# 41|2017: Kritische Europaforschung/Allgemein/Rezensionen

Birgit Peter/Gabriele C. Pfeiffer (Hg.) (2017): Flucht – Migration – Theater. Dokumente und Positionen, Wien/Mainz: Vienna University Press bei V&R unipress

untitled„Damit der Pass nicht mehr der edelste Teil des Menschen ist.“ (43) Was ist eine Fluchtroute und wie verändert sie sich durch Politik, durch Zivilgesellschaft, durch Überschreiten von Grenzen? Wie können Theaterproduktionen diese gesellschaftspolitischen Fragestellungen verarbeiten? Und wie verdammt cool sind die performativen Arbeiten der Theatergruppe God‘s Entertainment? Integrierendes Potential von Theater und seine Transkulturalität, der Zusammenhang sozialer Bewegungen und Kunstproduktion, das sind nur ein paar Schlagworte zu Themen, die in Flucht – Theater – Migration verhandelt werden.

Die Intention des Buchs zur Ringvorlesung des „Langen Sommers der Migration 2015“ des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, der Archivierung von Dokumenten des komplexen und schwer einzufangenden Themas ,Flucht‘, kann als durchaus gelungen bezeichnet werden. Erklärtes Ziel der Autor_innen selbst ist es „Wissenschaft und Theaterpraxis zusammenzuführen, um einen öffentlichen Diskurs herzustellen und die Positionierung der Universität als Ort der Auseinandersetzung gesellschaftspolitischer Debatten zu diskutieren“ (12). Der in sechs Kapitel gegliederte Sammelband enthält über 60 Beiträge von geflüchteten Studierenden, Kunstschaffenden und Lehrenden. Er ermöglicht einen vielseitigen Einblick in die unterschiedlichen Herangehensweisen, um sich mit geflüchteten Menschen im Kontext „theatraler Handlungen“ (13) auseinanderzusetzen und versucht einen Ort der Repräsentation bereitzustellen. Die Herausforderungen der Gratwanderung zwischen adäquater Repräsentation und Instrumentalisierung von Flüchtlingen wird von verschiedenen AkteurInnen aus der kulturpolitischen Szene besprochen. Aus postmigrantischer Perspektive schildert eine Theaterschaffende von stereotypischen Rollen(-zuschreibungen). Ein anderer Beitrag behandelt die performative Wirkung von Grenzen und ihr identitätsstiftendes Moment. Am Ende des ersten Kapitels ist der Drang nach ,Multikulti-Theater‘ in mir so stark, dass die harten und ehrlichen Worte Natalie Ananda Assmans, einer Theaterschaffenden, die über ihre Arbeit mit Geflüchteten schreibt, meine Euphorie gerade noch rechtzeitig stoppen können.

Am Beispiel des Lebens Johnny Mannas wird die Komplexität und das Paradoxon ,der Flüchtlingsrolle‘ auf und abseits der Bühne verhandelt. Ein für mich besonders spannender und zentraler Teil des Buches ist die verschiedenartige Auseinandersetzung mit Elfriede Jelineks Schutzbefohlenen, im Besonderen der Inszenierung durch der Theatergruppe „Die schweigende Mehrheit sagt JA!“. In mehreren Beiträgen wird diskutiert, wie durch politischen Aktionismus Handlungsspielräume eröffnet werden können. Die gesetzlichen und geographischen Hindernisse einer Fluchtroute, Europa und die Asylpolitik der EU und ihrer Mitgliedsstaaten, den daraus resultierenden Folgen für Geflüchtete, Fluchthelfer_innen, und deren diskursiver Konstruktion wird Raum geboten. Der Heimatbegriff als zentrales Element von Migration wird dekonstruiert. „Strategien des Protests“ (162) durch kulturpolitischen Aktivismus werden vorgestellt. Die mediale und zivilgesellschaftliche Wirkungsmacht des politischen Aktivismus werden in diversen Beiträgen einfach an die Leser_innen herangetragen und erzeugen in mir das Gefühl, sofort handeln zu müssen und zu können. Wo und wie man was tun kann, wird durch das Vorstellen verschiedener Vereine und Aktionen sowie deren Partizipationsmöglichkeiten in einen überschaubaren Rahmen gebracht. Die wunderschön verstörenden Bilder des Künstlers Antonio Zapatas können in Detailausschnitten bestaunt werden. Gedanken zu der Konstruktion ,des Anderen‘ und einer ,gemeinschaftlichen europäischen Identität‘ werden nicht nur in diesem Beitrag zerpflückt und in einer akademischen, aber leicht verständlichen Sprache dargelegt. Dokumente zum Refugee Protest Camp erinnern an die in den Hungerstreik getriebenen Geflüchteten in der Votivkirche und den Protestmarsch nach Traiskirchen. Die Dokumentation der Berichterstattung diverser österreichischer Tageszeitungen hingegen ist äußerst irritierend, da sie institutionalisierten Rassismus sichtbar macht. Sehr ansprechend ist der Beitrag zu dem ,internalisiertem Außenseitertum‘ im Kontext Georg Kreislers theatraler Arbeiten, die zur Selbstermächtigung auffordern und das ,Exil als Identitätscharakteristikum‘ erklären. Immer wieder erinnern Stimmen historischer Flüchtlinge, sei es aus dem Bosnienkrieg oder, wie in Georg Kreisler und Fritz Hochwälders Fall, aus Nazideutschland an dramatisierende Fluchterfahrung und ihre theatrale Aufarbeitung. Der Gebrauch des Wortes Flüchtling im Vergleich zu anderssprachigen Bezeichnungen von Schutzsuchenden, z.B. ,refugee‘ ist ebenfalls ein Denkanstoß. Die Analyse der Durchsetzung und Vermittlung europäischer Werte in historischen europäischen Opern führt die kulturelle Reproduktion der Angst vor ,dem Fremden der unsere Frauen misshandelt‘ vor Augen. Was sind sie denn, unsere europäischen Werte? Postdramatische Inszenierungen als Momente der Erkenntnis werden beschrieben und gedeutet.

Der Sammelband eignet sich im Besonderen für all jene, die sich für politisches Theater interessieren, jedoch wenig Vorkenntnisse haben, aber auch für die, die sich mit der Verarbeitung von Fluchterfahrungen auseinandersetzen wollen. Die Verknüpfung von Politik und Theater, sprachliche Analysen und Erfahrungsberichte von politischen AktivistInnen und Kulturschaffenden führen in die Zusammenhänge und Herausforderungen der aktuellen europäischen Asylpolitik und Kunst ein. Orte und Dokumente am institutionellen Rand der Kunstproduktion und Fluchterfahrung werden einzufangen versucht. Durch die Mitarbeit von Studierenden und Geflüchteten ist der Sammelband eine gute Mischung aus wissenschaftlichen Artikeln und Erfahrungen von Menschen, die neu in dieser Welt sind. Die Lektüre bleibt spannend.

Mara Colnago, Studierende der Politikwissenschaft an der Uni Wien, Betreuerin in der Wohnungslosenhilfe der Stadt Wien, Theaterbegeisterte, Mensch.

 

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