# 39|2016: Mobilität/Artikel

Mobilität und Vorurteil. Das Stigma des ,Umherziehens‘

 von Birgit Peter


Die verborgene Seite des so euphorisch verwendeten Mobilitätsbegriffs zeigt sich im historisch tradierten, sich je nach gesellschaftlichen Verhältnissen anpassende Vorurteil gegen Nicht-Sesshaftigkeit, das im Antiziganismus oder Antiromaismus seinen rassistisch motivierten Gipfelpunkt findet (vgl. End 2013: 4). Der Politologe Markus End arbeitet drei zentrale Kategorien antiziganistischer Vorurteile heraus:

„1. Die Zuschreibung einer fehlenden Identität, die sich in Vorurteilen wie ‚Nomadentum‘, ‚Heimatlosigkeit‘, ‚Religionslosigkeit‘ und ‚ständigem Umherziehen‘ ausdrückt. 2. Die Zuschreibung eines parasitären Verhaltens, die sich in Vorurteilen wie ‚Betteln‘, ‚Trickbetrug‘, ‚Arbeitsscheu‘ und ‚Sozialmissbrauch‘ zeigt. 3. Stereotype, die die Zuschreibung fehlender Disziplin und Rationalität beinhalten, wie die Vorstellungen von ständigem ‚Tanz‘, ‚impulsiver Musikalität‘, ‚feuriger Leidenschaft‘ sowie ‚Schmutz und Müll‘“ (End 2013: 4).

Diese Beschreibung findet sich historisch im Vorurteil gegen ,Fahrende Leute‘, eine zeitlich unscharfe Bezeichnung, die um 1900 als Sammelbegriff für die historisch im Mittelalter verortete Gruppe umherziehender Menschen verwendet wurde. Hier nach Anfängen zu suchen, erweist sich als komplexes Vorhaben, da umherziehende Menschen, die ihre Existenz mit bspw. Unterhaltungen bestreiten, ein universelles Phänomen darstellen. Zahlreiche Benennungen wie ,Fahrende Leute‘, ,Fahrend Volk‘, ,Vagabunden‘ verweisen auf heterogene Gruppen für die ein gemeinsamer Begriff gesucht wurde, um diese kontrollierbar zu machen. Das Gemeinsame ist dabei die Mobilität und ein prekärer gesellschaftlicher Status.

Um 1900 lässt sich im deutschsprachigen Raum wissenschaftliches Interesse an der Geschichte Fahrender Leute nachweisen. Wichtige Belege bilden die Studien des Germanisten und Kunsthistorikers Theodor Hampe, der 1902 das Buch Die fahrenden Leute in der deutschen Vergangenheit, mit der Ambition einen Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte zu leisten, veröffentlichte. Hampes Arbeit entspringt dem Anspruch, Geschichte historischer Randgruppen zu schreiben. Als Mitarbeiter des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg hatte er mit diesem Vorhaben auch den Status des historiographischen Kanons mitzubestimmen.

Seine Definition geht vom Sprachgebrauch um 1900 aus, in dem Fahrende Leute als altmodischer, doch noch bekannter Begriff von Hampe ausgewiesen wird, dessen Historie auf gesellschaftliche Distinktionsprozesse verweist (vgl. Hampe 1902: 6). Die romantische Literatur und davon geprägte Wissenschaft allerdings, so Hampe,

„hat das ‚fahrende Volk‘ mit einem verklärenden Schimmer umkleidet, der dem ‚Landstreicher‘ nicht in gleicher Weise zu teil geworden ist. Und doch bezeichnen beide Begriffe im Grunde dasselbe, nämlich, die ohne festen Wohnsitz im Lande umherstreifenden, von Ort zu Ort wandernden Leute, und die frühere Zeit wendet den Ausdruck ‚Landstreicher‘ oder ‚Landfahrer‘ in gleicher Weise für die wandernden Ärzte oder Quacksalber, Händler, Musikanten, Gaukler usw. an. Heute würden sich die Schaubudenbesitzer unserer Jahrmärkte wohl dagegen verwahren, wenn man sie ‚Landstreicher‘ titulieren wollte: zum ‚fahrenden Volk‘ gerechnet zu werden, lassen sie sich eher gefallen“ (Hampe 1902: 6).

Der angesprochene romantische Schimmer bezieht sich auf die Fertigkeiten der ,Fahrenden‘, die als künstlerische ausgewiesen werden. Spielleute auf Deutsch, joculatores auf Latein und Jongleurs auf Französisch, werden zu historischen Vorläufern darstellender Künstler. Es handelt sich dabei um nachträgliche Bewertungen der Historie Nicht-Sesshafter, die sich im 19. Jahrhundert als ,Wissen‘ verfestigt.

Ein prägnantes Beispiel für diesen Nobilitierungsvorgang bildet dabei die Geschichte der deutschen Schauspielkunst des Schauspielers Philip Eduard Devrient. Er schrieb diese als eine Entwicklungs- und Fortschrittsgeschichte der vormals wandernden Truppen hin zum Schauspieler als Künstler, dessen Ort die bildungsbürgerliche Theaterinstitution wird. Bei diesem Vorgang als Künstler anerkannt zu werden bildet ein wesentliches Kriterium dem Ruch der Nicht-Sesshaftigkeit zu entkommen.

Ebenso bedeutsam ist die Professionalisierung des Existenzerwerbs im bürgerlichen Sinne, die Erfindung des künstlerischen Berufs Schauspieler/in. Diese Anpassung der Schauspieler/innen an die bildungsbürgerliche gesellschaftliche Norm erlaubte eine Neubewertung der nach wie vor nicht-sesshaften Lebenspraxis. Das vormals scheel bewertete Reisen wandelt sich zu einem Ruhm und Glanz verheißenden Reisen, als Gastspielen und Tourneen, ein kalkulierbares Abenteuer.

Doch diejenigen, denen der Ruhm, attraktive Spielorte etc. verwehrt bleiben, galten als ,Schmierenkomödianten‘, als ,Nicht-Künstler‘. Diese Etablierung von Theaterleuten vor allem seit dem 18. Jahrhundert als Künstler, hängt unmittelbar mit der Befreiung vom Stigma des Umherziehens zusammen.

Hampes Geschichte der Fahrenden Leute beinhaltet eine bemerkenswerte Zäsur: Nach Abhandlungen über Spielleute, Vaganten und Fahrende im ,hohen Mittelalter‘ (vgl. Hampe 1902: 18–52) folgt unter der Überschrift „Gewaltige Zunahme des Bettlerunwesens“ (ebd.: 64) eine Geschichtsschreibung der ,Zigeuner‘. Hampe wertete dabei das anonym um 1509 erstmals erschienene Liber vagatorum von Matthias Hütlin aus, ein Buch über die verschiedenen ,betrügerischen Bettler‘. Die Chronik des Lübecker Dominikanermönches Hermann Cornerus (um 1435) und die Bayerische Chronik des Augustinermönches Andreas von Regensburg (um 1401–1444) sind die beiden weiteren Quellen der historischen Abhandlung. Hampe übernimmt diese Geschichtsschreibung als historische Realität:

„Das Jahr 1417 ist das erste, für das uns das Auftreten von Zigeunern auf deutschem Boden bezeugt ist. Die Chronik Hermann Corner […] berichtet zu diesem Jahre, daß eine fremde und vorher nie gesehene Menge wandernder Menschen aus den östlichen Gegenden nach Deutschland gekommen sei“ (ebd.: 77f.).

Die in den Chroniken in der Folge aufgezeichneten Bewertungen und Kategorisierungen dieser Menschengruppen reduzieren sich auf ,rastloses Umherziehen‘ und ,betrügerisches Agieren‘.

Mit der Erfindung von Zirkus um 1800 in den europäischen Metropolen Paris, London und Wien entstand allerdings neben den (National-)Theatern ein weiterer Sammlungsort für die umherziehenden Unterhaltungskünstlerinnen und -künstler. Auch der Zirkus hatte seine Geschichtsschreiber, doch diese sind nicht in den Kanon ,seriöser‘ Geschichtsschreibung aufgenommen worden, Zirkus nicht als Kunst anerkannt. Es sind hier für den deutschsprachigen Raum zu nennen: Karl Holtei, Emil Vacano, Signor Saltarino (d.i. Otto Waldemar), Signor Domino (d.i. Emil Cohnfeld) und Joseph Halperson.

Die Arbeiten dieser Zirkushistoriographen und Chronisten sind wichtige Quelle für das Leben und die Tätigkeiten Fahrender, wichtige Quelle für die Überlebenstechnik Artistik. Zirkushistoriographen widmeten sich der bis dahin nicht aufgezeichneten Geschichte umherziehender Menschen, als ,Fahrend Volk‘, ‚Saltimbanque‘ und ‚Wanderkünstlerwelt‘ bezeichnet. Es ist bemerkenswert, dass sich in der genannten Zirkusliteratur eine Differenzierung positiv und negativ bewerteter mobiler Lebenspraxis findet, ganz analog zur Theaterhistoriographie, die zwischen den Schauspielern als Künstlern und Schmierenkomödianten unterscheidet. So schreibt der Wiener Zirkushistoriker Joseph Halperson 1927:

„Welcher Abstand von den kümmerlichen Zuständen der Vergangenheit, dem sozial gedrückten, im Banne gesellschaftlicher Vorurteile lebenden vormaligen Gaukler zu dem selbstbewussten Artisten von heute! Noch gibt es natürlich zigeunernde Truppen ‚Publikspieler‘, die auf Jahrmärkten und Kirchweihen unter freiem Himmel ihre primitiven Künste in ärmlicher Umgebung zum Besten geben, Nachkommen jener Mittelalterlichen Bankisten. Sie sind die Plebs der Wanderkünstlerwelt, deren begabte und geschäftstüchtige Angehörige in komfortablen, tausende von Zuschauern fassende Etablissements auftreten, in großen Wandergesellschaften engagiert sind, die mit einem vielgegliederten Apparat an Menschen, Tieren, Requisiten in Extrazügen den Erdball durchqueren“ (Halperson 1926: 10).

Halperson, dessen Buch vom Zirkus den nicht-geachteten Zirkusleuten ein Denkmal setzte, arbeitet mit denselben Vorurteilen gegen Nicht-Sesshafte, gegen die er doch anschreiben wollte. Die ,zigeunernden Truppen‘, die er hier diffamiert, zeichnen sich durch Armut aus, ihre artistischen Produktionen werden als ,primitive Kunst‘ bezeichnet.

Im Nationalsozialismus lässt sich eine besonders perfide Wortklauberei in Zusammenhang mit antiziganistischen Vorurteilen gegen ,Fahrende Leute‘ feststellen. Im 1937 erschienen Buch Manege frei! von Hermann Dembeck findet sich folgendes Zitat:

„Die Fahrenden haben irgendwann einmal den Begriff des Zirkuszigeuners erfunden. Mit dem Zigeunervolk hat dieser Begriff nichts zu tun. Zigeuner, jene Angehörige des nomadisierenden Volkes, haben bei den Fahrenden nichts zu schaffen. Kein Wanderzirkus würde einen wirklichen Zigeuner auch nur einen Tag beschäftigen. Zur Arbeit sind diese Vaganten der Landstraße aller Völker der Erde nicht brauchbar, und Roßtäuscher oder Wahrsager braucht man nicht einmal im kleinsten Freiluftzirkus“ (Dembeck 1937: 114).

Um 1937 wurden in Sammellagern Menschengruppen zusammengepfercht, die als ,Zigeuner‘ vermessen, kategorisiert und ethnisiert wurden. Mit der Ethnisierung Umherziehender als ,wirkliche Zigeuner‘ oder ‚nomadisierendes Volk‘ will Dembeck gegen das gesellschaftlich tief verankerte Vorurteil gegen Fahrende Leute anschreiben, dabei aber auf die romantisierende Aura des Wortes Zigeuner nicht verzichten.

Reisenden Zirkusleuten haftet bis heute (vor allem in Österreich) ein sich romantisierend oder verächtlich artikulierendes Vorurteil gegen ihre Lebenspraxis an. Gastiert ein Wanderzirkus an der Peripherie einer Stadt wie Wien, finden sich in kürzester Zeit Nachrichten über entlaufene Lamas in Medien, Tierschutzdebatten, die den Zirkusleuten, Quälerei und Profitgier unterstellen, eine Gesetzesübertretung suggerieren. Dies wird nicht beachtet, da es sich um eine inzwischen sehr kleine Gruppe von Menschen, handelt. Auf die größte nicht-sesshafte Gruppe der Gegenwart, die Refugees, wird zurzeit das gesamte Spektrum des antiziganistischen Vorurteils projiziert.

Mobilität wird in einer neoliberal ausgerichteten Gesellschaft als hoher Wert angesehen. Mobilität von Studierenden und Lehrenden gilt als Grundvoraussetzung gelungener oder gelingender akademischer Karrieren, ebenso wie in privatwirtschaftlichen Karrierewegen. Vielsprachigkeit und Flexibilität, die Bereitschaft private Lebenswünsche den höheren Zielen eines Arbeitgebers/einer Arbeitgeberin unterzuordnen wird als ausgezeichnete Voraussetzungen für die Erlangung gutbezahlter Jobs erwartet. Mobilität zeichnet sich durch eine gewisse Freiwilligkeit aus, aber auch durch den gesellschaftlichen Konsens, dass es sich hier um einen Wert handle.

Unfreiwillige Mobilität, erzwungene, wie Flucht und Migration, oder aber dem gesellschaftlichen Konsens zuwiderlaufende Lebensentwürfe führen zur Stigmatisierung von ,Nicht-Sesshaftigkeit‘ und ,Umherziehen‘, die einen Ausschluss aus der (neoliberalen) Gesellschaft zur Folge hat.


Birgit Peter hat sich mit einer Arbeit über Zirkus für Theaterwissenschaft habilitiert und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin des historischen Archivs am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.


Heft #39/2016 als .pdf

Bibliographie:

End, Markus (2013): Was ist Antiziganismus? In: Antiziganismus in Österreich. Dokumentation rassistischer Vorfälle gegen Roma/Romnja und Sinti/Sintize. Informationen über Opfer und ZeugInnen von Rassismus. Romano Centro, Sonderheft 78., Dezember 2013, S. 4–5.

Dembeck, Hermann (1937): Manege frei! Mit Zeichnungen von Heinz Rammelt. Berlin: Buchmeister.

Devrient, Eduard (1861): Geschichte der deutschen Schauspielkunst. 9 Bde., Bd. 4: Das Hoftheater. Leipzig: hg.v. J. J. Weber (= Dramatische und Dramaturgische Schriften von Eduard Devrient 8).

Halperson, Joseph (1926): Das Buch vom Zirkus. Beiträge zur Geschichte der Wanderkünstlerwelt. Düsseldorf: ed. Lintz.

Hampe, Theodor (1902): Die fahrenden Leute in der deutschen Vergangenheit. Mit 122 Abbildungen und Beilagen nach Originalen, größtenteils aus dem fünfzehnten bis achtzehnten Jahrhundert. Leipzig: Eugen Diederichs (= Monographien zur deutschen Kulturgeschichte hg.v. Georg Steinhausen X).

 

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