# 41|2017: Kritische Europaforschung/Rezensionen

María do Mar Castro Varela/Paul Mecheril (Hg.) (2016): Die Dämonisierung der Anderen. Ras-sismuskritik der Gegenwart, Bielefeld: transcript

CastroVarela_Die-Daemonisierung-der-AnderenDie Dämonisierung der Anderen handelt laut seinen Autor_innen von den Möglichkeiten unserer Zeit, eine bestimmte soziale Ordnung mittels Strukturkategorien, durch Inklusions- und Exklusionsmechanismen, aufrechtzuerhalten. Die dazu notwendigen Mittel sind gewaltvoll sowie macht- und herrschaftsförmig. Im Sammelband werden aktuelle politische Debatten um Flucht und Migration, die Werte Europas und das Verhältnis zwischen Sicherheit und Terrorismus in unterschiedlich gelagerten Artikeln verhandelt, die sich alle an Theorien und Thesen der Postcolonial Studies orientieren bzw. auf diese referenzieren. Die größte Beachtung finden aus aktuellem Anlass die Grenzziehungsversuche einer kulturellen Differenz zwischen Islam und Christentum. Die Autor_innen legen dar, wie in Zeiten politischer Unsicherheit solche Versuche, um der Stabilisierung der inneren Ordnung willen, tendenziell an politischem Gewicht gewinnen. Im Buch werden daher rassistisch motivierte Ressentiments analysiert, die derzeit nicht nur rechtspopulistischen bis -extremen Gruppen in allen Ecken Europas Aufwind geben, sondern durch die Aktualisierung und Verschärfung des dahinterliegenden Sicherheitsdispositivs auch soziale und bürgerliche Errungenschaften gefährden. Die Bedeutung Europas und seiner Werte für den Rest der Welt – der große diskursive Ankerpunkt der vorgestellten Texte – müssten endlich im Sinne der Dialektik der Aufklärung ,entzaubert‘ werden, so die Autor_innen. Doch Europa ist kein Akteur mit klaren Zielen und einem einheitlichen Vermächtnis, sondern ein Gefüge aus Akteur_innen, Institutionen und Infrastrukturen mit teilweise sehr unterschiedlichen Interessen und Wirkmächtigkeiten.

Im komplexen politischen System Europas sind auch Affekte seit jeher von großer Bedeutung. Die Fremden, die ,Anderen‘, ,Geister‘, ,Vampyre‘ und das Unheimliche – sie erzeugen Furcht, Ekel, Angst und Hass. Die Dämonisierung der Anderen enthält Texte, die versuchen diesen Fragen von Affektlogiken und -politiken der Inklusion und Exklusion in Europa nachzuspüren. Die Fragen sind alt, die Beschreibungen und Analysen jedoch aktuell und was die Beschäftigung mit anti-muslimischen Rassismen betrifft, bearbeiten sie sogar hauptsächlich Ereignisse der letzten fünf bis zehn Jahre.

Die 13 Artikel befassen sich mit anti-muslimischen Rassismen; Antisemitismus; Terrorismus und Sicherheitsdispositiven; europäischen Auffassungen von Barbarei und Zivilisiertheit; Ideologie- und Fachkritik an den Postcolonial Studies; neueren Bewegungen des Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit in Europa, aber insbesondere in Deutschland; mit der Verzahnung von Rassismus und Sexismus; mit der Rolle medialer Öffentlichkeiten; mit Affekten; nach Hannah Arendt mit einem Recht auf bürgerliche Rechte und Bildung; mit der Silvesternacht 2015/2016 von Köln und ihren Konsequenzen; mit Räumen und Orten des Rassismus sowie neokolonialen Mustern der Landnahme.

Meine Bewertung der Lektüre fällt ambivalent aus. Ambivalent, weil der Inhalt hoch politisch, wichtig und mitreißend ist und zu einer eindeutigen Positionierung auffordert – ambivalent weil ich glaube, dass Aktivismus der Theoriebildung insofern schaden kann, als sie dadurch zu einfach und zu oberflächlich gerät, weil man in der politischen Auseinandersetzung rasch Antworten parat haben muss. Die linken Debatten um race, Flucht und Migration werden auch in der Wissenschaft ,grantig‘ geführt; das hat vielerlei Gründe. Das gewaltige Unrecht, mit dem man sich konfrontiert sieht, verleitet oft dazu. Affekte machen uns aber nicht unbedingt gescheiter, sie können uns auch die Sicht verstellen. Das Buch ist dennoch wichtig und lesenswert, und zwar im Kontext einer Geschichtsschreibung der ,Anderen‘, und als Erinnerung an schmerzhafte Wahrheiten europäischer Geschichte und Geschichtsschreibung. Es gibt Kontext und Argumentationshilfen, z.B. zu den Ereignissen von Köln, und ermöglicht damit die eigene Position zu reflektieren, eigene Erfahrungen einzuordnen. Eine unbequeme, unabgeschlossene Lektüre, die zum Weiterdenken zwingt.

Melanie Konrad ist Dissertantin am ipw, Lehrbeauftragte am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft (tfm) und Mitglied der Redaktion.

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