KünstlerInnen Wert schaffen, der dann von Immobilienfirmen abgeschöpft wird. Wir möchten auch nicht dazu beitragen, dass durch unsere Arbeit Aufwertung passiert, die dazu führt, dass MieterInnen verdrängt werden, sondern wir wollen uns diesem Prozess widersetzen. Wir wollen weiter in diesen Räumlichkeiten arbeiten und uns damit dafür einsetzen, dass dieser Bezirk auch so divers bleibt, wie er jetzt ist.

>>Alisa: Was vielleicht noch wichtig ist zu betonen, weil das die letzten Monate immer wieder aufkam: Es ist nicht so, dass wir einen Zwischennutzungsvertrag hatten, sondern das war ein Vertrag der mit den vorigen Eigentümern auf längere Zeit ausgelegt war. Dadurch, dass Vestwerk das Gebäude gekauft hat, veränderte sich die Situation, da diese Immobilienfirma andere Ziele mit diesem Haus verfolgt. Wir haben uns vorgenommen bzw. haben uns dazu entschieden, diesem Prozess entgegenzutreten. Das Haus hätte Ende 2015 zurück gegeben werden sollen. Wir haben uns aber entschieden das nicht zu tun, sind seitdem weiterhin in den Räumlichkeiten und fokussieren uns über unser Programm mehr auf diesen Prozess. Wir haben unsere Inhalte nicht um 180 Grad geändert, aber wir diskutieren nun auch diese Situation über unser Programm.

Wie sieht Euer Widerstand aus? Was ist alles passiert in dieser Zeit?
>>Alisa: Wir haben im Dezember 2015 mit unserem Programm Have you seen our house? begonnen, zu versuchen mehr Sichtbarkeit für unsere Situation zu schaffen. Das wurde von Valerie Bosse und mir kuratiert und wird auch als Serie weitergehen. Dort haben wir verschiedene KünstlerInnen, AktivistInnen und PerformerInnen zu den Themen Raum, Kulturpolitik und der Logik von Immobilieninvestment eingeladen, um über die Rolle von KünstlerInnen in diesem Zusammenhang zu sprechen. Das passierte durch verschiedene Schritte.
Es gab eine Pressekonferenz im Jänner, um an eine größere Öffentlichkeit heranzutreten, und darüber wurde in den Tagen danach auch sehr viel berichtet. Was für uns überraschend aber schön war, es wurde auch sehr breit, in ganz unterschiedlichen Medien, berichtet. Ende Februar veranstalteten wir dann ein großes Solidaritäts-Wochenende, eine Kundgebung samt Umzug über den Yppenplatz. Das war ein wichtiger Programmpunkt, um mit der Nachbarschaft – nicht nur des Hauses und innerhalb der Gasse, sondern des ganzen Viertels – in Kontakt zu treten und ins Gespräch zu kommen, was eigentlich sehr gut funktioniert hat. Konzerte und eine Kunstaktion begleiteten diese Veranstaltung, da es auch darum ging, die Kosten des Räumungsverfahrens, in dem wir zurzeit stecken, zu decken und darauf aufmerksam zu machen. Also zu sagen: ,Hallo! Kommt hierher und unterstützt uns in diesem Prozess!‘

>>Marie-Christin: Und darüber hinaus haben verschiedenste Vernetzungstreffen, sowohl mit der Gebietsbetreuung als auch mit z.B. dem Netzwerk ,Recht auf Stadt. Zwangsräumung verhindern‘ und allen voran der IG Kultur, stattgefunden (2). Hier besteht eine enge Kooperation mit der Initiative ,eine andere Kulturpolitik ist nötig‘, ganz konkret mit den Kulturorten im Brunnenviertel, sprich mit u.a. der Brunnenpassage, dem AU und der Grundsteingasse.>>Alisa: Vergangenes Wochenende [19./20.03.2016, Anm.] – das war dann noch ein neuer Schritt – kam Friedel 54, eine Initiative aus Berlin, nach Wien (3). Da geht es auch darum, dass die Nutzung eines Hauses von Investoren bedroht wird, und ohne das jetzt ausbreiten zu wollen, war es doch ein wichtiger Punkt, zu sagen, Immobilienmärkte agieren überregional, der Protest sollte auch versuchen dem gerecht zu werden: Dass man miteinander in Kontakt kommt, redet und Informationen weitergibt. Es beschränkt sich nicht auf Wien oder das mo.ë und wir wollen keine Nabelschau betreiben, schließlich geht es um größere Themen und Zusammenhänge, die wir hier ansprechen wollen.>>Marie-Christin: Die Situation in der wir sind, ist exemplarisch für Entwicklungen, die zurzeit passieren und wo wir sowohl kultur- als auch raumpolitische Probleme oder Konflikte daran festmachen, um sie nicht nur zu beschreiben, sondern auch auf diese Konflikte einzuwirken.

Was habt Ihr für Euch selbst in diesem ganzen Prozess gelernt?
>>Marie-Christin: Eine Sache die hier wichtig ist, dreht sich darum, dass wir natürlich aus der Perspektive von KünstlerInnen sprechen. Das mo.ë ist ein von KünstlerInnen geleiteter Kunst- und Kulturraum und es ist auch wichtig genau dabei zu bleiben. Es geht also nicht darum, unser Programm komplett fallen zu lassen und nur noch Protest zu machen, sondern es geht genau um die Verbindung zu unserem Programm, von Kunst und Aktivismus.>>Réka: Die Erforschung von gruppendynamischen Prozessen. Wie kann man effektiv zusammenarbeiten? Wie fokussiert man Kräfte und Talente so, dass sie ineinandergreifen und sich unterstützen und nicht auslöschen? Ich glaube, dass das mo.ë in dieser Hinsicht ein besonderer Raum ist, weil nicht nur die Architektur sehr gut ist, der Raum ist groß, hat eine einzigartige Atmosphäre. Auch das Team ist sehr divers und besteht aus Leuten, mit unterschiedlicher künstlerischer Ausrichtung und unterschiedlichen Interessen, die größtenteils auch sehr gut vernetzt sind.

>>Mimie: Ich möchte noch dazu sagen, was wir die letzten Monate gelernt haben und was in die tägliche Arbeit eingeflossen ist, betrifft nun natürlich kulturpolitische Fragestellungen, mit denen wir uns auseinandersetzen. Wir treffen uns z.B. mit Leuten aus der Bezirkspolitik oder dem kulturpolitischen Bereich und das sind immer wieder neue Erfahrungen für uns, wo wir merken, wo wir mit diesem Kulturraum hinwollen. Was ist unser Anliegen, unser Ziel und wie können wir das umsetzen? Es stellen sich sehr viele Herausforderungen, wenn man danach fragt, wie man diesen Raum selbstbestimmt weiter verwalten kann. Wie kann man das organisieren? Eigentlich kann man zu diesen Dingen jeden Tag etwas lernen. Das ist auch das spannendste an der Sache. Das andere sind auch rechtliche Aspekte. Ich kann da für mich sprechen, aber vielleicht auch für die anderen, wir haben in den letzten Monaten natürlich auch viel über rechtliche Gegebenheiten gelernt. Das sind auch Dinge, an denen man sozusagen wächst.

>>Réka: Genau, das sind auch Dinge, wo man den unmittelbaren Nutzen nicht gleich auf dem Tablett serviert bekommt, aber mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl dafür, dass es sich lohnen kann, da zu investieren.

>>Alisa: Ich glaube, was du da jetzt ansprichst, was noch wichtig ist und was man lernt, ist, dass man Ausdauer hat. Dass man das Gefühl hat, wenn man nach zwei Wochen nicht durchgesetzt hat, was man will, dass die Leute doch verstehen werden, worum es uns geht, dass man da dann auch weitermacht. Es geht auch darum zu verstehen, auf verschiedenen Ebenen zu kommunizieren und adressieren zu können. Das ist eine Herausforderung. Wir sprechen sowohl mit KünstlerInnen, die auf Tour sind, erst ankommen und den Raum noch gar nicht kennen, und am gleichen Tag schreibt man E-Mails an den Kulturstadtrat. Das erfordert eine große Flexibilität. Wie kommuniziere ich unser Anliegen, das eigentlich immer das gleiche ist, aber jedes Mal anders verpackt werden muss? Man wird schnell eingeordnet. Das bedeutet auch, bei Fragen danach, was wir machen und womit das vergleichbar ist, ob das Haus nun besetzt ist und wie wir weiter machen, selbstbewusst zu bleiben, und zu sagen, wir haben diesen Weg erarbeitet und er liegt uns und wir werden ihn fortführen.

Wer ist ,wir‘?
>>Marie-Christin: Die vier Frauen, die heute hier sitzen, sind das Leitungsteam des mo.ë, darüber hinaus gibt es noch viele andere KünstlerInnen aus den Bereichen der Kunst im öffentlichen Raum, der bildenden und darstellenden Kunst, dem Aktivismus, der Musik und der Kunstvermittlung, die das Programm mitgestalten und den Raum betreiben.>>Alisa: Das zeigt auch, wie flexibel dieser Raum ist und die letzten Jahre war, dass immer wieder neue Leute dazukommen und sich einbringen. Es war auch in den letzten Monaten so, dass einzelne Personen explizit aufgrund unserer Situation darauf aufmerksam wurden, vorbeigekommen sind und ihr Wissen eingebracht haben. Auch Leute, die erst nach Wien gezogen sind und Erfahrungen in London oder Amsterdam gemacht haben und damit sehr wertvoll für die vorhin angesprochene Richtung sind. Wir versuchen es anders. Es geht nicht darum, die Türen zuzumachen und dadurch das Haus zu halten, sondern es geht darum, die Türen aufzumachen und alle einzuladen.

Was wisst Ihr über Vestwerk, was tut diese Firma?
>>Marie-Christin: Vestwerk ist eine Immobiliengesellschaft, die an die zwanzig Objekte besitzt, die meisten davon in Wien, einige davon auch in Leibzig und Dresden. Was sie standardmäßig machen – und auf ihrer alten Homepage hatten sie das auch tatsächlich genau so formuliert – ist, Objekte kaufen, entmieten, entkernen, luxussanieren und in Eigentum weiterverkaufen.

>>Alisa: Gerade auch im Fall der Thelemangasse 4 kann man auch sehen, wie groß die Gewinnspanne dabei ist, wie groß die Rendite, die da abfällt (4). Marie-Christin hat vorhin schon das Wort ,abschöpfen‘ benutzt. Das ist auch ein Begriff, anhand dessen man sich diesen Prozess sehr physisch vor Augen bringen kann und sich vorstellen kann, was das genau meint.

>>Marie-Christin: Hinzu kommt noch, dass die Räume in denen wir tätig sind, ehemalige Fabriksgebäude sind. Auch das ist tatsächlich, besonders durch diese riesige Halle, noch sichtbar und damit auch die Geschichte gegenwärtig. Wenn die Halle entkernt wird und stattdessen Luxuslofts hinkommen, wird sie nicht nur der Öffentlichkeit versperrt, sondern tatsächlich zerstört, was ich sehr tragisch finde. Immer mehr Fabriken und Fabriksgelände werden abgerissen oder entkernt und verschwinden damit aus dem Stadtbild. Das ist wunderschöne Architektur, die erhalten werden sollte und in gewisser Weise knüpfen wir auch an die Produktion, die dort lange betrieben wurde, an. Heute ist es halt Kunst. Um weiter auf Vestwerk einzugehen, das ist tatsächlich eine recht interessante Immobilienfirma, die sich gerne ein ganz bestimmtes Image geben möchte. Unter anderem geht es um Slogan wie: ,Der Zeit ihre Werte‘. Diesen Slogan möchten wir auch gerne aufgreifen und dazu sagen, dass wir glauben, dass die Werte unserer Zeit andere sind.

Ihr habt von der historischen Bedeutung gesprochen. Wie genau habt Ihr das aufgearbeitet?
>>Alisa: Wir sind nicht die einzigen AkteurInnen, die sich mit dieser Geschichte befasst haben. Mir fallen dazu zwei Beispiele ein. Zum einen gibt es gleich nebenan den ,Kunstraum Ewigkeitsgasse‘ (5), der sich seit Jahren mit der Geschichte der und auch mit der Erinnerung an die Thelemangasse auseinandersetzt …

>>Réka: … und ein riesiges Archiv hat.

>>Alisa: Genau. Sie sind auch in Kontakt mit der Familie Morton/Mandelbaum, von der noch Mitglieder in den USA leben. Das heißt sie beschäftigen sich explizit damit. Im Verein haben wir uns im Laufe der Zeit auch immer wieder mit der Geschichte der Räumlichkeiten und Wiener Geschichte beschäftigt. Valerie Bosse hat sich in ihrer Diplomarbeit auf einer kulturwissenschaftlichen Ebene sehr mit diesen Spuren beschäftigt. Das Buch von Frederic Morton Ewigkeitsgasse (Original: The Forever Street, 1984) setzt sich mit seiner Familiengeschichte auseinander, mit der Flucht der Familie vor den Nazis und mit dem breiteren Thema Exil. Es hebt die Geschichte auf eine fiktive Ebene, die auch literaturhistorisch viel hergibt. Dann gibt es immer wieder KünstlerInnen, die die Räumlichkeiten kennenlernen und einzelne Projekte machen, die sich expliziter den Räumen widmen sowie auf der Ebene dieser Spuren funktionieren und die das Ineinandergreifen der vorhandenen Architektur und dem, was noch immer aus Produktionszeiten sichtbar ist, und diese Überlagerungen thematisieren. Man muss sich vor Augen führen, dass hier 2008 noch Maschinen standen. Das ist nichts, was weit zurückliegt, und es gibt einen Faden, der sich durch das gesamte 20. Jahrhundert ziehen lässt.

>>Marie-Christin: Hier kann man z.B. die Arbeiten von Michael Weidhofer nennen, der auch Teil des Teams mo.ë ist und sich ganz explizit den Produktionsprozessen die in den Räumlichkeiten stattgefunden haben, gewidmet hat. Er hat unter anderem einen verschütteten Brunnen freigelegt und findet auch heute noch immer wieder Teile aus der Produktion von damals, säubert und sortiert sie und zeigt sie dann teilweise in Ausstellungen, wie frank, die letzten Herbst stattgefunden hat (6).

>>Alisa: Um noch kurz etwas zum ,Kunstraum Ewigkeitsgasse‘ zu sagen: Da besteht auch ein Kontakt und Austausch, wo wir uns gegenseitig die Räume überlassen und z.B. wenn sie ein Konzert haben – es wird auch im April wieder eines geben – dazu unsere Räumlichkeiten nutzen. Für sie hat das natürlich große Bedeutung, die ehemalige Fabrik nutzen und das ihrem Publikum auch näher bringen zu können.

>>Marie-Christin: Abgesehen davon, dass aus dem Brunnenviertel und dieser Gegend in den letzten Jahren einige Kunst- und Kulturräume verschwunden sind, ist es natürlich auch so, dass die Größe der Räumlichkeiten einzigartig ist. 600 m2 in dieser Lage wird man so leicht nicht mehr finden.>>Alisa: Das ist auch ein Argument gegen einen Umzug, wenn man sich anschaut, welche Räume beziehbar wären, die z.B. ein ähnliche Anbindung haben. Es geht ja nicht darum einfach irgendwo arbeiten zu können, sondern ein Bewusstsein dafür zu haben, an welchem Ort, welcher Stelle man ist.

>>Marie-Christin: Das mo.ë ist auch kein Projekt, sondern ein Raum, der Projekte möglich macht. Deshalb ist, was uns oft nahegelegt wird, in eine Zwischennutzung zu gehen, nicht wirklich eine Option. Zum einen aus dem Grund, den wir eben schon angesprochen haben, nämlich der Rolle von KünstlerInnen in Gentrifizierungsprozessen. Zum anderen aber auch deshalb, weil wir nicht einfach nur Veranstaltungsräume haben, sondern auch Werkstätten, in denen man arbeiten kann, wo es auch unglaublich viel Material gibt und dadurch auch Projekte, die sonst gar nicht möglich wären, weil sie nicht über das entsprechende Budget verfügen, bei uns möglich werden. Ganz einfach, weil es bei uns so viele Dinge gibt, die man nutzen kann. Weil man nicht extra eine Werkstatt oder extra einen Proberaum oder extra noch dies braucht, sondern weil man das alles in unseren Räumen machen kann.

>>Réka: Abgesehen von den vielfältigen Möglichkeiten diese Räumlichkeiten zu nutzen, ist der Standort auch international bekannt. Ich komme aus der Musik und es kann schon passieren, dass man in einer absurd weit entfernten Stadt jemanden trifft, der sich eben in diesen Underground-Zirkeln bewegt, sound-artist ist, experimentelle Musik macht und schon im mo.ë gespielt hat.

Weil ihr vorher gesagt habt, diese Familie musste flüchten. Was wisst ihr darüber?
>>Marie-Christin: Die Fabrik ist eben Ende des vorletzten Jahrhunderts von der Familie Mandelbaum gegründet worden und diese musste dann unter den Nazis flüchten. Dann wurden dort Kriegswaren produziert, danach war sie kurz in sowjetischem Besitz und nach der Restituierung hat die Familie Mandelbaum, dann Morton, die Fabrik an den Voreigentümer weiterverkauft, der dann bis 2008 hier produziert hat. Die Räumlichkeiten standen daraufhin zwei Jahre leer und dann ist der Kunst- und Kulturverein pica pica eingezogen.

Ihr habt gesagt, im Brunnenviertel gibt es mehrere Standorte der freien Szene, die verdrängt worden sind. Was könnt Ihr dazu noch sagen?
>>Réka: Ganz eindeutig ist das so nicht bzw. nicht ganz korrekt. Wir denken da z.B. an den Ragnerhof, der ,freiwillig‘ geht … Ich kann da auch nicht so abzählen, wer da alles gehen musste oder gegangen worden ist.

>>Marie-Christin: Es gibt verschiedene Kunst- und Kulturräume in dieser Gegend, die aus verschiedensten Gründen zumachen mussten oder zugemacht haben oder sich eben ein Ausweichquartier suchen mussten. All dies hat vielfältige Gründe, aber nichtsdestotrotz trägt das alles zu einem Gentrifizierungsprozess bei. Genauso wie die Tatsache, dass hier vor drei bis fünf Jahren viele Immobilien teilweise zu absurd niedrigen Preisen verkauft wurden und jetzt luxussaniert werden.

Was ist Eure persönliche Verbindung zum mo.ë? Warum setzt Ihr Euch dafür ein?
>>Réka: Meine Beziehung zum mo.ë besteht wahrscheinlich am längsten, weil ich über einen Freund, Max Bogner, der, nicht ganz am Anfang aber relativ bald nach der Gründung, die Musik-Kuration gemacht hat, dazu gekommen bin. Ich bin als Künstlerin dazu gekommen und jetzt, wo die Situation so akut geworden ist, habe ich stark gespürt, dass ich etwas zurück geben will. Nein, ich habe einfach mitgekriegt, wie das mo.ë gewachsen ist und was für ein wichtiger Ort es ist. Natürlich gibt es nicht nur das in Wien, so ist es nicht, aber es ist ein niederschwelliger Ort für Produktion und es besteht Bedarf an so etwas.

>>Mimie: Bei mir ist es ähnlich. Ich komme aus dem Theaterbereich und arbeite auch als Produzentin und Regisseurin in der Performance-Kunst. Es ist einfach so, dass es in Wien wenige Orte gibt, wo freie Produktionen stattfinden können. Das mo.ë war in den letzten Jahren diesbezüglich immer eine gute Anlaufstelle, um Projekte umsetzen zu können. Aus diesem Grund habe ich mich dann auch immer mehr in die Vereinsarbeit involviert. Ich glaube, dass es wichtig ist, Orte weiter zu erhalten, die einen solchen freien und offenen Zugang ermöglichen. Das ist mein Beweggrund Nummer eins. Der zweite ist, dass ich das Team so gerne mag. (lacht) Wir haben uns ganz gut zusammengefunden und es ist sehr spannend, so etwas zu starten und zu erhalten. Wir wollen da jetzt auch etwas anderes erwirken, als nur in unserer eigenen Suppe zu schwimmen sozusagen.

>>Alisa: Mir ging es eigentlich auch in erster Linie darum, einen Ort zu finden, an dem man zusammen arbeiten kann. Ich komme nicht als Künstlerin zum Raum, sondern von der Kunstgeschichte bzw. den Cultural Studies. Mir war es wichtig, zu unterstreichen, dass man dazu einen Arbeitsraum hat, der außerhalb der Akademie und außerhalb universitärer Strukturen liegt. Das heißt, es ging mir am Anfang auch darum, einen Arbeitsraum zu haben, um dort mit anderen Kulturschaffenden in Kontakt zu kommen. Ein großes Anliegen war immer, wie denn so ein Raum zustande kommt, weil so etwas zu machen, auch ein kreatives Tun ist. Auch das fällt nicht vom Himmel und steht einfach zur Verfügung. Das heißt, natürlich geht es da um Fragen der Kuratierung. Das mo.ë ist auch eine wichtige Anlaufstelle, wenn man nach Wien kommt und andere Leute treffen möchte, und um zu verstehen, wie diese Stadt funktioniert, auch gerade im Vergleich zu anderen Orten, an denen man gearbeitet hat.

>>Marie-Christin: Meine persönliche Geschichte mit dem mo.ë beginnt damit, dass ich es als Künstlerin kennengelernt und am Anfang, 2010, dort ein Projekt realisiert habe. Dann noch eines 2015. 2010 habe ich noch Theater gemacht, aber meine künstlerische Praxis hat sich dann mehr und mehr über die Performance in Richtung Interventionen im öffentlichen Raum entwickelt und wurde eigentlich immer von der Frage begleitet, wie sich Kunst einmischen kann. Das ist natürlich etwas, was ich zurzeit ganz konkret hier finde und auch der Grund, warum ich dazu gekommen bin, als ich von der Situation gehört habe. Der Grund, warum ich geblieben bin, ist einerseits, dass ich finde, dass sich gerade hier sehr viele Konflikte festmachen und diskutieren lassen, was ich extrem interessant finde. Und wie Mimie und Alisa schon erwähnt haben, sind die Strukturen, in denen wir arbeiten eher speziell. Es geht hier schließlich um einen weiblich dominierten Raum, der kollektiv funktioniert. Das ist etwas, was es nicht so oft gibt und was ich sehr zu schätzen weiß. Und wenn diese Strukturen dann auch noch etwas bewirken, dann ist das, finde ich, eine gute Kombination.

Was sind die nächsten Schritte? Wie geht es nun weiter?
>>Marie-Christin: Wir haben nun ein Programm für Mai/Juni unter dem Titel Liebe Arbeit geplant, wo verschiedene KünstlerInnen verschiedene Projekte machen, von Performance, Lesung, Diskussion, Workshops, die alle um das Thema Arbeit kreisen. Hier geht auch z.B. in der Reihe Have you seen our house? um die Verknüpfung der aktuellen Situation mit dem Thema Arbeit und der Frage, wie wir in Zukunft arbeiten wollen (7). Welche Modelle können wir für dieses Haus, für diesen Ort entwickeln und wie können wir das verwirklichen. Am 23. Mai ist das nächste Gerichtsverfahren, wir rechnen nicht damit, dass da schon eine Entscheidung getroffen wird, aber wir werden wohl schon besser abschätzen können, wie lange wir noch hier bleiben können. Wir hoffen auf sehr viel Unterstützung und möchten an dieser Stelle auch die Politik aufrufen, uns zu unterstützen, und zwar nicht nur durch Sympathiebekundungen im Privaten, sondern auch durch öffentliche Statements. Das ist etwas, was uns sehr helfen würde. Und auch wenn natürlich dieses Verfahren das stärkste ist, was uns helfen kann länger drinnen zu bleiben, glauben wir auch, dass öffentlicher Druck etwas ist, das zur Stadtentwicklung im positiven Sinne beitragen kann.

>>Alisa: Man merkt an diesem Punkt, wie wichtig es ist, mehr Zeit zu haben, um eine andere Stadtentwicklung möglich zu machen. Man braucht Zeit, um sich zusammenzuschließen und tragfähige Modelle und Konzepte zu entwickeln. Und eigentlich geht es uns darum, diese Möglichkeit zu geben in diesem sehr konkreten Fall in diesem Haus zu erproben und dazu verschiedene ExpertInnen zu diesem Thema aus Wien und darüber hinaus einzuladen. Es ist ein Wunsch für die nächsten Monate das weiter voranzutreiben und zu konkretisieren.

Gibt es eine Alternative zum Verbleib in der Thelemangasse?
>>Marie-Christin: Wenn es denn so kommen sollte, was niemand von uns hofft, dass wir die Räumlichkeiten verlassen müssen, ist es uns auf jeden Fall ein großes Anliegen, dass die Forderungen, die wir ganz konkret formuliert haben, weiterhin bestehen bleiben, egal wie es dann aussieht.

>>Réka: Ich glaube, es gibt keine Alternative zum mo.ë in dieser Form.

Habt Ihr vor, Eure Erfahrungen gesammelt zu publizieren?
>>Alisa: Ja, das ist durchaus schon eine Idee, die aufgekommen ist. Wie gesagt, das ist etwas, was in den nächsten Monaten konkreter wird, da mit dem Mai/Juni-Programm noch einmal ein großer Teil der Auseinandersetzung stattfinden wird. Mit der Pressekonferenz und dem Soli-Wochenende gab es Meilensteine, und auch mit der Eröffnung des Mai-Programms Liebe Arbeit am 1. Mai und auch noch einmal Ende Juni ein Finale zu diesem Programm, wo sich das als roter Faden durchziehen wird und wo man auch eine Veröffentlichung erwägen kann.

>>Marie-Christin: Wenn wir über Veröffentlichungen reden, geht es natürlich auch darum, generiertes Wissen zu teilen. Dass passiert einerseits durch die Vernetzung, die eben sowohl lokal als auch international, z.B. mit dem Gängeviertel in Hamburg oder dem Teatro Marinoni aus Venedig, stattfindet. Wir haben durch diese Initiativen selber viel gelernt und möchten die Sachen, die wir in Bezug auf Wien erfahren haben, auch an Leute, die in Zukunft in ähnlichen Situationen sind, sehr gerne weitergeben.

Noch ein Schlusswort?
>>Réka: Wir möchten, und das ist wichtig, den KünstlerInnen danken, die im mo.ë gearbeitet haben. Wir haben mit dem Aktionswochenende ein bisschen eingefordert, dass man uns unterstützt und aufmerksam wird. Es ist auch wichtig zu sagen, dass sehr viele KünstlerInnen hier gratis arbeiten und damit zur Belebung der kulturellen Szene Wiens beitragen und das ist ein großes Verdienst.

>>Alisa: Was man auch noch sagen kann ist, dass wir weiterhin die Petition online haben, die man unterschreiben kann (8). Wir haben sie im Dezember gestartet. mo.ë hatte zwar die ganze Zeit öffentliches Programm, aber Achtung, es passiert auch noch etwas anderes! Die Petition ist weiterhin online, bitte unterschreibt sie, wenn ihr es noch nicht getan habt!

>>Mimie: Zum Schluss möchten wir allen danken, die beim mo.ë so tatkräftig dabei sind, die uns unterstützen und die letzten Jahre quasi durchgehend Konzerte, Performances usw. bei uns veranstaltet haben, damit der Ort ein lebendiger ist und bleibt.

+++


*Geführt von Melanie Konrad am 22.03.2016 in Wien. Dieser Text basiert auf dem bearbeiteten und gekürzten Transkript eines für Radio Stimme produzierten Beitrags, der am 19.04.2016 auf Radio Orange gesendet wurde – nachzuhören unter: www.radiostimme.at


Heft #39/2016 als .pdf

Anmerkungen:

(1) Seit 2013 gab es mehr als 400 Veranstaltungen mit insgesamt ca. 15.000 BesucherInnen (archiv.moe-vienna.org). Das mo.ë beherbergt derzeit ca. zehn Atelierplätze und hat ein internationales Artist-in Residence Programm auf die Beine gestellt, mit Gästen aus den USA, Japan und Malawi. Gefördert wird es u.a. durch das Bundeskanzleramt, die Kulturabteilung der Stadt Wien und die Bezirksverwaltung Hernals. mo.ë, Press Materials, http://www.moe-vienna.org/moe/index.php?q=/press/&d=content (Zugriff: 09.04.2016).
(2) Recht auf Stadt, Blog: http://rechtaufstadt.at/blog/category/blog/ und HP der IG Kultur Wien: http://www.igkulturwien.net/ (Zugriff: 09.04.2016).
(3) Friedel 54 ist eine Initiative aus Berlin-Neukölln, die als selbstverwalteter Raum vergleichbar dem mo.ë, „Räumlichkeiten & Infrastruktur für regelmäßige und einmalige Veranstaltungen von Gruppen, Kollektiven oder sonstigen Strukturen“ frei zur Verfügung stellt und dessen Fortbestand von einer Wiener Investmentfirma, Citec Immo Invest GmbH, bedroht wird. Nähere Informationen dazu unter: https://friedel54.noblogs.org/ (Zugriff: 09.04.2016).
(4) „Einem Kaufpreis von rund 650 Euro/m2 stehen dabei Renditeerwartungen von 4000–8000 Euro/m2 gegenüber.“ dérive – Radio für Stadtforschung (02.02.2016) „Have you seen our house?“, Radiosendung. http://cba.fro.at/307189 (Zugriff: 09.04.2016).
(5) Nähere Informationen zum Kunstraum Ewigkeitsgasse unter: kunstraumewigkeitsgasse.wordpress.com (Zugriff: 09.04.2016).
(6) Ankündigung: frank – Ausstellungsprojekt von Michael Weidhofer, 29.09.2015, mo.ë – Thelemangasse 4, 1170 Wien. https://esel.at/termin/79790 (Zugriff: 09.04.2016).
(7) Programm siehe http://www.moe-vienna.org (Zugriff: 09.04.2016).
(8) Die Petition kann unter avaaz.org unter Für den Erhalt des Raumes mo.ë in der Thelemangasse 4 unterschrieben werden!

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