# 41|2017: Kritische Europaforschung/Allgemein/Rezensionen

Club of Vienna (Hg.) (2016): Wie viel Geld verträgt die Welt? Analysen und Alternativen, Wien: Mandelbaum

Club of ViennaMit Wieviel Geld verträgt die Welt hat der Club of Vienna, eine international tätige Denkfabrik, ein aktuelles Werk der kritischen Betrachtung geltender Finanz- und Währungspolitik für die Edition „kritik & utopie“ des Mandelbaum Verlages verfasst. Anlässlich der Folgen der Finanzkrise von 2008 sowie im Anschluss an eine 2015 stattgefundene Tagung des Clubs, welche die Priorität der Stabilisierung des bestehenden Finanzsystems über allen anderen Problemen konstatierte, soll dieses Werk ganz offensiv der Frage „Wie viel Geld verträgt die Welt?“ nachgehen, und dabei mit einer kritischen Analyse Alternativen zum herrschenden ‚Turbokapitalismus‘ anbieten.

Eine Einführung in die Materie wird anhand eines aristotelischen Erklärungsansatzes dargeboten. Dieser konstatiert, dass durch die Einführung des Bruttonationalproduktes Geld von der ‚causa efficiens‘, der Wirkungsursache, zur ‚causa finalis‘, der Zweckursache, und damit zum Selbstzweck gemacht wurde. Da die Rolle des Geldes in heutigen Zeiten den Menschen geradezu unmündig macht, sieht sich das Buch als ein „Beitrag zur Aufklärung“, der/dem Leser/in „ein Stück Mündigkeit“ (12) zurückgeben soll denn der neoliberale Kapitalismus sei durch die ihm inhärente Entmündigung des Menschen ein Projekt der Gegenaufklärung. Der Hauptteil des Buches besteht aus Beiträgen von fünf AutorInnen zu der Thematik sowie einer abschließenden Podiumsdiskussion. Den Anfang macht Mathias Binswanger, der für das Verständnis der Funktion des Geldes die Ursprünge von Geldschöpfung erläutert. Binswanger identifiziert vor allem den Mechanismus der Geldschöpfung durch private Geschäftsbanken als Angelpunkt des Kontrollverlustes, den die Zentralbanken und damit die Staaten in den vergangenen Jahrzehnten erfuhren.

Mechthild Schrooten führt die Leser/innen in ihrem Beitrag an einen kommunikationstheoretischen Zugang zu Geld heran. Einfache BürgerInnen hätten in der Gesellschaft einen kommunikativen Nachteil im Vergleich zu Unternehmen, die ihre Ziele von Gewinn und Rendite klar vermitteln könnten. Private Haushalte hingegen könnten ihre Ziele vor dem Staat nur unzureichend definieren, was ihre Verhandlungsmacht schwäche. Eine zu großen Teilen auf das Wohl von Unternehmen fokussierte Wirtschaftspolitik führe zu weitreichenden, aber nicht absehbaren Konsequenzen.

Gleich zwei Beiträge widmen sich dem Konzept des Vollgeldes als Lösungsansatz für finanzmarktbedingte Probleme. Nach diesem Konzept würde es kein sogenanntes ,Giralgeld‘ mehr geben, das von Banken nahezu unbegrenzt geschöpft werden kann. Stattdessen würde jegliches Geld von Zentralbanken geschöpft und diese hätten die volle Kontrolle über die ausgegebene Geldmenge.

Stephan Schulmeister spricht sich in seinem Beitrag gegen die Einführung eines solchen Systems aus. So sei etwa die Wirtschaftsentwicklung der Nachkriegszeit nur durch das flexible Kreditgeldsystem möglich gewesen, was darauf hinweist, dass das System für die Funktionsfähigkeit einer Marktwirtschaft nicht hinderlich sei (vgl. 79). Danach wird ausführlich erläutert, warum die Einführung eines Vollgeldsystems mögliche Krisen nicht verhindern und die wirtschaftliche Entwicklung sogar hemmen kann. Im Gegenzug werden alternative Maßnahmen für Einschränkung von ,destabilisierender Finanzspekulation‘ und Rückverlagerung zu realwirtschaftlichen Aktivitäten vorgeschlagen.

Christian Felber hingegen verweist auf eine isländische Studie, die dem Vollgeldsystem vielversprechende Ergebnisse prognostiziert. Eine Vollgeldreform könnte Geld zu einem öffentlichen Gut machen, welches allein dem Gemeinwohl dient, und gäbe dem Staat direkte Kontrolle, unproduktive ‚Geld-aus-Geld-Geschäfte‘ der Finanzmärkte einzudämmen. Häufig geäußerte Kritikpunkte an der Theorie hingegen beruhen auf Missverständnissen oder seien unbedeutend. Die Betrachtung einer Thematik aus der Perspektive von zwei verschiedenen Standpunkten ist erfrischend und bietet eine aufschlussreiche Analyse.

Margit Appel spricht in ihrem Beitrag zu Geld aus feministischer Perspektive eine Reihe von interessanten Aspekten an. Unter dem Thema ,Preis des Geldes‘ wird etwa die von Christina von Braun vertretene These, dass Geld seinen Stellenwert durch die dafür gebrachten Opfer erhält, auf die geschlechtsspezifische Aufteilung dieser Opfergaben ausgeweitet. Diese geschlechtsspezifische Zweiteilung zieht sich in den Auswirkungen des „patriarchalen finanzmarktgetriebenen Kapitalismus“ (164) fort, die Gender-Normen verstärken und auch abschwächen können. Geltende Überzeugungen über Geschlecht und Geld enthalten etwa positive und negative Diskriminierungen – beispielsweise „Frauen gehen mit Geld moralischer um“, und in Diskursen über die als obligatorisch konstruierte „Finanzbildung“, mit denen Frauen ohne Wohlstand und Einkommen nicht aufwarten können. Zum Abschluss präsentiert Appel vier Stichworte die anstoßen sollen, die zweigeteilte Ordnung der Ordnung des Geldes zu überwinden.

Eine abschließende Podiumsdiskussion, in dem sich die Vortragenden der Tagung des Club of Vienna dem Thema widmen und Fragen von TeilnehmerInnen entgegennehmen, bietet einen überzeugenden Abschluss des Buches.

Der hier gebotene Exkurs über die Welt des Geldes ist kein leichter – hochtrabende Fachbegriffe wie Subprime-Kredite, Geldmengenaggregate, deflatorische Lücken, Quantitative Easing, Umlaufsgeschwindigkeit und Kaufkraftparität dominieren die Ausführungen der AutorInnen. Die Brisanz dieser komplexen Sprache wird besonders deutlich, betrachtet man die Warnung von Stephan Schulmeister, wonach sie „wie früher das Lateinisch der Ärzte und Priester“ den Blick vernebelt und zielgerichtetes Handeln zu verhindert droht. Gerade deswegen ist der Diskurs ein wichtiger, will man sich den Themen Finanzpolitik, Geldwirtschaft und Neoliberalismus annähern, die unsere bestehende Gesellschaftsordnung so stark beeinflussen.

Florian Mark studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien.

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