# 41|2017: Kritische Europaforschung/Allgemein/Rezensionen

Achille Mbembe (2014): Kritik der schwarzen Vernunft, Berlin: Suhrkamp

58614Die Begriffe „Neger“ (1) und „Rasse“ sind Zwillingsgestalten ein und desselben Wahns – der schwarzen Vernunft – welche historisch den Grund und Boden für das ,westliche‘ Projekt der Moderne bildete (vgl. 12). Der postkoloniale Philosoph, Historiker und Politikwissenschaftler Achille Mbembe beginnt sein Buch, welches den selbstbewussten Titel Kritik der schwarzen Vernunft trägt, mit folgenden radikalen Thesen: Der gegenwärtige Neoliberalismus, welcher aus einer Verschmelzung des Kapitalismus mit dem Animismus entsteht, führt zu einer ,Rebalkanisierung‘ der Welt (17f). Selbst Europa wird dabei nicht mehr von der ,Gewalt des Kapitals‘ verschont und zu einer ,Provinz‘ unter anderen herabgestuft (vgl. 19f.). Die „Grunderfahrung unseres Zeitalters“ (11) besteht deshalb darin, dass Europa nicht mehr das Gravitationszentrum der Welt bildet – mit radikalen Folgen „die unser zukünftiges Verständnis der Rasse und des Rassismus bestimmen“ (18). Indem die ganze subalterne Menschheit denselben systemischen Risiken ausgesetzt ist wie die ,Neger‘ im Frühkapitalismus, lässt sich eine tendenzielle Universalisierung der ,conditio nigra‘ feststellen: Die Welt wird ,schwarz‘. ,Neger‘ verweist somit zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit nicht mehr nur auf die Lage der Menschen afrikanischer Herkunft in der Epoche des Frühkapitalismus (vgl. 20f.).

Folgen und Umbrüche wie diesen, viel mehr aber noch deren treibende Kraft – die schwarze Vernunft, will der kamerunische „Star“ des Postkolonialismus, Achille Mbembe, deshalb untersuchen. Er widmet sein Buch dabei insbesondere der Geschichte der schwarzen Vernunft, um ihre Ursprünge und ihr Wirken zu verstehen. Dies immerzu in Hinblick auf die Frage, wie Differenz und Leben, Gleiches und Ungleiches, Überschießendes und Gemeinsames gedacht werden können (vgl. 24).

Ausgehend von der schwarzen Erfahrung und in der ständigen sprachphilosophischen Auseinandersetzung mit den Worten bzw. der Bedeutung der Worte ,Neger‘, ,Rasse‘, ,Afrika‘, bewegt sich Mbembe interdisziplinär, überwiegend jedoch diskurs- und psychoanalytisch, durch die Geschichte. Zunächst beginnend mit dem atlantischen Sklavenhandel, in welchem er nicht nur die Verkettung par excellence des Kapitalismus mit dem Rassismus feststellt, sondern auch das „Taufbecken unserer Moderne“ (33) erkennt. Anschließend unter voraussetzungsreichen Anklängen u.a. an Foucault, Derrida, Deleuze, Lacan, Fanon und Césaire, arbeitet er sich, zum Teil poetisch abschweifend zum Teil mit deutlichen und starken Worten, an der schwarzen Vernunft ab. Diese schwarze Vernunft, im französischen Originaltitel eigentlich ,Negervernunft‘ (raison nègre), bedeutet für ihn vielfaches: „Gestalten des Wissens; ein Ausbeutungs- und Ausraubungsmodell; ein Paradigma der Unterwerfung und der Modalitäten ihrer Überwindung; und schließlich einen psychischen Traumkomplex“ (27). An ihren historisch-konkreten Erscheinungsorten – wie etwa der ,Plantage‘ – zeigt er mit tiefen Bildern insbesondere die psychologischen Auswirkungen auf den (Kolonial-)Herrn und seinen (Sklaven-)Knecht; die Auswirkungen nicht nur auf das der schwarzen Vernunft unterworfene, sondern auch auf das sie ausübende Subjekt.

In seiner Reflexion stellt sich Mbembe zudem der schwierigen Frage, welche Reaktion es als – wie er sich selbst bezeichnet – afropolitaner Bürger auf ,Unterjochung‘, ,Entwürdigung‘, ,Verdinglichung‘ brauche, um in Fragen von Identität(-skonstruktion), nicht auf problematische Differenzierungen und Konzepte zurückzugreifen. Dabei durchquert er die Reflexionen eben jener, denen all diese Gräueltaten widerfahren sind. Offen kritisiert er die darin und dadurch erfolgten Exklusionen, wie auch allgemein die Reproduktion und unkritische Wiederaneignung von Begriffen und Kategorien im Verlauf der Geschichte. Beispielhaft wird dafür die Kategorie der ,Rasse‘ angeführt: „Man wehrt sich nicht gegen die Zugehörigkeit des Negers zu einer eigenen Rasse, sondern gegen das an diese Rasse geknüpfte Vorurteil ihrer Minderwertigkeit“ (173). Doch schafft er es letztendlich – wenn auch wie es scheint nur unter der Zuhilfenahme der Gedanken des Poeten Aimé Césaire – zu zeigen, wie eine kritische Wiederaneignung der ,Rasse“‘in seinem Sinne funktionieren kann: „Bei Césaire jedoch, führt die Sorge um den schwarzen Menschen nicht zu einer Abspaltung von der Welt, sondern zur Bejahung ihrer Vielfalt und zur Notwendigkeit, Trennwände abzubauen“ (287). Zu Ende des Buches werden sie deshalb von Mbembe nochmals in anderer Form aufgegriffen.

Kritik der schwarzen Vernunft ist, wie Achille Mbembe selbst schreibt, vor allem eines, ein ,Essay‘ und „Teil eines Reflexionszyklus, der mit De la postcolonie (2000) begann, mit Sortir de la grande nuit (2010) fortgesetzt wurde und mit der vorliegenden Arbeit über den Afropolitanismus seinen Abschluss findet“ (25) (2). Wer demnach ein klar strukturiertes und stringentes Buch erwartet wird enttäuscht, denn dieser Essay, diese Reflexion, folgt verschiedensten Disziplinen, spricht viele Sprachen und nimmt nicht selten poetische Züge an. Vor dem Hintergrund der Debatte Panafrikanismus vs. Afropolitanismus bezieht Achille Mbembe mit Kritik der schwarzen Vernunft Stellung für den Afropolitanismus, dessen Position Armin Osmanovic, Leiter des Rosa-Luxemburg Büros Westafrika, passend zusammenfasst und ganz nebenbei Mbembes Projekt auf den Punkt bringt: „Im Kern geht es […] um eine Verschiebung der Sprache und eine […] Öffnung Afrikas in die Welt. Der einstmals vorherrschende Opferdiskurs ist Vergangenheit. Afrikas Intellektuelle geben sich selbstbewusst und wollen sich in universelle Diskurse einbetten“ (3). Ob eben dieses Projekt gelungen ist, hängt bei diesem Buch sehr stark vom Zugang des Lesers ab. Wer der Kritik der schwarzen Vernunft deshalb mit den Maßstäben ,westlicher‘, akademischer Literatur entgegentritt und explizit gemachte Thesen, Argumentationsgänge und Konklusionen erwartet, wird enttäuscht sein oder sogar verzweifeln. Wer sich aber auf eine poetische Reise, auf mal verflochtene, mal klare Gedankengänge und auch Bilder einlässt, der kann bei Mbembe tiefe Eindrücke in die Geschichte und anregende Inspirationen erfahren – ein Wissen das um nichts weniger wertvoll ist.

Tobias Doppelbauer studiert Politikwissenschaft und Philosophie, ist Mitglied der Redaktion und freut sich über Kritik, Anmerkungen und Diskussion.

Anmerkungen:

(1) Der Begriff ,Neger‘ wird vom Autor dieses Textes im Folgenden als der reine Verweis auf den von Achille Mbembe beschriebenen und analytischen Sachverhalt ‚Lage der Menschen afrikanischer Herkunft im Frühkapitalismus‘ bzw. ‚Lage der subalternen Menschheit im heutigen Kapitalismus‘, gebraucht. Um sicherzustellen dass der Begriff im Sinne und nach dem Wissen von Achille Mbembe angewandt wird, geschieht dies hier nur in (in-)direkter Zitatform.

(2) Die beiden anderen Werke Achille Mbembes Rexflexionszyklus’ erschienen erst kürzlich auf Deutsch unter: Mbembe, Achille (2016): Ausgang aus der langen Nacht. Versuch über ein entkolonisiertes Afrika. Suhrkamp, Berlin bzw. Mbembe, Achille (2016): Postkolonie. Zur politischen Vorstellungskraft im gegenwärtigen Afrika. Turia + Kant, Wien.

(3) https://www.rosalux.de/news/42797/afrika-neu-denken-vom-panafrikanismus-zu-afropolitanismus.html (Zugriff 26.02.2017).

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