#39|2016: Mobilität/Artikel

Der Nomade als Theoriefigur, empirische Anrufung & Lifestyle-Emblem. Auf Spurensuche im Globalen Norden.

von Anna Lipphardt


Während sich in den vergangenen Jahrzehnten die Lebensbedingungen für Hirtennomaden infolge offener politischer Diskriminierung und struktureller Benachteiligung, von Landkonflikten, sich wandelnden ökonomischen Rahmenbedingungen und des Klimawandels weltweit verschlechtert haben, entwickelte sich der Nomadismus im Globalen Norden – und insbesondere in (West-)Europa – im selben Zeitraum zu einem wichtigen Referenzpunkt. In zahlreichen Diskurs- und Praxiskontexten (post-)industrieller Gesellschaften, in denen Mobilität eine herausgehobene Rolle spielt, wird heute emphatisch Bezug auf „das Nomadische“, „den Nomaden“ oder „Nomadismus“ genommen (1).

Eingeführt von den französischen Philosophen Gilles Deleuze und Felix Guattari in den 1980er Jahren (vgl. Deleuze/Guattari 1980), hat sich der Nomade seither als zentrale Theoriefigur etabliert, die für ein hohes Maß an Mobilität sowie für Freiheit, Grenzüberschreitung und Nonkonformismus steht. Großen Nachhall fand die Figur des Nomaden auch im Kunstbereich, wo er längst zu einer Standardreferenz geworden ist. Darüber hinaus beziehen sich heute VertreterInnen aus zahlreichen, ganz unterschiedlichen professionellen Milieus in ihrer Selbstbezeichnung auf den Nomaden – von der sogenannten creative class über den Medien- und IT-Bereich bis hin zu Management und Unternehmensberatung. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich nomadische Selbstreferenzierungen außerdem unter Backpackern, Lifestyle-Migranten und den sogenannten Superreichen. Inzwischen taucht der Nomade zudem regelmäßig als theoretische Referenz in empirischen Studien zur Mobilität dieser Gruppen auf (vgl. Ciolfi/Pinatti de Carvalho 2014; D’Andrea 2007; Bousiou 2008). Und last but not least ist er zum populären Label in Architektur und Design geworden, was sich in einer wachsenden Zahl an entsprechenden Produktnamen von rollbaren Schlafsofas über Kopfhörer bis hin zu iPad-Hüllen und aufwendigen Bildbänden mit Titeln wie „New Hotels for Global Nomads“ oder „The New Nomads. Temporary Spaces and a Life on the Move“ widerspiegelt (vgl. Albrecht/Johnson 2002; Klanten 2015) (2).
In all diesen Fällen ist ohne Zweifel ein hohes Maß an Mobilität im Spiel. Doch welche Praktiken und Absichten, konzeptionellen Vorstellungen und politischen Bewertungen verbergen sich hinter den jeweiligen Anrufungen des Nomadischen? Ich greife in diesem Beitrag „Nomadismus“ im Sinne der Kulturwissenschaftlerin Mieke Bal als „wandernden Begriff“ (travelling concept) auf und spüre ihm in ausgewählten Diskurs- und Praxiskontexten nach. Für Bal sind Begriffe „niemals bloß deskriptiv […], niemals unschuldig“, sondern „programmatisch und normativ“ (Mieke 2002: 13). Vor allem aber sieht sie in ihnen
„nichts ein für allemal Feststehendes. Sie wandern: zwischen den Fächern, zwischen einzelnen Wissenschaftlern sowie zwischen historischen Perioden und geographisch verstreuten akademischen Gemeinschaften. […] [I]hre Reichweite und ihr operationaler Wert müssen nach jedem Ausflug von neuem bewertet werden.“
(ebd.: 11) (3)
 Ausgehend von konzeptionellen Überlegungen, die aus der empirischen Erforschung nomadischer Lebensweisen entwickelt wurden, wende ich mich zwei eng miteinander verknüpften Diskurs- und Praxisbereichen zu, die einen zentralen Beitrag zur Popularisierung des Nomadischen im Globalen Norden geleistet haben: Kulturtheorie und Kunst. Der darauffolgende Abschnitt wirft einen Blick darauf, wie sich Mobilität für Künstlerinnen und Künstler im Alltag gestaltet. Im Anschluss an diese Suchbewegungen wird schließlich die analytische und politische Tragfähigkeit des Begriffs in Bezug auf Mobilität in Europa hinterfragt: Inwieweit lassen sich Mobilitätsmodi, -ursachen und -erfahrungen der Milieus, die sich als ,neonomadisch“‘apostrophieren, mit denen nomadisch lebender Gruppen vergleichen? Welche Aspekte werden ausgeblendet, wenn wir im Zuge der Globalisierung aufgekommene hochmobile Lebens- und Arbeitsarrangements durch die nomadische Brille betrachten?

Konzeptionelle Ausgangspunkte der empirisch orientierten Nomadismusforschung

Für die empirische Forschung zum Nomadismus, die vorwiegend von Anthropologen und Geografinnen im Rahmen ethnografischer Langzeitstudien verfasst wurde, stellt dessen Konzeptualisierung eine der zentralen Grundsatzfragen dar. Der vom griechischen nomás (,weidend umherziehend‘) abgeleitete Begriff ,Nomade‘ ist keine Eigenbezeichnung, sondern wurde als Sammelbegriff von Außenstehenden wie Staatsvertretern, Missionaren und Forschenden geprägt. Die betreffenden Gruppen selbst bezeichnen sich meist nach ihrem Familienverband, ihrem Herkunftsgebiet oder ihrer Tätigkeit (vgl. Nippa 2011). Seit der Jahrtausendwende greifen zudem mehr und mehr dieser Gruppen im Kontext von internationalen Menschenrechtsinitiativen und der Entwicklungszusammenarbeit auf die Bezeichnungen ,mobile peoples‘ oder ,mobile indigenous peoples‘ zurück (vgl. Standing Committee for the Dana Declaration 2002). Während Nomadismus generell als Konzept verstanden wird, das sich auf mobile Raumnutzung und damit verbundene Subsistenzmodi bezieht, gehen die Meinungen auseinander, welche Gruppen als Nomaden angesehen werden können. Der traditionellen Auffassung zufolge ist der Begriff ausschließlich für Hirtennomaden zu verwenden und bezeichnet „a specific way of life practiced in the dry belt of the Old World, a socio-ecological mode of culture“ (Scholz 2004: 10650) (4). Forscher und Expertinnen aus relevanten Praxisfeldern beziehen heute neben Hirtennomaden indes auch mobile Sammler und Jäger sowie die sogenannten Dienstleistungsnomaden oder peripatetische Minderheiten mit ein. Mit letzteren Begriffen werden seit den späten 1970er Jahren mobile Gruppen bezeichnet, die ihren Lebensunterhalt mit hochspezialisierten Dienstleistungen wie Unterhaltung, handwerklichen oder rituellen Tätigkeiten oder dem Handel mit besonderen Gütern verdienen (vgl. Hayden 1979; Salo 1986; Rao 1986; Berland/Rao 2004). Eine breit gefasste Definition, die diese Gruppen berücksichtigt, bieten der Sozialgeograf Jörg Gertel und die Anthropologin Sandra Calkins an. Sie verstehen Nomadismus als
„eine Lebensform, die durch permanente oder zyklische Mobilität gekennzeichnet ist und die meist von Gruppen vollzogen wird, die sich durch exklusive Heiratsregeln auszeichnen. Zweitens verstehen wir als Nomaden, wer sich seine Lebensweise durch extensive Weidewirtschaft verdient, oder durch andere Formen der Mobilität wie saisonale Wanderarbeit durch sogenannte Dienstleistungsnomaden. Drittens kommen Nomaden durch ihre Verflechtungen und Bewegungen stets in unterschiedlichen Zusammenhängen mit Sesshaften in Berührung“ (Calkins/Gertel 2011: 13) (5).
Ausgehend von dieser Definition möchte ich hier vier ineinandergreifende analytische Parameter vorschlagen, die sowohl eine differenzierende Perspektivierung für die empirische Untersuchung mobiler Arbeits- und Lebensarrangements erlauben als auch geeignet sind für eine kritische Ausleuchtung der Theoriefigur des Nomaden und dessen begrifflicher Metamorphosen im Kontext postindustrieller Gesellschaften: erstens Mobilitätsmuster und -modi; zweitens Wirtschafts- und Subsistenzweisen; drittens gruppeninterne Sozialität und viertens Beziehungen zur Umgebungsgesellschaft, sowohl unmittelbar auf lokaler Ebene, als auch im Hinsicht auf staatliche Akteure und Institutionen.

Kulturtheoretische und künstlerische Anrufungen des Nomadischen

Als theoretische Figur wurde der Nomade von Gilles Deleuze und Felix Guattari in ihrem 1980 erschienenen Traktat Mille Plateaux (Tausend Plateaus) eingeführt (vgl. Deleuze/Guattari 2003) (6). Die beiden französischen Philosophen konstruierten ihn als ,Kriegsmaschine‘ in Opposition zu hegemonialen Machtpositionen und statischen Gesellschaftsstrukturen, als Figur des Widerstands, deren subversives Potenzial sich aus der permanenten Grenzüberschreitung, Bewegungsfreiheit und einem hohen Maß an Flexibilität ergab (vgl. Deleuze/Guattari 2003, 522–585). Dabei ging es Deleuze und Guattari weder darum, auf der Basis von empirischen Daten zur Lebensweise nomadischer Gruppen theoretische Erkenntnisse abzuleiten, noch darum, mit Zuhilfenahme der nomadischen Figur Mobilitätsphänomene zu theoretisieren. Vielmehr diente ihnen diese mobile Denkfigur dazu, eine radikal subjektive, postnationale Strategie des politischen Denkens und Handelns zu entwickeln. Die Zahl der Forscherinnen und Forscher, die sich kritisch mit dem Theorie-Nomaden nach Deleuze und Guattari auseinandergesetzt haben, ist gering. Nach Ansicht der Literaturwissenschaftlerin Caren Kaplan basiert etwa seine Konzeptionalisierung auf „ahistorical modernist aesthetics and Eurocentric cultural appropriations“ (Kaplan 1996: 24). Der Kulturwissenschaftler Christopher L. Miller kommt in seiner Analyse der Werke, auf die Deleuze und Guattari sich in ,Tausend Plateaus‘ beziehen, zu einem ähnlichen Schluss. Die zitierten Studien sind vorwiegend von westlichen Denkern und Schriftstellern verfasst, die zumeist in stark romantisierender, unsystematischer Art und Weise über nomadische Gruppen reflektieren. Die wenigen empirisch basierten Studien, auf die Bezug genommen wird, sind wiederum stark von den kolonialen Rahmenbedingungen und Perspektiven geprägt, in deren Kontext sie realisiert wurden (vgl. Miller 1993) (7).

Die positive Rezeption des Nomaden von Deleuze und Guattari ist weitaus wirkmächtiger. Autorinnen und Autoren wie die feministische Philosophin Rosi Braidotti, der Medientheoretiker Vilém Flusser oder der Literaturtheoretiker Michael Hardt und der Politologe Antonio Negri haben in den vergangenen Jahrzehnten im Anschluss an Deleuze und Guattari maßgeblich zur Kanonisierung der nomadischen Figur in Kulturtheorie und politischer Theorie beigetragen, wobei sie Aspekte wie Kosmopolitismus, Nonkonformismus und Freiheit in ihren Adaptionen noch stärker hervorheben (vgl. Braidotti 1994; Flusser 1990; Hardt/Negri 2002; Attali 2008). Zur gleichen Zeit trat der Nomade zunehmend in einem außeruniversitären Kontext in Erscheinung – der Kunstwelt. Befördert von Kuratoren, Kunstwissenschaft und Kunstkritik hat sich der Nomade hier seit den 1980er Jahren fest etabliert (8). Parallel zu diesem theoretisch orientierten Diskurs begannen Künstlerinnen und Künstler sich im Rahmen ihrer kreativen Arbeit zunehmend mit Phänomenen des Mobilen zu beschäftigen und nahmen somit auch eine wegweisende Rolle bei der Ästhetisierung von Mobilität ein. Während die traditionelle Künstlerreise neue Perspektiven durch den Aufenthalt an unbekannten Orten eröffnet hatte, rückten nun zunehmend das Unterwegssein, der Transit und das Reisen selbst in den künstlerischen Fokus (vgl. Bianchi 1997). Dabei griffen Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Disziplinen zunehmend auf Strategien, Techniken und Präsentationsformen zurück, die Bewegung und Relokalisierung gezielt aufgreifen und fruchtbar machen. Zu einem Zeitpunkt, zu dem häufige, sich über weite Distanzen erstreckende Mobilität im Kunstbereich zu einem unverzichtbaren Karriere-Asset geworden ist, inszenieren sich heute zudem viele Künstlerinnen und Künstler im Rahmen ihrer öffentlichen Selbstdarstellung als Nomaden, das heißt als dauermobile kosmopolitische Grenzüberschreiter (vgl. Bianchi 1991; Schneemann 2010). In der vergangenen Dekade haben so Kunstprojekte und künstlerische Selbstdarstellung, Forschung, Kulturkritik, kuratorische Konzepte, branding und PR-Strategien, Artists-in-Residency-Programme und kulturpolitische Initiativen dazu beigetragen, den Nomaden als wirkmächtiges Dispositiv zu etablieren – nicht nur im Kulturbereich, sondern weit darüber hinaus. Nach dem Philosophen Michel Foucault handelt es sich bei einem Dispositiv um

„ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebenso wohl wie Ungesagtes umfasst. […] Das Dispositiv selbst ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann“ (Foucault 2000: 119f.).
Dank zweier Faktoren, die außerhalb der Kunst liegen, hat das nomadische Dispositiv weiter Fahrt aufgenommen. Zum einen haben Ökonomen Künstler – beziehungsweise die sogenannte creative class – aufgrund ihrer hohen Risikobereitschaft, Flexibilität und kosmopolitischen Einstellung inzwischen als Vorreiter des postfordistischen Wirtschaftsmodells entdeckt (9). Eng angelehnt an diesen ökonomistischen Diskurs schreibt auch das neue Forschungsfeld der Mobility Studies der creative class eine paradigmatische Rolle für das Verständnis zunehmender Mobilität und Globalisierung zu. Als ,Mobilitätspionieren‘ oder ,neuen Nomaden‘ wird Kreativen in den Mobility Studies gegenwärtig eine bedeutende epistemische Position zugeschrieben – sowohl, wenn es um Theoriebildung und Konzeptionalisierung geht, als auch im Kontext empirischer Studien, wo sie eine der zentralen Referenzgruppen darstellen (vgl. Canzler et al. 2008).
Abgesehen von Autoren wie dem Ökonomen Richard Florida, denen harte Zahlen wichtiger sind als komplexe kulturtheoretische Konzepte, beziehen sich fast alle Mitgestalter des nomadischen Dispositivs – sei es in Kunst, Wirtschaft oder den Mobility Studies – auf Deleuze und Guattari als zentralen theoretischen Referenzpunkt. Als eindeutig positiv konnotierte Figur verkörpert ihr Nomade die Verbindung dreier Aspekte: erstens Freiheit und Unabhängigkeit, zweitens Nonkonformismus und Avantgarde (oder zumindest Fortschritt) und drittens hochfrequentes Reisen über weite geografische Distanzen.

Künstlermobilität: Phänomenologischer Reality Check

Zu den besonders enthusiastischen Wahlverwandten des Nomaden gehören Künstlerinnen und Künstler im Globalen Norden, insbesondere in der EU. Deren mobile Lebens- und Arbeitsarrangements sollen im Folgenden entlang der eingangs angeführten analytischen Parameter – Mobilitätsmuster und -modi, Ökonomie und Arbeitsorganisation, soziale Beziehungen – näher betrachtet werden.
Auf struktureller Ebene eröffnet die EU durch die garantierten Rechte auf mobile Freizügigkeit und künstlerische Freiheit, sowie die im Vergleich zu anderen Weltregionen großzügige finanzielle Kulturförderung den größten Möglichkeitsraum – zumindest für diejenigen Kulturschaffenden, die über die Staatsangehörigkeit eines EU-Staates oder ein permanentes Aufenthaltsrecht innerhalb der EU verfügen (10). Die zunehmende politische, rechtliche und wirtschaftliche Integration der EU ging mit zwei Entwicklungen einher, die künstlerische Mobilität noch weiter ankurbelten: zum einen mit dem Ausbau des Netzes an Billigflug- und Fernzuglinien und dem Innovationsschub im Kommunikations- und IT-Bereich, zum anderen mit der fortschreitenden Auflösung kultureller Institutionen zugunsten außergewöhnlicher Events wie Festivals und Biennalen und der Projektifizierung weiter Teile des Kunstbetriebs. Während die EU also seit Ende des Ost-West-Konflikts Möglichkeiten für den künstlerischen Austausch und die individuelle künstlerische Freiheit geschaffen hat, wie sie vor 1989 unvorstellbar waren, bewirkte die gleichzeitige Neoliberalisierung des Kulturbereiches einen zunehmenden Mobilitäts- und Konkurrenzdruck.
Gehen wir von der strukturellen Ebene auf die Ebene der individuellen künstlerischen Trajekte (Fahrten), so weisen diese meist einen hohen Grad an Asymmetrie, Unplanbarkeit und Fragmentierung auf, sowohl in Bezug auf ihre räumliche als auch auf ihre zeitliche Dimension. Insbesondere die Trajekte freischaffender Künstler richten sich danach aus, wo sie Finanzierungsmöglichkeiten für ihre Arbeit finden. Weil sich ihre Verdienst- und Präsentationsmöglichkeiten – Zuschauer, Kulturinstitutionen, professionelle Netzwerke und relevante Marktakteure – meist in urbanen Zentren befinden, bewegen sie sich überwiegend zwischen großen Städten und sind dafür auf den Transport per Zug und Flugzeug angewiesen.
Künstlerinnen und Künstler reisen in der Regel alleine, als Freischaffende, oder auf Vertragsbasis als Teil eines künstlerischen Ensembles, und nicht mit ihren Familien, geschweige denn in einem erweiterten Familienverband. Für viele stellen die hohen Mobilitätsanforderungen daher eine große Herausforderung für ihre engeren sozialen Beziehungen dar. Für die Dauer eines Projekts oder einer residency bilden sich häufig ,temporäre Gemeinschaften‘. Der hohe Grad an Internationalität, der künstlerische Kontexte prägt und die große Intensität, mit der dort in der Regel gearbeitet wird, haben zur Folge, dass diese häufig die Form eines Paralleluniversums annehmen. Dieses ist zwar international bestens vernetzt, lässt jedoch außer bei längerfristig angelegten, ortsbezogenen Projekten relativ wenig Raum für den Kontakt mit der lokalen Umgebung und Menschen außerhalb des Kunstbetriebs.

Zur analytischen und politischen Tragfähigkeit des Nomadismus-Begriffs

Der Nomade ist im Globalen Norden als Mobilitätsfigur so beliebt wie nie zuvor, und sein Erfolgszug wird ohne Zweifel noch eine Weile anhalten. Als Referenz für die kritische Auseinandersetzung mit den komplexen Mobilitätsdynamiken des 21. Jahrhunderts wie auch als subversive Denkfigur hat er meiner Meinung nach ausgedient.
Der phänomenologisch orientierte Blick auf die mobilen Arbeits- und Lebensarrangements von nomadischen Gruppen und Künstlerinnen und Künstlern (die hier exemplarisch für mobile Hochqualifizierte insgesamt stehen) zeigt, dass diese in jedem relevanten Parameter weit voneinander abweichen oder sich sogar diametral gegenüberstehen. Dies wird bereits beim Blick auf die unterschiedlichen Mobilitätsmuster und -modi deutlich. Die zyklischen Bewegungen von Hirtennomaden, die sich per Pick-up, Schneemobil oder reitend im Tempo ihrer Tiere fortbewegen, haben wenig zu tun mit den Langstreckenreisen zu den diversen Destinationen, auf denen sich ,neue Nomaden‘ per Bahn oder Flugzeug transportieren lassen. Hinsichtlich ökologischer Aspekte ist die Ungleichheit zwischen beiden Gruppen besonders frappierend – tragen doch die frequent flyers mit ihrem großen CO2-Fußabdruck nicht unwesentlich zum Klimawandel bei, der die Lebensgrundlage vieler Hirtennomaden bedroht.
Des Weiteren bestehen große Unterschiede in Bezug auf Sozialgefüge und Vergemeinschaftung. Hirtennomaden können ihre mobile Lebensweise nur in Gemeinschaft praktizieren, weil Arbeits- und Ressourcenteilung eine Grundvoraussetzung ist, um in der harschen Umgebung, in der sie sich bewegen, überleben zu können. Der „neue Nomade“ (der im Deutschen übrigens fast immer nur in der maskulinen Form auftaucht) hingegen reist alleine durch die Welt. Mobilität mag hier zwar zu individueller Selbstverwirklichung führen, sie erschwert aber zugleich langfristige soziale Nahbeziehungen aufrechtzuerhalten, und geht, trotz der temporären Wahlfamilien, denen man sich unterwegs vielleicht anschließt, mit Vereinzelung und oft auch mit Einsamkeit einher.
Wer privilegierte Mobilität im Globalen Norden als ,nomadisch‘ bezeichnet, trägt somit analytisch nichts zu einem differenzierten Verständnis mobiler Phänomene und Erfahrungen bei. Stattdessen wird dadurch die Verschleierung beziehungsweise Ausblendung der enormen Machtunterschiede zwischen beiden Gruppen befördert. Während nomadische Gruppen in den meisten Ländern auch heute noch als rückständige Störenfriede angesehen werden, die die öffentliche Ordnung bedrohen, genießen mobile Hochqualifizierte im Globalen Norden hohe soziale Anerkennung und politische Unterstützung als Vorreiter der globalisierten Weltgesellschaft und -wirtschaft. Während die einen also aufgrund ihrer Mobilität mit offener Diskriminierung und struktureller Benachteiligung konfrontiert sind (11), stehen den anderen weitreichende Privilegien offen – die sie allerdings nicht vor prekären Aspekten auf der sozialen und emotionalen Ebene schützen.
Selbstverständlich lassen sich diese Aspekte ausblenden, um den Nomaden als Denkfigur in einem ahistorisch, entpolitisierten Theoriehabitat zu bewahren und in Dienst zu nehmen. Doch wieweit trägt dies zum heutigen Zeitpunkt noch? Deleuze und Guattari haben ihren Nomaden einst als subversive Figur in Opposition zum hegemonialen (französischen) Nationalstaat entworfen. Das ist inzwischen fast vierzig Jahre her. Als zentraler Referenzrahmen und Reibungspunkt hat der Nationalstaat im Zuge von Globalisierung, europäischer Integration und Neoliberalisierung seither viel von seiner damaligen Macht und Bedeutung eingebüßt. Zugleich haben Grenzüberschreitung, Subjektivierung, Flexibilität und Mobilität ihr subversives Potenzial verloren und sind zur gesamtgesellschaftlichen Norm geworden.Der Theorienomade leistet heute keinen Widerstand mehr, er schwimmt mit dem Strom beziehungsweise diesem voraus. Mir scheint es daher an der Zeit, sich von ihm als Projektionsfläche und Leitfigur zu verabschieden und stattdessen die Aufmerksamkeit auf die Entwicklung neuer theoretischer Zugänge, konzeptioneller Kategorien und differenzierender Begrifflichkeiten zu richten. Die empirisch fundierte Nomadismusforschung kann uns dabei helfen, den konzeptionellen Blick für die komplexen Zusammenhänge zwischen Mobilität, Ökologie, Ökonomie, Raumpolitik und Sozialgefüge zu schärfen. Eine differenzierende Mobilitätsforschung des 21. Jahrhunderts muss in ihrer Theoriebildung und empirischen Ausrichtung unterschiedliche mobile Realitäten berücksichtigen und den Blick gezielt auf Ungleichheiten richten, die die Mobilität einzelner Menschen oder Gruppen beeinflussen beziehungsweise durch Mobilität entstehen (vgl. Manderscheid 2009). Dabei gilt es, einen kritischen analytischen Abstand zu den Mobilitätsfiguren zu wahren, die von Wirtschaft und Politik aufs Podest gehoben werden.* Dieser Text ist eine geringfügig bearbeitete Wiederveröffentlichung des Originals vom 15.06.2016 auf: Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de (APUZ 26-27/2015).

Anna Lipphardt ist Juniorprofessorin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg am Institut für Volkskunde und Leiterin der Forschungsgruppe Cultures of Mobility in Europe (COME).

Heft #39/2016 als .pdf

Anmerkungen:

(1) Der vorliegende Beitrag greift auf meine Überlegungen zur Figur des Nomaden im Kunstbereich und in der Tourismusforschung zurück (vgl. Lipphardt 2014a & 2014b: 134f.)
2) Bereits in den 1970er-Jahren erschien Hennessey/Papanek (1973) die bald als Designklassiker galten.
3) Vgl. auch dies. (2002): Travelling Concepts in the Humanities. A Rough Guide. Toronto: Green College Lecture Series.
4) Vgl. auch Scholz (1995).
5) Eine gute phänomenologische Einführung bietet auch Khazanov (1994).
6) Für frühere Bezugnahmen auf das Nomadische in der angloamerikanischen Sozialtheorie vgl. Cresswell (1997).
7) Eine weitere ideengeschichtlich ausgerichtete Kritik findet sich bei Pels (1999).
8) Zur Zirkulation des Nomadischen in Kunsttheorie und Ausstellungspraxis vgl. Haehnel (2006).
9) Für eine kritische Skizze dieser Entwicklung vgl. Boltanski/Chiapello (2002). Zur (unkritischen) Popularisierung dieser Lesart hat der Wirtschaftsautor und Unternehmensberater Richard Florida maßgeblich beigetragen, vgl. ders. (2002).
10) Die Mobilitätsmöglichkeiten für Künstlerinnen und Künstler aus anderen Regionen als der EU sind dem gegenüber weitaus beschränkter. Dies gilt insbesondere in Ländern, die mobile Freizügigkeit und künstlerische Freiheit einschränken, wie die prominenten Fälle des chinesischen Aktionskünstlers Ai Weiwei oder des iranischen Filmemachers Jafar Panahi deutlich machen, die ihre Heimatländer nicht verlassen dürfen. Oder der Fall von Salman Rushdie, der viele muslimische Länder aufgrund der dort gegen ihn verhängten Fatwah nicht mehr besuchen kann.
11) Viele Angehörige von Gruppen, die traditionell mobile Lebens- und Arbeitsarrangements praktizieren oder denen diese zugeschrieben werden, leiden darüber hinaus unter der rassistischen Essentialisierung ihrer tatsächlichen oder imaginierten Mobilität – auch innerhalb der EU (vgl. Drakakis-Smith 2007; Acuña 2015).
Literatur:
Acuña, Esteban C. (2015): The Racialization of Nomadism. Provincializing ‚Sedentarism‘ by Tracing Trans-Atlantic Romani Mobilities. In: Transfers 5/3 (i.E.).
Albrecht, Donald/Elizabeth Johnson (2002): New Hotels for Global Nomads. London/New York: Merrell Publishers.
Attali, Jaques (2008): Die Welt von Morgen. Eine kurze Geschichte der Zukunft. Berlin: Parthas.
Bal, Mieke (2002): Kulturanalyse. Frankfurt a. M: Suhrkamp.
Berland, Joseph/Aparna Rao (Hg.) (2004): Customary Strangers. New Perspectives on
Peripatetic Peoples in the Middle East, Africa, and Asia. Westport: Praeger.
Bianchi, Paolo (1991): Der Künstler, Narr und Nomade. In: Kunstforum International 112, 98–132.
ders. (Hg.) (1997): Atlas der Künstlerreisen. Köln: Kunsforum.
Boltanski, Luc/Ève Chiapello (2002): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK.
Bousiou, Pola (2008): The Nomads of Mykonos. Performing Liminalities in a ‚Queer‘ Space. New York: Berghahn.
Braidotti, Rosi (1994): Nomadic Subjects. Embodiment and Sexual Difference in Contemporary Feminist Theory. New York: Columbia University Press.
Calkins, Sandra/Jörg Gertel (2011): Einleitung. In: dies. (Hg.): Nomaden in unserer Welt. Bielefeld: transcript.
Canzler, Weert et al. (Hg.) (2008): Tracing Mobilities. Towards a Cosmopolitan Perspective. Aldershot/Burlington: Routledge.
Ciolfi, Luigina/Aparecido Fabiano Pinatti de Carvalho (2014): Work Practices. Nomadicity and the Mediational Role of Technology. In: Computer Supported Cooperative Work (CSCW) 23/2, 119–136.
Cresswell, Tim (1997): Imagining the Nomad. Mobility and the Postmodern Primitive. In: Georges Benko/Ulf Strohmayer (Hg.): Space and Social Theory. Oxford: Blackwell Publishers, 360–379.
D’Andrea, Anthony (2007): Global Nomads. Techno and New Age as Transnational Countercultures in Ibiza and Goa. London/New York: Routledge.
Deleuze, Gilles/Felix Guattari (1980): Traité de nomadologie. La machine de guerre. In: dies., Mille Plateaux. Capitalism et schizophrénie II. Paris: Les Éditions de Minuit, 434–527 (dt. Ausgabe: (2003): Abhandlung über Nomadologie. Die Kriegsmaschine. In: dies., Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin: Merve, 481–584).
Drakakis-Smith, Angela (2007): Nomadism a Moving Myth? Policies of Exclusion and the Gypsy/Traveller Response. In: Mobilities 2/3, 463–487.
Florida, Richard (2002): The Rise of the Creative Class. And How It’s Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life. New York: Basic Books.
Flusser, Vilém (1990): Nomaden. In: Horst Gerhard et al. (Hg.): Eine Nomadologie der Neunziger. Ein literarisches Forum des Steirischen Herbstes, Bd. 1. Graz: Droschl, 13–38.
Foucault, Michel (2000): Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve.
Gebhardt, Winfried/Ronald Hitzler (Hg.) (2006): Nomaden, Flaneure, Vagabunden. Wissensformen und Denkstile der Gegenwart. Wiesbaden: VS.
Haehnel, Birgit (2006): Regelwerk und Umgestaltung. Nomadische Denkweisen in der Kunstwahrnehmung nach 1945. Berlin: Reimer.
Hayden, Robert (1979): The Cultural Ecology of Service Nomads. In: The Eastern Anthropologist 32/4, 297–309.
Hardt, Michael/Antonio Negri (2002): Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt a. M.: Campus.
Hennessey, James/Victor Papanek (1973): Nomadic Furniture 1. New York: Pantheon Books.
dies. (1974): Nomadic Furniture 2. New York: Pantheon Books.
Kaplan, Caren (1996): Questions of Travel. Post-modern Discourses of Displacement. Durham/London: Duke University Press.
Khazanov, Anatoly (1994): Nomads and the Outside World. 2. Ausgabe, Madison: University of Winsconsin Press.
Klanten, Robert et al. (2015): The New Nomads. Temporary Spaces and a Life on the Move. Berlin: Gestalten.
Lipphardt, Anna (2014a): Auf den Spuren des Neuen Nomaden. Zur Karriere einer Figur in Kulturtheorie, Tourismusforschung und Backpacker-Szene. In: Voyage. Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung, 202–217.
dies. (2014b): The Nomadic Artist. Three Reasons to Say Good-bye to a Fantasy. In: Solitude Yearbook 12, 134f.
Manderscheid, Katharina (2009): Unequal Mobilities. In: Timo Ohnmacht et al. (Hrsg.): Mobilities and Inequality. Aldershot: Routledge, 27–50.
Miller, Christopher (1993): The Postidentitarian Predicament in the Footnotes of A Thousand Plateaus. Nomadology, Anthropology, and Authority. In: Diacritics 23/3, 6–35.
Nippa, Annegret (2011): Nomaden. In: dies. (Hg.): Kleines Abc des Nomadismus. Hamburg, 138f.
Pels, Dick (1999): Privileged Nomads On the Strangeness of Intellectuals and the Intellectuality of Strangers. In: Theory, Culture, Society 16/1, 63–86.
Rao, Aparna (Hg.) (1997): The Other Nomads. Peripatetic Minorities in Cross-Cultural Perspective. Köln/Wien: Kölner ethnologische Mitteilungen Bd. 8.
Salo, Matt T. (1986): Peripatetic Adaptation in Historical Perspective. In: Nomadic Peoples 21-22, 7–35.
Schneemann, Peter (2010): ,Miles and More‘. Welterfahrung und Weltentwurf des reisenden Künstlers in der Gegenwart. In: Alexandra Karentzos et al. (Hg.): Topologien des Reisens. Tourismus – Imagination – Migration. Trier: Bibliothek der Universität Trier, 80–89.
Scholz, Fred (2004): Nomads/Nomadism in History. In: Neil J. Smelser/Paul B. Baltes (Hg.): International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences. Amsterdam: Palgrave, 10650–10655.
ders. (1995): Nomadismus. Theorie und Wandel einer sozioökologischen Kulturweise. Stuttgart: Franz Steiner.
Standing Committee for the Dana Declaration (2002): Dana Declaration Publicity Booklet. Wadi Dana.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s