#39|2016: Mobilität/Artikel

Television Expanded und die Popularisierung politischer Narrative

von Stefan Schweigler und Stefan Sulzenbacher


Interdependenzen von mobiler Medialität und aktuellen Präferenzen im Unterhaltungsfernsehen

Gesellschaftliche Vorlieben für Genres, Stile und Themen in kulturellen Praxen wie Literatur, Film und Fernsehen fluktuieren. Eine Dekade relativer Popularität des Melodramas kann von einer Dekade relativer Popularität der Sitcom abgelöst werden – daneben gibt es freilich marginale Genres, die nie mehrheitsfähig werden, sowie jene Genres und Formate, die es vormals waren, nicht mehr sind, aber vielleicht wieder werden können. All diese Fluktuationen erfolgen nebeneinander und miteinander und sind immer auch mit historischen, politischen, materiellen und diskursiven Stoffen verbunden. Trotz Ambivalenzen und immer nur relativen Verschiebungen innerhalb solcher Komplexe lassen sich temporäre Zuspitzungen von Mediatisierungsprozessen beobachten, die herausstechen und Fragen aufwerfen.

In den letzten fünfzehn Jahren (oft wird 9/11 als Wendepunkt genannt) wird etwa in Film und Fernsehen eine leichte Zunahme der Präferenz von Rezipient_innen für explizit-politische Inhalte und Themen vermerkt, seien sie nun realpolitisch oder fiktional. Auch die Ebene der Medienproduzent_innen nimmt diese inhaltliche Nachfrage wahr und reagiert ihrerseits mit mehr Angebot in diesem Bereich. Produktionsunternehmen wirtschaften sodann auf Basis von Erfahrungs- und Marktforschungswerten, die eine derzeit etwas höhere Wahrscheinlichkeit für kommerziellen Erfolg in der Nische politischer Filme und Fernsehsendungen ablesbar machen. In diesem Rahmen wird die verstärkte Attraktivität des politischen Dokumentarfilms (z. B. Wagenhofer) genauso auffällig, wie etwa die Etablierung von langjährigen oder aktuell neuen Sendeplätzen von Late-Night-Shows mit Schwerpunkt Polit-Satire (Willkommen Österreich, Bist du deppert!, The Nightly Show with Larry Wilmore, Last Week Tonight with John Oliver). Nicht zuletzt ist als Beispiel hierfür auch eine ganze Reihe fiktionaler Serien zu nennen, in denen politische Narrative überwiegen (The West Wing, House of Cards, Alpha House, Veep, Scandal, Borgen, aber auch fiktive Mittelalterpolitik in der Kategorie ,High Fantasy‘ bei Game of Thrones). Anders als noch in den 1990ern verzeichnen solche Produktionen von Unterhaltungsfernsehen nun tendenziell höhere Einschaltquoten.

Dieser Text ist theoretisch im Bereich der Medienökologie verortet. Darunter wird eine relationale Betrachtung von medialen Forschungsgegenständen verstanden, die auch sogenannte Einzelmedien (z.B. ,das‘ Fernsehen) stets in einem Geflecht von Wechselbeziehungen denkt: Zwischen Medien untereinander; zwischen historischen Gleich- und Ungleichzeitigkeiten; zwischen ästhetischen, technischen und kommunikationsspezifischen Dimensionen von sozialem Mediengebrauch. In diesem Zusammenhang werden Medien ebenso wie Menschen als Akteur_innen beschrieben, wofür wiederum der Begriff ‚Agency‘ relevant ist. Denn dieser definiert sich als

„die ,Handlungsmacht‘ von Akteuren, das heißt ihren Anteil an Handlungen, Prozessen, Entwicklungen, Funktionsweisen, der einen nachweisbaren, erkennbaren, plausibel beschreibbaren Unterschied für deren Ablauf macht“ (Cuntz 2012: 28).

Vor diesem Hintergrund analysieren die folgenden Überlegungen mögliche Schnittstellen zwischen den genannten aktuellen Präferenzen für das Politische in Unterhaltungssendungen und generellen medienökologischen Veränderungen von Fernsehen. Im Folgenden möchten wir die immer häufiger besprochene Annahme einer derzeitigen Popularisierung des Politischen, aber auch die Figur der Posttelevisualität kurz vorstellen. Daran anschließend werden wir auf Phänomene zu sprechen kommen, in denen politische Themen und neue Formen mobiler Televisualität ganz intrinsisch paarweise auftreten. Anhand solcher Brückenfiguren soll deutlich werden, dass zwischen politischen Narrativen und audiovisueller Mediatisierung fließende Austauschbeziehungen denkbar sind; dass die Agency von makropolitischen Erzählungen mit der Agency von sich wandelnden Fernsehanordnungen zusammenwirkt; dass es sich also um ein größeres Ensemble von Effektivitäten handelt, welche gemeinsam mitunter die Präferenz für beispielsweise staatspolitische Storylines in Serien als ,eine‘ von vielen Konsequenzen akut hervorbringen. Dabei stellen wir die These auf, dass die derzeit relative Beliebtheit von politischen Stoffen weder mit kritischerem Politikbewusstsein per se, noch mit verrohender Boulevardisierung des Politischen zu Gunsten eines allgemeinen Populismus zu synonymisieren ist. Vielmehr möchten wir an diesem Thema aufzeigen, wie diskursive Prozeduren und medientechnische Fluktuationen sich verschränken und neue Dispositive anordnen, innerhalb derer politisches Thematisieren andere/neue Formen performativer Materialisierung ausprobiert.

Popularisierung und Boulevardisierung des Politischen

Wenn wir hier von der Annahme einer Popularisierung des Politischen sprechen, müssen wir zuerst einräumen, was damit im Speziellen gemeint ist. Wenngleich wir im Anschluss an Foucault oder auch Deleuze/Guattari Politiken als eine Gemengelage von makro- und mikropolitischen Fluchtlinien begreifen, so ist ,das Politische‘ wie es hier genannt wird, näher im Bereich eines engen, herkömmlichen, aber vor allem gemeinläufigen Politikbegriffs. Wir übernehmen mit dem Ausdruck ‚Popularisierung des Politischen‘ nämlich eine Formulierung, die in dieser Form zunehmend häufig gebraucht wird und bereits in ihrem Gebrauch diese semantische Einschränkung begründet vorwegnimmt. Auf einer Tagung am Wiener Institut für Zeitgeschichte zu Produktionen des Politischen im neueren Dokumentarfilm wurde etwa die Auffälligkeit des kommerziellen Erfolges von jüngeren Filmen (vgl. Let’s Make Money von Erwin Wagenhofer) in der Abschlussdiskussion differenziert besprochen. In der Diskussion entstand die konsensuale Erwägung, dass bei solchen Erfolgen nicht automatisch von einer neuen kritischen Rezipient_innenschaft ausgegangen werden kann, sondern zunächst von einem Phänomen der Popularisierung des Politischen (1).

Wird in kultur- und sozialwissenschaftlichen Zusammenhängen auf eine Popularisierung des Politischen referenzialisiert, so ist damit üblicherweise eine steigende Konjunktur im allgemeinen Interesse an all jenen Stoffen gemeint, in denen es um wirkliche, satirische oder fiktionale Formen von regionaler-, städtischer oder staatlicher Regierungs- und Oppositionspolitik (im engsten Sinne) geht. Ferner können aber auch Akteur_innen wie Präsident_innen, Institutionen wie EU, UNO oder NATO sowie Konzerne oder Gewerkschaften Figuren in diesen Narrativen sein. Und die Liste ließe sich erweitern.

Weniger sind damit aber mikropolitische Praxen und Regierungstechnologien wie Medien oder Geschlecht gemeint, es sei denn, die Makropolitik selbst bespricht diese Bereiche (besonders augenfällig beispielsweise im dänischen Polit-Serial Borgen). Das Politische, von dem hier die Rede ist, meint also das, was gemeinläufig mit Politik assoziiert wird. Politisches im hier beschriebenen (beschränkten) Bedeutungsumfang würde nun, so die Annahme, etwas populärer werden. Populärer bedeutet wiederum zunächst nur, dass diese Themen und Stoffe mehr Interesse auf sich ziehen und plötzlich auch als unterhaltender wahrgenommen werden, womit grundsätzlich noch keine Auf- oder Abwertung einhergeht. Eine Popularisierung darf nicht mit Populismus verwechselt werden, ebenso wenig ist sie direkter Ausdruck von verstärkter kritischer Reflexivität über Politik. Das Phänomen einer solchen Popularisierung des Politischen ist nichtsdestotrotz bereits diskursiv überformt.

Zum einen gibt es jene Bereiche, in denen sie als positive Politisierung gefeiert wird, etwa am Beispiel des politischen Dokumentarfilms:

„Es hat sich ausgekichert für die Jünger der Spaßgesellschaft. Die Generation der lustigen Individualisten muss endlich einsehen, dass ein Leben ohne Politik ein Leben ohne Sinn ist und eine ständige Gefahr bedeutet. Die Gesellschaften der westlichen Welt […] verlassen fluchtartig den sinnfreien Raum der seichten Unterhaltung“ (Schäfer 2001).

Dieses Beispiel zeigt exemplarisch wie ein Filmkritiker die Renaissance des politischen Dokumentarfilms zu diesem Zeitpunkt verheißungsvoll findet, aber nicht miteinbezieht, dass eine generelle Popularisierung des Politischen nicht zwingend für eine Abkehr von der (vermeintlich apolitischen) ,seichten Unterhaltung‘ oder für ein Verlassen des ,sinnfreien Raums‘ steht. Es gibt aber zum anderen auch jene Bereiche, in denen vor einer ,Boulevardisierung‘ des Politischen gemahnt wird und die inflationär verstreuten, populistischen Gratiszeitungen im öffentlichen Wiener Verkehr beklagt werden, welche sich durch die Popularisierung politischer Stoffe umfangreicher Leser_innenzahlen erfreuen. Derzeit kann sogar eine Petition mit dem Aufruf zum Verbot der Entnahmeboxen unterschrieben werden, die sich an Maria Vassilakou richtet, und wie folgt begründet wird: „Die gratis Zeitung ,Heute‘ trägt mit ihrer populistischen Berichterstattung zur Verrohung der politischen Kultur bei“ (2). Populismus ist zwar mit einer allgemeinen Popularisierung des Politischen nicht gleichzusetzen, steht aber auch immer in einem Verhältnis zu ihr, zumal eine längerfristige oder akute, allgemeine Popularität politischer Stoffe zum Nährboden für eine Zuwendung zum Populismus avancieren kann. Drittens wird die Annahme einer gesteigerten Präferenz für politische Themen auch metatextuell diskutiert. So wurde etwa 2007 in einer Tagung an der FU Berlin die „Boulevardisierung des politischen Diskurses“ als ein Phänomen der Ambivalenzen begriffen, dem auch Potenziale eingeschrieben sind (3).

Dieser komplexen und heterogenen Idee von einer Popularisierung des Politischen schließen wir uns an. Darüber hinaus werden wir später auf den Begriff der Boulevardisierung auch hinsichtlich jener Dimensionen eingehen, die ihm als interessante Motive für Fragen der Mobilität und des Television Expanded eingeschrieben sind.

Posttelevisualität und Expansion des Fernsehens

Allfällige Ortswechsel von A nach B führen in urbanen Ballungsräumen wie Wien gegenwärtig auch eine gesteigerte Mobilität von Bildschirmen vor Augen, die in fernseh- und medienwissenschaftlichen Debatten wahlweise unter den Begriffen ‚Expanded Television‘, ‚Para-Television‘ oder ‚posttelevisuelles Fernsehen‘ verhandelt wird. Diese mediale Form der Mobilität verweist auf vielfältige Verschiebungen televisueller Dispositive, die vor dem Eindruck einer räumlichen wie zeitlichen Ausweitung und Entgrenzung des Televisuellen diskutiert werden und Praxen des Fernsehens – wenn überhaupt – weniger direkt an die klassischerweise damit assoziierten punktuellen Lokalitäten (dem Zuhause, dem Wohnzimmer und der Couch) und linearen Temporalitäten (dem ‚Flow‘ – dem Programmfluss der Sender) bindet.

Angesprochen sind damit einerseits anhaltende Neuverteilungen von Bewegtbildern in der (teil-)öffentlichen Sphäre, die nicht (mehr) an distinkte Medienereignisse wie Public-Viewings oder Freiluft-Film-Screenings mit ihren verbindlichen Beginnzeiten gekoppelt sind, sondern vielmehr als ganz selbstverständliche Nebenerscheinung des mediatisierten Alltags auftreten und durch technisch-apparative Entwicklungen und deren Popularisierung kogeneriert sind. So etwa die zunehmende Zahl von Flachbildfernsehschirmen in diversen Warteräumen (Ärzt_innenpraxen etc.), in Restaurants, in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Flugzeug und in Schaufenstern sowie ihre individualisierte Variante der mobile/portable devices im Hand-, Hosentaschen- oder Rucksackformat (Smartphones, Laptops, Tablets). Michael Strangelove fasst die entsprechenden Zahlen der aktuellen Cisco Visual Networking Indexes dahingehend zusammen, dass demzufolge bis Ende 2018 weltweit über 4,5 Milliarden Abonnements für Smartphone-Verträge prognostiziert werden, bereits jetzt die Anzahl der mobil mit dem Internet verbundenen Apparate die menschliche Weltbevölkerung in Summe übersteigt und Geräte, die mobiles Fernsehen ermöglichen, zu den am schnellsten wachsenden Sparten elektronischer Konsumgüter gehören (vgl. Strangelove 2015: 133).

Der Entkopplung von distinkten Medienereignissen der im öffentlichen Raum zirkulierenden Bewegtbilder entspricht andererseits eine zunehmende Mobilisierung von Fernsehinhalten auch im Hausgebrauch. Konnten Anfang der 00er-Jahre mithilfe digitaler Videorekorder platzsparende Festplatten-Archive televisuell distribuierter Inhalte zur zeitversetzten oder wiederholten Rezeption angelegt werden, so ermöglichen mittlerweile diverse (Subscription-)Video-on-Demand-Dienste wie YouTube, Vimeo, Hulu, Amazon Video oder Netflix ein posttelevisuelles Fernsehen, das bei entsprechender Internetverbindung – unabhängig vom Fernsehgerät und der Programmstruktur linearer TV-Sender – potenziell immer und überall stattfinden kann. Elana Levine und Michael Newman zeichnen in diesem Zusammenhang eine Kontinuitätslinie der in unzähligen Technik-Werbungen versprochenen (Inter-)Aktivität und Agency nach, die sich stets von der jeweils vorherigen, ,alten‘ und retrospektiv mit Passivität und Weiblichkeit konnotierten Realisierungsform linearen Fernsehens abhebt (vgl. Levine/Newman 2012: 131ff.). Eine entsprechende Kontinuitätslinie folgt dabei ganz der von Markus Stauff beschriebenen Gouvernementalität des ‚neuen‘ Fernsehens (Stauff 2005), indem sie sukzessiv autonomere Subjektivierungsweisen in Aussicht stellt, die sich durch richtigen Technikgebrauch vom Flow emanzipieren und das eigene Selbst durch individualisierten Zugriff auf die Inhalte besser realisieren können.

Indem die (vermeintlich) medienspezifische Lokalität (das Private) und Temporalität (der Flow) des Fernsehens derart zur Disposition gestellt werden, berührt dies auch das – seit jeher – äußerst heterogene Feld der Fernsehwissenschaft selbst und führt hier zu disziplinären Verwerfungen und Neuanordnungen. Begriffen wie Posttelevisualität sind folglich bereits divergierende Lesarten ihrer selbst inhärent. Sie werden auf der einen Seite als neue Medienspezifik verstanden, die von Fernsehen verschieden sei, also schlicht eine Vielfalt von völlig neuen Medienformen an sich markiere: „Der Begriff Fernsehen wird auf etwas übertragen, das überhaupt kein Fernsehen ist“ (Bleicher 2012: 109). Auf der anderen Seite – die auch wir bevorzugen – kann ein ‚expanded‘ Fernsehen als Aktualisierung eines in Veränderung begriffenen Mediums besprochen werden, das ohnehin immer schon medienökologischen Wandel vollzogen hat und im Kontext von umfassenden Prozessen der ‚Remediatisierung‘ (vgl. Seier 2007) zu denken ist, also nicht ,auch‘, sondern ,vor allem‘ in seinen Bezügen zu anderen Medien. Jene Bezüge werden dabei aber nicht einfach als kleine gegenseitige Beeinflussungen zwischen distinkten Bereichen aufgefasst, sondern als die Medien überhaupt erst konstituierenden Unterstützungsstrukturen, welche einen Aspekt ihrer performativen Materialisierung ausmachen.

Tagespolitisches Fernsehen Expanded

Wir beobachten also, dass Fernsehen zunehmend in öffentliche Räume migriert oder sich dorthin erweitert – bis hin zum Ausstellen des geglückten Weltrekordversuchs im Dauerfernsehen in der Schaufensterauslage einer Möbelhauskette auf einem der historisch wichtigsten Boulevards der Stadt Wien: in der Wiener Mariahilferstraße im März 2016 (4). Ein Begriff von einer Boulevardisierung des Fernsehens würde in diesem Zusammenhang in erster Linie jenes zunehmende Hineinreichen des Fernsehens in den öffentlichen Raum beschreiben, ohne damit bereits negative Konnotationen mit sich zu bringen. Ironischerweise scheint aber auch gerade Fernsehen nicht Gefahr zu laufen, seine Boulevardisierung als Qualitätsverlust interpretieren zu lassen, da es ohnehin auf der Skala der Qualitätsmedien (in Traditionen bildungsbürgerlicher Anschauung) weit unten rangiert. Am Boulevard begegnen uns nun aber auch Variationen von erweitertem Fernsehen, die konkrete tagespolitische Inhalte an jenen Orten der Mobilität mediatisieren. Neben der Möglichkeit des Streamings via Smartphone von in Kurzformaten durch TV-Theken bereitgestellten Nachrichtenbeiträgen etwa des ORF werden auch parodistisch-politische Nachrichten in kurzer Videoform unterwegs rezipiert – die Online-Satirezeitung Tagespresse bespielt ihre Kanäle beispielsweise mittlerweile auch mit Videos, die eine Mimikry auf Fernsehnachrichten darstellen, quasi im Stil einer ZIB-Mockumentary. Dabei gehört das Bespielen eines eigenen YouTube-Kanals mit kurzen Clips, die sich an der Segmentierung der jeweiligen Sendung orientieren, für US-amerikanische Politainment-Shows mittlerweile zum guten Ton. Eines der meistbesprochenen Phänomene in diesem Zusammenhang stellen überdies die ,Infoscreens‘ dar. Sie werden als ein Paradebeispiel für Posttelevisualität beschrieben, tauchen als Leinwandprojektionen in U-Bahn-Stationen und als Flachbildschirme in Straßenbahnen auf. Vor allem diese noch recht junge Fernsehform trägt massiv zu einer Rezeption von tagesaktuellen Politika in mobilen Öffentlichkeiten bei. Dass die Boulevards und die Orte des Verkehrs aber nicht unterkomplex als Räume reiner mobiler Aktivität verstanden werden dürfen, sondern als Räume in denen eine komplizierte Mischung von Aktivität und Passivität vorherrscht, beschreibt Anna McCarthy mitunter am Beispiel daran, wie Fernsehbildschirme gedeihlich Orte des Wartens besetzen, was insbesondere auf Infoscreens zutrifft:

„[T]he screen organizes and compartmentalizes space by its physical position, and it comes to occupy that place because of an archive of formal and informal placement protocols“ (McCarthy 2001: 222).

Dieselbe komplexe Gemengelage aus Aktivität und Passivität gilt selbstverständlich auch für das nach bürgerlich-patriarchaler Logik mit Weiblichkeit und Politikferne assoziierte ,Häusliche‘ und dessen (post-)televisuelle Mobilisierung. Es ist auch bereits seit geraumer Zeit Gegenstand feministischer Fernsehwissenschaft – wie etwa Tania Modleskis Analyse der strukturellen wie funktionalen Zusammenhänge zwischen Genres des Daytime-Fernsehens, z.B. der Soap-Opera und Reproduktionsarbeit belegt (vgl. Modleski 2001 Orig. 1983).

Die von McCarthy beschriebene „continuousness of the TV schedule“ (McCarthy 2001: 196) durchläuft und durchdringt in diesem Sinne wirkmächtig die Protokolle der Routinen ebenso wie jene der Wartezeiten, sowohl des privaten als auch vermehrt des öffentlichen Fernsehens. Formate wie Infoscreens und TV-Theken, die über Smartphones rezipiert werden, gesellen sich nicht einfach nur zur Omnipräsenz von Gratiszeitungen dazu, sondern erweitern die Erfahr- und Erlebbarkeit politischer Medialität um die Perzepte und Affekte von Mikronarrationen durch (audio-)visuelle ‚Bewegtbilder‘. Es ließe sich also spekulieren, dass solche Fernsehformen in urbanen Räumen einerseits daran Anteil haben, dass eine stärkere Integration von tagespolitischen Themen, Ideen, Diskursen, sogar von damit verbundenen Vokabeln vonstatten geht – dies wäre ein Argument, das Inhalte und Themen betrifft. Die Art und Weise ,wie‘ diese Themen aber durch spezifische fernsehmediale Perzepte erfahren werden, sollte aber nicht unterschätzt werden: Auf einer solchen Ebene ließe sich nämlich die These aufstellen, dass diese TV-Formen zumindest eine gewisse Einübung und Eingewöhnung in die Rezeption von audiovisuell-seriellen Narrationen (mit politischer Denomination) forcieren und dadurch eine nicht nur inhaltliche, sondern auch formale Präferenz für das audiovisuelle Politische etwa in fiktionalen Serien bezuschussen.

Konjunkturen politischer Erzählungen

Solche fiktionalen Unterhaltungsmedien widmen sich nicht erst neuerdings politischen Stoffen. Die Mediologie kann auf eine lange Tradition politischer Erzählungen zurückblicken. Der Bogen reicht dabei von royalen Shakespeare-Dramen über Romane bis hin zu Miniserien im TV. Dass aber aktuell „eine interessante Affinität zwischen dem seriellen Erzählen und dem Thema Politik“ (Kelleter/J.S. 2014: 11) zu verzeichnen ist, wurde auch in einem Interview mit den Medienwissenschaftlern Frank Kelleter und Andreas Jahn-Sudmann resümiert. Die aktuelle Veränderung von Fernsehserien unter dem Einfluss neuer Distributionskanäle (Streaming etc.) und neuer Rezeptionsgewohnheiten (Binge Watching etc.) bringt derzeit viele Serien hervor, bei denen die Rede und zugleich Anrufung von Qualitätsfernsehen neuerlich konzentriert aufkommt. Als frommes Beispiel für Quality-TV wird eine Polit-Serie wie House of Cards dabei häufig zu allererst angeführt. Plausibilisiert wird die mutmaßlich hohe Qualität versuchsweise immer wieder an der filmisch-cineastischen Erzählweise, an der technisch aufwendigen und teuren Produktionsweise, an der Raffinesse der Montage, der Kamera- und Beleuchtungstechnik, an den eloquent geskripteten Dialogen, aber auch an den oft politischen Inhalten dieser Serien.

Festzuhalten ist dabei auch nach Kelleter und Jahn-Sudmann, dass eine Demarkation von minder- und hochqualitativem Fernsehen mediologisch keine produktive oder kritische Differenzierung darstellen kann, dass ihr umgangssprachliches Auftauchen allerdings auf einen aktuellen Korpus von Problemen und offenen Fragen hinweise, welche das Medium und die Praxiszusammenhänge in die es eingebunden ist, derzeit aushandeln. Man könnte meinen, dass eine Krise des Fernsehens, die mit seiner Boulevardisierung (etwa seiner Expansion in die Nähe der Gratiszeitung) in bestimmten televisuellen Communities eine Renitenz hervorruft, die Refugien einer gegensätzlichen Konjunktur behaupten will – also Bereiche, in denen das Fernsehen seine vermeintliche Migration in den Qualitätsverlust umgekehrt durch eine zweite Expansion hin zum Hochkulturellen kompensiere.

TV-Kritiker_innen feiern die lediglich als punktuell verstandenen medialen Wechselwirkungen zwischen Fernsehen und kulturell legitimierteren Erzählformen wie Film und Roman sowie die damit einhergehende ‚Zopfdramaturgie‘ (5) regelmäßig als Innovationsleistung des gegenwärtigen Quality-TV – meist ohne Erwähnung der entsprechenden Vorlage komplexen seriellen Erzählens in Form von Soap-Operas. Kelleter und Jahn-Sudmann argumentieren die verstärkte Investition in Polit-Serials dagegen in erster Linie anhand der strukturellen Passförmigkeit von weiten politischen Handlungsbögen für serielle Erzählformen. Als medienökologische Analyse möchte dieser Text allerdings einen Schritt weitergehen und insbesondere die in den vorangehenden Kapiteln beschriebenen Phänomene zu Kelleters und Jahn-Sudmanns These als weitere Aspekte von Möglichkeitsbedingungen der Popularisierung politischer Stoffe adjustieren. So werden beispielsweise eben auch Polit-Serials zunehmend in expandierter, posttelevisueller Form rezipiert und Serienerzählungen zugleich regelmäßig über die angenommene Grenze des Fernsehens hinweg ausgeweitet – bspw. in mockumentarischer Form anlässlich des 2013 White House Correspondents’ Dinner (6). Die entsprechenden Clips, die sich neben zahllosen politisch(-satirisch)en Kurznachrichten unterwegs am Smartphone streamen lassen und in dieser Hinsicht das audiovisuelle Gegenstück der Kurzmeldungen in Gratiszeitungen bilden, befördern dabei gewissermaßen auch die Expansion des Politischen.

Bei Betrachtung der Weltrekordler_innen im Dauer-Fernsehen, die sich im Schaufenster des Boulevards der Mariahilfer Straße am 15. März darauf einigen konnten, ihren TV-Marathon mit House of Cards zu eröffnen (4), sollte schließlich klar geworden sein, dass lange Handlungsbögen, die sich aus dem Spinnen politischer Intrigen ergeben, aus medienökologischer Perspektive zwar auch von Gewicht, jedoch nur eine Facette der vielfältigen Verschränkungen von Boulevardisierung des Politischen und Expansion des Fernsehens sind.


Stefan Schweigler ist Mitarbeiter am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft und forscht derzeit zu Mediologien von Affekt, Attachement und Assemblage.
An selbigem Institut ist Stefan Sulzenbacher Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (DOC) und promoviert zu posttelevisuellen Selbsttechnologien aus männlichkeitskritischer Perspektive.


Heft #39/2016 als .pdf

Anmerkungen:

(1) Paraphrasiert nach einem Bericht von Andrea Seier. Angaben zur Tagung von 10.–12.05.2012: http://www.univie.ac.at/Geschichte/salon21/?p=8821 (Zugriff: 02.02.2016).
(2) Petition siehe: https://secure.avaaz.org/de/petition/Mag_Maria_Vassilakou_Entfernung_der_Heute_Entnahmeboxen_aus_Bereichen_der_Wiener_Linien/?pv=4 (Zugriff: 21.02.2016).
(3) Aus dem Folder der Tagung ,Politik auf dem Boulevard? Die Rolle von Männern und Frauen bei der Popularisierung von Politik durch die Medien‘, http://www.polsoz.fu-berlin.de/kommwiss/arbeitstellen/journalistik/media/2008_02_08-Konferenz__Politik_auf_dem_Boulevard_/Programm_-_Poltik_auf_dem_Boulevard.pdf (Zugriff: 21.02.2016).
(4) Vgl. Sarah Brugner/Michael Luger (16.03.2016): Weltrekordversuch in Wien: 92 Stunden Dauerfernsehen. http://derstandard.at/2000033016270/92-Stunden-Dauerfernsehen-Weltrekordversuch-in-Wien (Zugriff: 15.04.2016).
(5) Verschachtelte narrative Muster: Sie überschreiten eine duale Struktur um die Serialisierung und Sukzessivität von vielen Rahmen- und Binnenhandlungen. Ein Problem tut sich auf; ein anderes spitzt sich zu; ein weiterer Handlungsstrang wird vorläufig beendet.
(6) Unter folgendem Link kann ein Mitschnitt des Dinners eingesehen werden: C-Span (27.04.2016): House of Cards at 2013 White House Correspondents‘ Dinner. https://www.youtube.com/watch?v=CXgq238dil0 (Zugriff: 15.03.2016).

Literatur:

Bleicher, Joan (2012): „Der Begriff Fernsehen wird auf etwas übertragen, das überhaupt kein Fernsehen ist“. Joan Bleicher über altes und ‚neues‘ fernsehen. In: montage AV Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation 21/1/2012, 109–114.
Cuntz, Michael (2012): Agency. In: Christina Bartz u. a. (Hg._innen): Handbuch der Mediologie. Signaturen des Medialen. München: Fink, 28–40.
Kelleter, Frank/Andreas Jahn-Sudmann (2014): „Eine interessante Affinität zwischen dem seriellen Erzählen und dem Thema Politik“. Von Soap Operas zum Quality TV. In: Indes. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 4/2014, 5-22.
Levine, Elana/Michael Newman (2012): Legitimating Television. Media Convergence and Cultural Status. New York: Routledge.
McCarthy (2001): Ambient Television. Visual Culture and Public Space. Durham/London: Duke Univ. Press.
Modleski, Tania (2001): Die Rhythmen der Rezeption. Daytime-Fernsehen und Hausarbeit. In: Ralf Adelmann u. a. (Hg_innen): Grundlagentexte zur Fernsehwissenschaft. Theorie ­– Geschichte – Analyse. Konstanz: UVK UTB, 376–387.
Schäfer, Andreas (2001): Die Spaßgesellschaft am Ende. Andreas Dörner findet in „Politainment“ Spuren der Politik in der medialen Unterhaltung. http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4349&ausgabe=200112 (Zugriff: 15.04.2016).
Seier, Andrea (2007): Remediatisierung. Die performative Konstitution von Gender und Medien. Münster: Lit.
Stauff, Markus (2005): ‚Das neue Fernsehen‘. Machtanalyse, Gouvernementalität und digitale Medien. Münster: Lit.
Strangelove, Michael (2015): Post-TV. Piracy, Cord-Cutting, and the Future of Television. Toronto u. a.: Univ. Press.

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