#39|2016: Mobilität/Artikel

Raum Macht Frau – Frau Macht Raum

von Hanna Reiner


meidlingerplatzl-2

(c) Magistrat der Stadt Wien

Im Rahmen einer Konzeptualisierung, dass Raum einen „historischen sowie aktuellen Konstruktions- und Konstitutionsprozess abbildet“ (Ruhne 2011: 84) kann die Namensgebung öffentlicher Straßen und Plätze als umfassende Reflexion der Repräsentation von Frauen im öffentlichen Raum genannt werden. Von rund 4.379 personenbezogenen Straßennamen in Wien beziehen sich aktuell 361 auf Frauen (vgl. MA 57 2015).

Das Bundesministerium für Bildung und Frauen (BMBF) veröffentlicht jährlich den Gender Index, mit dem eine kontinuierliche geschlechterdifferenzierte Datenerhebung und Datenauswertung in Österreich zur Verfügung gestellt werden soll. In seinem Gender Index 2015 bezieht sich das BMBF auf die im November 2011 vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) veröffentlichte empirische Repräsentativstudie „Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld“, an der 1.292 Frauen im Alter von 16 bis 60 Jahren teilgenommen haben (vgl. BMBF 2015a: 60).

Demnach erlebte jede dritte Frau (29,5 %) seit ihrem 16. Lebensjahr sexualisierte Gewalt. Die betroffenen Frauen erfuhren diese in etwa gleich häufig in einer Partnerschaft (10,7 %), im Freundes- bzw. Bekanntenkreis (10,1 %) sowie an öffentlichen Orten (10,1 %). Drei Viertel aller befragter Frauen (74,2 %) wurden seit ihrem 16. Lebensjahr Opfer sexueller Belästigung. Am häufigsten (55,7 %) gaben die Teilnehmerinnen an, dass ihnen „jemand zu nahe gekommen ist, sodass es als aufdringlich empfunden wurde“, gefolgt davon, dass mit ihnen „in einer Art und Weise gesprochen wurde, die sie als sexuell belästigend empfanden“ (44,7 %). An dritter Stelle wurde genannt, dass den Betroffen „nachgepfiffen oder sie angestarrt wurden und sich dadurch sexuell belästigt gefühlt haben“ (42,9 %). Dabei erlebten immerhin 29,7 Prozent der Frauen diese Formen der psychischen Übergriffe als „bedrohlich“. Erfahren wurde sexuelle Belästigung relativ gesehen am häufigsten an öffentlichen Orten (51,3 %), gefolgt von der Arbeits- oder Ausbildungsstelle (36,9 %) und dem Freundes- und Bekanntenkreis (24,2 %) (vgl. BMBF 2015a 60ff.).

Nicht zuletzt zeigt die aus der Studie hervorgehende Relevanz öffentlicher Orte in Bezug auf das gesellschaftliche Phänomen der sexualisierten Gewalt und der sexuellen Belästigung, die Notwendigkeit, zwischen personaler und struktureller Gewalt zu unterscheiden. Eine solche Studie kann das Ausmaß personaler – von einem handelnden Subjekt ausgehender – Gewalt darstellen. Nicht dezidiert benennt sie aber eine Form der strukturellen Gewalt, die einem gesellschaftlichen System inhärent ist, das auf ungleichen Machtverhältnissen und ungleicher bis sexistischer Repräsentation basiert. In Folge bedingt strukturelle Gewalt Formen personaler sexualisierter Gewalt und sexueller Belästigung und die Art und Weise des gesellschaftlichen Umgangs damit. Die Bedeutung „öffentlicher Orte“ als erlebte Gefahrenräume für Frauen wirft die Frage auf, welche Maßnahmen auf struktureller Ebene gesetzt werden (können), um mit der Gestaltung des öffentlichen Raums sichere Mobilität und damit gleiche Lebens- und Verwirklichungschancen für Frauen und Mädchen zu garantieren.

Das Thema Sicherheit wurde in der Wiener Stadtplanung erstmals 1991 mit der Ausstellung „Wem gehört der öffentliche Raum – Frauenalltag in der Stadt“ thematisiert. Das Frauenbüro der Stadt Wien hat in den 1990er Jahren mit Publikationen wie „Draußen-einfach-sicher“, „Sicherheit in Wohnhausanlagen“ und „Richtlinien für eine sichere Stadt“ Arbeitsunterlagen für eine solche Stadtplanung erarbeitet. Die Gestaltung öffentlicher und halböffentlicher Räume wird seitdem als ausschlaggebend für Unsicherheiten und Angstgefühle und den daraus resultierenden Konsequenzen für den Alltag und die Bewegungsfreiheit von Frauen und Mädchen thematisiert:

„Die alltägliche und gesellschaftlich oftmals tolerierte Belästigung von und Gewalt an Frauen bedingt, dass insbesondere Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Um bedrohlichen Situationen aus dem Weg zu gehen, nehmen sie Umwege in Kauf oder lassen sich in ihrer Mobilität und ihren Aktivitäten einschränken. Vor allem an Orten, die nicht gemieden werden können, wie wichtige Wegeverbindungen, Eingänge zu Gebäuden und Zugängen zu Haltestellen, ist die Berücksichtigung von Sicherheitsaspekten bei der Gestaltung wesentlich“ (Stadtbaudirektion 2015b: 1).

Dabei ist ein Ziel, dem Ruf nach mehr Überwachung als Reaktion auf sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung durch gestalterische Möglichkeiten vorzubeugen (vgl. Stadtbaudirektion 2015a).

Die von der Leitstelle für Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen erarbeiteten Gestaltungskriterien für die Vermeidung von sogenannten Angsträumen und zur Stärkung des subjektiven Sicherheitsgefühls von Frauen und Mädchen in öffentlichen und halböffentlichen Räumen umfassen mehrere Maßnahmen. Einerseits soll Orientierung, Übersicht und Einsehbarkeit durch die transparente Gestaltung von Sichtverbindungen zwischen Innen- und Außenraum sowie belebten und ruhigen Zonen im Sinne der sozialen Kontrolle geschaffen werden, andererseits sollen Beleuchtung, Zugänglichkeit und Belebung von öffentlichen Räumen mittels attraktiver Gestaltung und hoher Aufenthaltsqualität sowie der Planung von angrenzenden Gebäuden zum öffentlichen Raum hin orientiert, positiv wirken. Verantwortlichkeit mittels Identifikation, Konfliktvermeidung durch flexible Nutzbarkeit sowie Ausweichmöglichkeiten und die Beseitigung von Verschmutzungen, die den Eindruck von Verwahrlosung vorbeugt und damit das subjektive Sicherheitsgefühl erhöht, können außerdem zur Stärkung des Sicherheitsgefühls beitragen. Auch werden seit Mitte der 1990er Jahre Aspekte des Gender Mainstreamings bei der Planung des U-Bahn-Ausbaus sowie der Instandhaltung von Parkanlagen geprüft. Diese umfassen Kriterien wie Orientierung, Transparenz, Beleuchtung und der sozialen Kontrolle mittels Belebung (vgl. Stadtbaudirektion 2015b).

Die Leitstelle der Stadtbaudirektion betont aber gleichzeitig, dass „bauliche Aspekte nur einen Teil des Problems lösen“ können –

„Die Stärkung der Wehrhaftigkeit von Frauen und Mädchen sowie der sozialen Sensibilität und Verantwortung für das, was auf der Straße passiert, damit belästigte Frauen mit Unterstützung rechnen können, sind Voraussetzungen, um deren ungehinderte Mobilität zu gewährleisten“ (vgl. ebd.: 4).

Im Jahr 1997 präsentierte das Frauenbüro (MA 57) der Stadt Wien die Studie „Verspielte Chancen? Mädchen in den öffentlichen Raum!“ (Bernard/Schlaffer 1997), die aufzeigte, dass Mädchen in der Raumaneignung von Parkanlagen und öffentlichen Spielflächen zurückhaltender agieren – mit nachteiliger Auswirkung für ihr Körper- und Selbstbewusstsein, welches nicht nur bezüglich eines psychisch und physisch autonomen und selbstbewussten Auftretens im öffentlichen Raum im späteren Leben von Bedeutung ist.

„Die Lektion, daß man unschwer aus öffentlichen Räumen verdrängt werden kann, ist für Mädchen nicht nur unmittelbar schädlich. Ihr Rückzug in passives, marginalisiertes Verhalten, unterstützt von Eltern, die vor Gefahren warnen, und einer Infrastruktur, die ihre Existenz nicht vorsieht, ihre Wünsche nicht berücksichtigt und sie den Regeln des Dschungels überläßt, hat eine stark negative Erziehungswirkung“ (vgl. Bernard/Schlaffer 1997: 11).

Das neue Problembewusstsein für die spezifische und komplexe Situation von jungen Frauen und Mädchen im öffentlichen Raum ermöglichte die Etnwicklung von Strategieplänen sowie Pilotprojekten für Parkanlagen in Wien. So wurden zwei Parkflächen in Wien-Margareten (der Einsiedlerpark und der Bruno-Kreisky-Park) geschlechtssensibler gestaltet, indem das Freiraumkonzept vernetzter, flexibler, differenzierter und sicherer gedacht wurde (vgl. Stadtbaudirektion 2015a). Seit Anfang 2000 ist die „gezielte Berücksichtigung von Mädchen- und Fraueninteressen in der Planung“ in Form von Gender Mainstreaming als „zentrales strategisches Arbeitsfeld in der Wiener Stadtplanung“ (vgl. MA18 2013: 13) etabliert.

Für ein Verständnis der Bedeutung der Gestaltung öffentlichen Raums in Bezug auf die sichere Mobilität von Frauen sowie ihrer Repräsentation kann Renate Ruhnes’ Konzeptualisierung herangezogen werden. Ruhne legt öffentlichem Raum

„ein relationales und prozesshaftes Raumverständnis zu Grunde […], das auf die soziale Konstruiertheit des Raumes rekurriert und das die sozialen Konstrukte aber auch in ihrer Materialität als ,objektive‘ Erscheinungsformen zu berücksichtigen in der Lage ist. Der materialisierte Raum wird dabei als (in historischen und aktuellen Prozessen) konstruiert und konstituiert verstanden. Gleichzeitig wird er aber auch selbst wiederum als konstituierend im Kontext gesellschaftlicher Prozesse angenommen. Dies erfordert die Annahme eines wechselseitigen Wirkungsgefüges, in welchem sich einerseits soziale Strukturen räumlich ,materialisieren‘ und aber umgekehrt der materialisierte Raum auch auf soziale Gegebenheiten einwirkt“ (Ruhne 2011: 88).

Neben den strukturellen Maßnahmen in der Stadtplanung und -entwicklung mittels Gender Mainstreaming, ist es daher auch notwendig, Bewusstsein für einen kritischen und verantwortungsvollen Umgang mit sexualisierter Gewalt und sexueller Belästigung und ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Zivilcourage in der Gesellschaft und der medialen Öffentlichkeit zu schaffen. Im Rahmen der Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“, zwischen dem 25. November (dem Internationalen Gedenktag für die Opfer von Gewalt an Mädchen und Frauen der UN) und dem 10. Dezember (dem Internationalen Tag der Menschenrechte), setzte das BMBF im Jahr 2015 den Schwerpunkt auf bundesweite Kooperationen sowie Sensibilisierung der Öffentlichkeit (vgl. BMBF 2015b). Weiters wurde, mit Förderung der Europäischen Kommission und des BMBF, vom Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF), der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie und der Bundesjugendvertretung (BJV) die zweijährige Kampagne „GewaltFrei Leben“ (2014/15) durchgeführt, die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit sowie einen Leitfaden für verantwortungsvolle Medienberichterstattung umfasste. Problematisch ist hierbei die oftmals durch Schutzvereinnahmungen, Schuldzuweisungen an die Opfer und Bagatellisierung geprägte Darstellung (vgl. Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser 2015). Roxanne Gay beschreibt in ihrer Essaysammlung Bad Feminist (2014) einen solchen medial-öffentlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt und sexueller Belästigung schlicht wie folgt: „That is not simply the careless language of sexual violence. It is the criminal language of sexual violence“ (Gay 2014: 136).


Hanna Reiner hat Politikwissenschaft an der Universität Wien studiert und wird im Herbst 2016 ihren Master in Human Rights in Manchester beginnen.


Heft #39/2016 als .pdf

Literatur:

Benard, Cheryl/Edit Schlaffer (1997): Verspielte Chancen? Mädchen in den öffentlichen Raum! Wien: Frauenbüro-MA 57.

Bundesministerium für Bildung und Frauen (BMBF) (2015a): Gender Index 2015. https://www.bmbf.gv.at/frauen/gender/gender_index_2015.pdf (Zugriff: 30.03.2016).

Bundesministerium für Bildung und Frauen (BMBF) (2015b): „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“. https://www.bmbf.gv.at/frauen/gewalt/16_tage_gegen_gewalt.html (Zugriff: 09.03.2016)

Gay, Roxanne (2014): Bad Feminist. Essays. New York: HarperCollins.

Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser/Informationsstelle gegen Gewalt (2015): „GewaltFrei Leben“. Kampagne zur Verhinderung von Gewalt an Frauen und Kindern. http://www.gewaltfreileben.at/images/Bilder/PDFs/gewaltFREI_Folder_Ueberblick.pdf (Zugriff: 30.03.2016).

MA 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung (2013): Handbuch Gender Mainstreaming in der Stadtplanung und Stadtentwicklung. Werkstattbericht Nr. 130, Wien.

MA 57 – Wohnen und öffentlicher Raum- Frauen in Wien (2015): Geschlechtergerechte Stadtplanung und Stadtentwicklung. https://www.wien.gv.at/menschen/frauen/stichwort/wohnen/geschlechtergerechte-stadtplanung.html (Zugriff: 30.03.2016).

Ruhne, Renate (2011): Raum Macht Geschlecht: Zur Soziologie eines Wirkungsgefüges am Beispiel von (Un)Sicherheiten im öffentlichen Raum. Wiesbaden: VS.

Stadtbaudirektion – Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen (2015a): Geschlechtssensible Freiraumgestaltung. https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/alltagundfrauen/pdf/raum-la.pdf (Zugriff: 30.03.2016).

Stadtbaudirektion – Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen (2015b): Sicherheit im öffentlichen und halböffentlichen Raum. https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/alltagundfrauen/pdf/sicherheit-la.pdf (Zugriff: 30.03.2016).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s