# 39|2016: Mobilität/Rezensionen

Maria Katharina Wiedlack (2015): Queer-Feminist Punk. An Anti-Social History Wien: Zaglossus

Wiedlack_coverDas Buch gliedert sich in acht Kapitel, die jeweils einen Aspekt einer intersektional ausgerichteten Analyse queer-feministischer Punk-Musik und ihrer Szenen besprechen. Queer-feministischer Punk entstand aus den Kämpfen um In- und Exklusionen der Punk-Szene, konkreter auch als Gegenbewegung zur Politik der USA in den 1970er Jahren, in Bezug auf den Umgang mit Homosexualität, HIV/Aids und Rassismus. Wiedlacks Text unterstreicht an mehreren Stellen, dass es die Überzeugung gibt, dass im Umfeld des queer-feministischen Punk der Möglichkeitshorizont breiter sein und mehr Freiheit zur individuellen Entfaltung bestehen müsse, als im Rest der Gesellschaft. Sie untersucht dabei die Arbeiten bestimmter nordamerikanischer Bands und fanzine-Produzent_innen (z.B. Vaginal Crème Davis, Bruce LaBruce, God is my Co-Pilot, The Skinjobs, Bamboo Girl, Le Tigre, Sleather Kinney u.v.m), was einen gewissen Bedeutungsrahmen schafft, den die Autorin auch zu benennen und zu reflektieren weiß – die Fragestellung ist dahingehend, wie ich finde, sehr gut abgesteckt. Die Problematisierung der Inklusion von queer-feministischen politischen Inhalten in den Mainstream und die neoliberale kapitalistische Vermarktungslogik wird anhand einer Zusammenführung von Begriffen des Negativen, des Antisozialen (Lacan) der „Jouissance“ (18) bei Edelmann aber auch der Ästhetisierung von Wut und Aggression bzw. einer Ästhetik der Negativität unter sowohl Einsatz als auch Zurückweisung von Gewalt mit den diskursiv verhandelten Themen gesellschaftskritischer Musik vollzogen. Im aufzehrenden und aneignenden Moment der neoliberalen Vermarktungslogik sehen die Autorin und jene Menschen, die die Inhalten produzieren, mit denen sie sich auseinandersetzt, ein Potential zur Mobilisierung von Widerstand. Wiedlack zieht dazu unterschiedliche vor allem nordamerikanische TheoretikerInnen aus dem Bereich der Queer Theory und Affect Studies – vor allem Lee Edelmann, Judith Halberstam und José Muñoz, oder beispielsweise Dick Hebdige zu Punk und Mimi Nguyen oder Osa Atoe zu queer-feminist punks of colour – zu Rate.

Die kulturellen Praktiken des queer-feministischen Punk – die Performances, die Bedeutung von Lyrics und die Ästhetik des so spezifischen Stils – werden dabei einerseits auf ihre Widerständigkeit gegenüber hegemonialen Wissensformen und -produktionen überprüft. Andererseits wird dieses Potential im Buch aber schon vorausgesetzt. Als Aktivistin oder Verfechterin des politisch Erstrebens- und Unterstützenswerten der queer-feministischen Punk-Szenen – nämlich ihrer Widerständigkeit gegenüber hegemonialen Wissensproduktionen und Diskursen des Apolitischen – und ihrer Produktionen, steckt die Autorin in einem Dilemma, da sie den Themenkomplex in eine akademische Arena gebracht hat und trotz allem der Ansicht ist, dass der Austausch zwischen wissenschaftlichen Diskursen und kultureller Praxis besser ist, als ihre Abschottung von einander. Warum das so sei, wird aber nicht begründet.

Ein Überblick über die Kapitel zeigt, wie Wiedlack den Bogen von historischen Verortungen über psychoanalytische Überlegungen von Lacan zu Negativität und Queerness hin zu besonders hervorgehobenen Themen wie Anarchismus, Feminismus, der Position von Queers of Colour und der ästhetischen Verarbeitung von Wut und Aggression in den Performances der Musiker_innen spannt.
Im zweiten Kapitel wird so eine historische Dimension aufgemacht, die viele Informationen zum Ursprung des queer-feministischen Punk und allgemeiner der Entstehung des Punk Rock in den 1970er Jahren versammelt. Jedoch ist das Kapitel auch sehr speziell, also auf wenige Bands beschränkt, detailreich, aber wahrscheinlich eher für Menschen interessant, die schon über einen bestimmten Grad an Wissen in diesem Bereich verfügen.

Im darauffolgenden Kapitel widmet sich Wiedlack der Bedeutung eines psychoanalytischen Ansatzes nach Lacan und Edelmann in Verbindung mit der inhärenten Negativität von Queerness als ,Todestrieb‘. Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit der Irritation von Hetero- und Homonormativität und der Suche nach einer Möglichkeit „non-normative social bonds“ (28) via ,Jouissance‘, die mit Lacan eine Art des ungezügelten bzw. uneingeschränkten Genießens beschreibt, zu knüpfen. Punk wendet sich hier auch gegen eine Vorstellung der Zukunft, die über prokreativen Sex und die Zeugung von Kindern im heterosexuellen Mainstream tradiert wird. Es wird etwas kompliziert, wenn es dann vor diesem Hintergrund gilt, ,community‘ zu denken, dieses Problem wird aber gut gelöst, weil daraufhin im nächsten Abschnitt der Fokus auf anarchistische Haltungen im queer-feministischen Punk gelegt wird. Kapitel vier begründet, dass der Kapitalismus und die aus ihm hervorgegangen Institutionen abzulehnen sind, weil sie die Strukturen verfestigen und verwalten, gegen die sich queer-feministischen Punk richtet.

Im fünften Kapitel geht es um sog. Third Wave Feminism, riot grrl und ,dykecore‘, also lesbische Punk-Musik, im Zusammenhang mit einer Reflexion der Privilegien weißer, heterosexueller cis-Frauen und der zahlreichen und oft heftig geführten Debatten um feministische Forderungen oder den Umgang mit Sexualität und ihrer Sichtbarkeit u.a. in Form von Queerness. Dazu gehört auch eine Aneignung von abwertenden Begriffen wie ,Schlampe‘ und das explizite, mitunter aggressive Zurückweisen vorgefertigter gesellschaftlicher Verhaltenscodices, Binarismen, von Leistungsdruck und allgemeiner der Art und Weise, wie Geschlechterverhältnisse (re-)produziert werden. Im sechsten Kapitel erörtert Wiedlack den Widerstand queer-feminstischer Punk Rock Bands gegen Rassismus gegen den Punk Malestream, der weiß, working class, jung und sehr maskulin ausgerichtet ist (siehe ,critical whiteness‘). Für (queere) Punks of Colour ist Hardcore Punk mit vielen Ambiguitäten behaftet, da er einerseits Möglichkeiten der Sichtbarkeit spezifischer Interessen und Lebensentwürfe, sowie Raum für Diskussionen und Auseinandersetzungen bietet, aber anderseits rassistisch und sexistisch strukturiert ist. Wiedlack erklärt das Entstehen von queer-feminstischen Punk Rock Bands und Performer_innen of Colour trotz dieser strukturellen Ausschlüsse mit dem Theorem der ,disidentification‘ von Muñoz. In aller Kürze bedeutet das, dass jene People of Colour die Ausdrucksmöglichkeiten, die Punk bietet, trotzdem nutzen, weil sie ihnen nichtsdestotrotz auch sehr dienlich sind, um ihrer Frustration über die herrschenden Verhältnissen Ausdruck zu verleihen. Weiters werden die Begriffe „black (w)hole“ (268) von Elisabeth Stinson und „(B)orderlands’ rhetorics“ (270) von Adela C. Licona besprochen.

Im vorletzten Kapitel beschäftigt sich Wiedlack schließlich mit den ästhetischen non-verbalen Komponenten von Performances und der Repräsentation von ,anger‘ als Ausdruck von „negativity and jouissance as political action“ (328). Es geht um die Produktion von Kollektivität als praktische Umsetzung sog. anti-sozialer Haltungen (Irritationen/Provokationen) sowie um die Kanalisierung, Aufbereitung und Kommunikation von ,anger‘ in Form von selbstermächtigenden, politischen Aussagen und musikalischer Kreativarbeit. Referenziert wird dabei u.a. auf Audre Lorde und bell hooks. Den Abschluss des Buches bildet ein Exkurs zu aktivistischen Einmischungen von queer-feminstischen Künstler_innen anhand von Solidarität mit der Occupy-Bewegung oder Free Pussy Riot und einem kritischen Kommentar zur Konstruktion eines normativen ,Wir‘ zu solchen Gelegenheiten.

Ich finde, man erkennt sehr gut die umfassende Recherchearbeit die in Queer-Feminist Punk geleistet wurde, die vielen Stunden des Sortierens und Abwägens unterschiedlicher Informationen, die Sorgfalt bei der Zusammenstellung der Beispiele. Aber es wäre dennoch schön, der Text wäre etwas kompakter ausgefallen. Bestimmte Fragmente und Themen im Text wiederholen sich relativ oft, was es einfacher macht, sich den Widerstand im Punk gegen die komplexen Zusammenhänge der hegemonialen Strukturen basierend auf class, race, ability, sex & gender zu vergegenwärtigen. Andererseits werden so manche Aspekte an mehreren Stellen fast gebetsmühlenartig rezitiert.

Weiters fallen zur Punk-Bewegung auch Leerstellen ins Auge, wie etwa die mehrfach angesprochene, aber wenig ausgeführte Perspektive auf Disability sowie Alternativökonomien und alternative Ernährungskonzepte wie etwa Veganismus. Was mir auch fehlt, ist eine Reflexion über das (neo-)liberale Moment im Anspruch des Do-It-Yourself-Dispositivs und im Zusammenhang mit anarchistischen Haltungen in der Praxis des Punk. Die Annahme, queer-feministischer Punk wäre ein nicht-normatives diskursives Feld, wird als gegeben betrachtet, aber leider nicht (ausreichend) argumentiert. Es stimmt, dass sich Menschen, die ihre Arbeiten in diesem Bereich produzieren, gegen den kulturellen und politischen Mainstream stellen und Orte schaffen, in denen ein ,anderes‘ Denken Raum zur Entfaltung finden kann. Dass das nicht friktionsfrei abläuft, und neue Machtverhältnisse, Normen und Regeln erschaffen werden können, wird meiner Meinung nach besonders im Kapitel zu Feminismus, in dem auch die großen feministischen Debatten skizziert werden, deutlich. Das Buch ist aber auch in gewissem Maße eine Bricolage an möglichen, aus einer sehr spezifischen Perspektive betrachteten, gesellschaftskritischen Theoriesträngen, und eröffnet ein weites Assoziationsfeld, das einlädt sich mit den verschiedenen Perspektiven in der eigenen Auseinandersetzung stärker zu befassen.

Melanie Konrad

Heft #39/2016 als .pdf

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